Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juli 2008
A-Be-Bu und drauß’ bist du
von Elsa Rieger

Irma wurde Pearl genannt, seit sie um ihren schlanken Hals eine Kette aus Kunstperlen trug, die sie auf der Straße gefunden hatte. Die mattweißen Perlen waren ihr ganzer Stolz. Sie hatte noch nie so etwas Schönes besessen.
„Die Klunker passen zu dir“, sagte ihr Vater.
„Wo könnte ich jetzt sein, wenn du mir nicht das Balg gemacht hättest“, jammerte die Mutter an manchen Tagen. Dann schenkte ihr der Vater einen weiteren Schnaps ein. Waren die Flaschen leer, schickte er Pearl in den Supermarkt. Die Kassiererinnen grinsten nicht einmal mehr, wenn sie Gin, Wodka und Bier auf das Band legte. „Na, schon wieder alle?“
Gewöhnlich kamen um sechs Freunde mit Nachschub vorbei. Dann ging es hoch her und bei Streit flogen die Fetzen. Pearl verzog sich in die Diele, wo sie nur die Klospülung auszuhalten hatte. Ihr Bett stand im Elternschlafzimmer, von der Küche durch einen Vorhang getrennt, und bald konnte Pearl beim Gegröle nicht mehr einschlafen. Sie richtete sich ein Lager im Vorzimmerschrank ein, da war sie fünf. Mit Decken und Kissen dämmte sie die Wände und in ihrem Schutz streichelte sie den abgelutschten Stoffhasen oder polierte die Perlenkette mit einem rosa Seidentuch, das im Stiegenhaus gelegen hatte. Pearl mied die Küche, wenn Vaters Freunde da waren. Einer hatte sie mal auf seinen Schoß gesetzt, sie spürte am Hintern etwas Hartes in seiner Hose wachsen. Als sie davon wollte, packte der Vater sie und drückte sie wieder auf die Schenkel seines Kumpels. „Sei gefälligst nett zu unserem Gast“, grinste er. Ab einem gewissen Pegel vergaßen alle auf Pearl und sie schlüpfte hinaus.
„Tanz für uns“, johlte der Vater an manchen Abenden und stampfte auf den Boden. Dann hatte sie keine Wahl, ging in die Küche und drehte und wiegte sich zur immer gleichen Schallplatte von Gilbert Becaud.
La place Rouge était vide
Devant moi marchait Nathalie …

Nachher durfte sie wieder davonhuschen. Pearl hatte sich angewöhnt, durch die Wohnung zu schleichen, unsichtbar, lautlos, um den harten Fingern der Mutter auszuweichen, die ihre Arme oder den Nacken quetschen wollten.

Mit neun schoss Pearl in die Höhe, im Kasten wurde es zu eng und sie musste wieder auf dem Klappbett liegen. Von dort lauschte sie dem Lärm, bis ihre Eltern im Morgengrauen ins Bett fielen. Sie studierte ihre Gesichter mit den halboffenen Mündern, blies ihnen ihren Atem in die Kehle und wünschte, sie würden davon sterben.
Nur ihre beste Schulfreundin Micki wusste, wie es Pearl erging.
„Vielleicht solltest du besser in einem Kinderheim wohnen“, meinte sie.
„Ich muss meinen Kasten irgendwie größer machen“, murmelte Pearl schlaftrunken.
Die Freundin rüttelte sie. „Wach auf, es ist gleich Mathe!“
An diesem Tag ging Pearl mit ihr nach Hause. Mickis Mama hatte Hühnchen mit Kartoffelpüree gekocht und Pearl aß, bis sie sich erbrach. Von der Toilette aus hörte sie Micki und ihre Mama flüstern.
„Die hat ja gefressen, als wenn es morgen nichts mehr gäbe.“
Pearl stürzte aus der Toilette. Mickis Mama streichelte ihre Wange.
Sie schauten zusammen einen Erwachsenenfilm auf DVD an, während die Mama ein Mittagsschläfchen machte. Pearl musste Micki schwören, das nicht zu verraten.

