Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juli 2008
Nachruf
von Katharina Joanowitsch

„Jauchzet, frohlocket, denn Lolita Engelshaar ist nicht mehr!
Wir haben uns hier versammelt, liebe Schwestern im Geiste, um uns davon zu überzeugen, dass nie wieder ihr silberhelles Lachen sirenengleich unsere Männer betört, wir niemals mehr diesen ihren spezifischen Duft nach Amber, Lilie und Sperma in seinem Hemdkragen erschnüffeln müssen, kein blondiertes Haar mehr je, einem boshaften Ausrufungszeichen gleich, sein Revers ziert. Mit unverholener Freude erblicken wir – bevor sich der schwere Deckel senkt – diesen unirdisch schönen, biegsamen, geschmeidigen Körper, der – zur ewigen Reglosigkeit verdammt – sich hier in seinem letzten Bett krampft. Ein schwacher Abglanz des Staunens liegt noch auf diesem unredlich lockenden Puppengesicht, hinter dessen Lidern – für immer verschlossen – unser Anblick bleibt: wir, liebe Schwestern in Rache, ihr allerletztes Schaumbad umstehend und als Ticket, zum – nein, nicht zum Lethe, sondern: zum – Tartaros, ihren heißlaufenden Reisefön in die seifigen Fluten versenkend.
Oh Freude, liebe Schwestern im überstandenen Leid: die Zeit des Jammers ist vorüber, Lolita Engelshaar ist tot und wird es bleiben – sie müsste denn verbündet sein mit dem Herrn der Finsternis. Uns würde es nicht weiter wundern, halten wir sie doch für die überbordend weiblich ausstaffierte Version des Bocksbeinigen persönlich, erschienen, uns und insbesondere unsere Männer in Versuchung zu führen. Wem klingt nicht die Süße nach als falscher, zuckrigerer Ton, mit dem sie sich bei uns einschmeichelte, kaum sechs Monde zuvor, als einsame Witwe aus der Großstadt kommend, um in unserem stillen Ort zu leben. Eine Witwe? Einsam? Ach, herrjeh – wie rührend! Und dann, wo blieb unsere Stille? Unsere ruhige Beschaulichkeit? Sie delirierte und ertrank in den zahllosen Partys dieser indezenten Person, die in wenigen Wochen unseren fest gefügten Tageslauf durcheinander wirbelte und zur Unkenntlichkeit zerrieb.
Bis wir, liebe Schwestern im Verdruss, die rege einsetzenden, überraschenden Morgenspaziergänge unserer Männer mit Lolitas gymnastischen Übungen vor geöffnetem Fenster zusammenbrachten, hatte sich bereits der blonde Virus fest eingenistet. Waren wir nicht zunächst amüsiert über die eifrigen Bemühungen unserer Männer um rosig rasierte Wangen, duftende Rasierwässer, gekämmte Scheitel, geputzte Schuhe? Die putzigen Handwerkseinsätze bei der einsamen, hilflosen Witwe? Doch bald schon quälten uns nächtlich ausgekühlte Betthälften, in unruhigem Schlaf gestammelte Wortfetzen, dieser Duft nach Amber, Lilie und Sperma.
Vielleicht jedoch, liebe Schwestern im Aufbruch, sollten wir Lolita auch ein wenig dankbar sein dafür, dass sie unsere Männer ungeahnte Fähigkeiten entwickeln ließ, sie aus ihrer gemütlichen, bauchfettspeichernden Trägheit riss, ihren verschütteten Charme wieder freilegte.
Lasst uns diese Fähigkeiten nun für uns neu entdecken und nutzbar machen!

Nun, so waltet eures Amtes. Du, Schmied, verplombe auf immer diesen Sarg.
Ihr, Sargträger, schultert die eichene Truhe und versenkt sie tief im Grab.
Du, Totengräber, schaufele Erde über sie, stampfe sie fest und wälze diesen schweren Stein darüber.

Friede sei mit uns, liebe Schwestern in Seligkeit!“


©Katharina Joanowitsch 2008

Letzte Aktualisierung: 09.07.2008 - 17.26 Uhr
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