„Wo treibst du dich rum“, schrie die Mutter und verpasste ihr eine Ohrfeige als Pearl zu Hause ankam.
„Schulfreundin“, stotterte sie. Sie setzte sich an den Küchentisch, schob die Gläser und leeren Flaschen zur Seite und beugte sich über die Hausaufgaben.
Die Mutter riss zwei Konserven auf und leerte sie in einen Topf.
Pearl dachte an Mickis Zuhause, sprang auf und umarmte sie.
„Ich hab dich lieb, Mama.“
Unvermutet saß sie auf dem Boden.
„Du weißt, dass ich das nicht leiden kann“, brummte die Mutter und rührte im Gulasch.
Pearl blickte starr auf den gekrümmten Rücken, mit einem Mal hasste sie diese Frau. Mit zusammengepresstem Kiefer setzte sie sich an den Küchentisch und schlug das Rechenheft auf.
Mittlerweile war Vater aufgewacht, furzend kam er herein. Die Hand steckte in seiner Pyjamahose, er kratzte sich. Danach klopfte er Pearl auf den Kopf.
„Brav bist du“, sagte er.
Pearl kämpfte die Wut nieder. Nie wieder würde sie zulassen, dass er ihr auf den Kopf klopfte! Dieser stinkende Sack! Er kostete aus dem Topf. Pearl unterdrückte ein Würgen. Während sie multiplizierte, stellte sie sich vor, Uma Thurman in Kill Bill zu sein und ihren Eltern die Arme mit dem Samuraischwert abzutrennen.

Dann lud Micki sie für ein ganzes Wochenende ein.
„Ich übernachte bei meiner Schulfreundin“, sagte Pearl.
„Aber, dass du dich anständig benimmst“, sagte Vater.
Die Mutter kippte einen Gin hinunter. „Kommt nicht in Frage!“ Sie schüttelte den Kopf.
Vater zuckte mit den Schultern. „Deine Mutter hat das letzte Wort, das hörst du ja.“
Pearl ballte die Fäuste und rannte hinaus, kroch in den Kasten und zitterte vor Wut. Sobald die Freunde aufkreuzten, haute sie ab.

Die beiden Tage waren ein schöner Traum. Von der Terrasse aus gelangte man in einen verwilderten Garten mit einem Teich. Pearl schlief bei Micki unter dem Dach. Das Zimmer hatte schräge Wände in Hellblau und Weiß gestrichen.
Am nächsten Morgen tat Pearl so, als wäre sie ein Familienmitglied. Sie saß mit Micki und den Eltern im Garten unter der Weide. Sie spielten Zicke Zacke Hühnerkacke, ein Brettspiel, bei dem sich alle den Bauch hielten vor Lachen. Abends wurde der Grill angeheizt und es gab Bratwürstchen mit Kartoffelsalat. Als Pearl nachts neben Micki in ihrem frisch duftenden Bettzeug lag, die Stille nur vom Quaken aus dem Froschteich unterbrochen wurde, wünschte sie, ihre Eltern wären tot. Sie tastete nach Mickis Hand. „Ich hab dich lieb.“
„Willst du meine Schwester sein?“, fragte Micki. „Und wenn es dir daheim zu schrecklich wird, dann werde ich Papa und Mama bitten, dich zu adoptieren.“
Pearl schmiegte sich an sie. „Dafür werde ich sorgen“, flüsterte sie.

Als sie nach Hause kam, zerrte ihre Mutter sie an den Haaren durch die Wohnung, drosch auf sie ein. Zum Schluss nahm sie den Schürhaken, Pearl brach zusammen und wand sich unter den Schlägen. Der Haken traf ihr linkes Auge. Blutend lag Pearl auf den Fliesen. Der Vater rief die Rettung, sagte, die Tochter habe sich nach einem Überfall im Park mit letzter Kraft heimgeschleppt.
Die Sehkraft blieb erhalten, jedoch hing das Lid über das Auge. In der Schule wurde sie nur noch Schlafauge genannt.
Von da an gab es keine Verbote mehr.
„Ich übernachte heute woanders“, sagte Pearl und strich die Locken aus der Stirn.
Die Mutter zuckte zusammen.
Pearl fühlte sich plötzlich mächtig und schritt aufrecht durchs Zimmer.

An ihrem zwölften Geburtstag fand das Schulfest statt. Micki lieh ihr einen roten Rüschenrock und ein schulterfreies Top. Das mit dem Lidschatten haute nicht hin.
Micki sagte grinsend vor dem Spiegel: „Mach dir nichts draus, du hast Beine bis zum Hals, einen Gang wie eine Königin, deine Haut schimmerte wie Porzellan. Außerdem macht man beim Küssen eh die Augen zu!“
„Meinst du wirklich?“
Sie kicherten, verließen die Toilette und stürzten sich ins Getümmel.
Pearl kam gar nicht mehr weg von der Tanzfläche. Schweißnass schüttelte sie sich zur Diskomusik mit Peter, einem der Jungen aus der Abschlussklasse.
Gegen zehn war die Party zu Ende.
„Ich bringe dich heim“, sagte er und streichelte ihre Schulter. „Wir könnten unterwegs noch was trinken in meiner Stammkneipe.“
Peter schob sie an einen der Tische. Pearl wagte kaum zu atmen. Die Jukebox spielte unentwegt und die Leute brüllten durcheinander.
Einmal legte Peter den Mund an ihr Ohr: „Magst du mit mir gehen?“
Sie spürte, wie sie errötete und ärgerte sich schrecklich darüber.
Einer der Jungen, dessen Spitzname „Akne“ war, stellte ein braunes Fläschchen auf den Tisch. „Das sind K.O.-Tropfen!“ Er prahlte, dass er jede damit gefügig machen konnte. „Aber man darf nicht zuviel ins Getränk tun, sonst hast du nur noch eine Leiche zum Vögeln.“
Die Mixtur ging von Hand zu Hand, zuletzt stand sie vor Pearl. Der Besitzer hatte endlich eine Eroberung gemacht und flirtete, was das Zeug hielt. Die Tropfen brauchte er nicht mehr.
Gegen Mitternacht schob Peter die Hand unter ihren Rock. Da sagte Pearl, sie müsse nun leider gehen.
Kaum sperrte sie auf, rammte der Vater ihr die Faust in die Rippen. Pearl krümmte sich und erbrach.
„Schlampe!“ Er wankte ins Zimmer zurück.
„Das war das letzte Mal“, zischte Pearl.
Am nächsten Vormittag kaufte sie im Laden um die Ecke eine Flasche Jamaikarum. Sie lächelte den Verkäufer an. „Es ist ein Geburtstaggeschenk für meinen Vater.“
Aus der Hausgarage klaute sie einen Kanister mit Benzin und verbarg ihn im Schrank.
„Wo hast du die her?“ Die Mutter griff nach der Flasche.
„Vom Schulfest.“
„Nicht übel.“ Sie schenkte eines der Gläser, die herumstanden, voll. Nach dem Trinken meinte sie: „Schmeckt.“ Sie ging in die Diele, Pearl hörte sie pinkeln.
Eilig füllte sie das Glas erneut, kramte die Tropfen heraus und schüttelte die Hälfte hinein. Sie hörte ihren Vater aufstehen, bereitete auch für ihn ein Getränk vor.
„Hallo, Papa“, strahlte sie ihn an.
Die Mutter kam mit glasigem Blick zurück. Pearl schaffte es, die Benommenen ohne Gegenwehr ins Zimmer zu führen. Die Mutter ließ sie aufs Bett sinken, der Vater fiel auf den Teppich, ehe sie ihn zur Ruhe betten konnte.
„Genau, Pearl, so machen wir das“, sagte sie leise und zog mit dem Benzin eine Spur durch die Wohnung und um ihre Eltern. Die Mutter hatte die Hände über der Brust gekreuzt, die sich kaum merklich hob und senkte. Auf dem Gesicht des Vaters lag ein mildes Lächeln. Seine Brust bewegte sich nicht mehr und aus der grauen Trevirahose sickerte es gelbbraun hervor. Nass und beschissen.
„Tja, Papa, du hast eben auch Pech gehabt: Mitgefangen – mitgehangen.“
Gerade wollte Pearl das Feuer legen, als ihr die Perlenkette im Schrank einfiel. Sie steckte sie in die Tasche und warf dann das Bündel brennender Zündhölzer.

Als sie aus dem Haustor trat, sah sie nach oben, ein rötlicher Schein erleuchtete die Wohnung.
„A-Be-Buuuuuu!“

©ELsa Rieger

Letzte Aktualisierung: 11.07.2008 - 16.43 Uhr
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