Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Juli 2008
Der Ruf des Haubentauchers
von Ingrid Gertz

Sommer, Sonne, endlich Ferien. Eigentlich war das die schönste Zeit im Jahr, aber dieses Mal wohl nicht für Björn. Er hatte auf Beachvolleyball gehofft, auf Surfen, Stranddiscos und Spaß mit Freunden.
Pustekuchen!
„Björnie, wir wollten dir doch noch nichts erzählen, bevor nicht alles ganz sicher ist, weißt du?“ Mutter schichtete zeitungsumwickelte Teller und Tassen in Umzugkartons. „Ein Traum von Haus, ein Traum von Grundstück, du wirst schon sehen! Wir hatten eigentlich nur ein klitzekleines Bissel gehofft, den Zuschlag zu bekommen.“
„Und was ist nun mit Malle? Siggi und Herbi fahren wieder. Alle fahren irgendwohin ...“ Björn klang trotzig, er hörte das selber. Wie kamen seine Eltern bloß dazu, von heute auf morgen ihr Päckchen zu schnüren und in die Wildnis zu ziehen? Er musste eben mit, wurde nicht mal gefragt, genau wie der Kaffeepott 'Isch bün de Boss', der gerade unter Papierlagen in einer Kiste verschwand. Eingesackt, zack, zack! Und das Ganze nun ihm, Björn, in seinen Ferien!
Nach etwa einstündiger Zockelei, immer dem Möbewagen hinterher, waren sie endlich da. Interessant sah es aus, dieses Häuschen, das trotz blätternder Farbe in maritimem Blau-Weiß aus dem überwucherten Garten herausleuchtete. Björns Ferientage schlichen dahin und er inspizierte etwas lustlos, aber Stück für Stück sein künftiges Umfeld. Schließlich fand er den Bootssteg samt dem alten, sanft vor sich hin schaukelnden Kahn recht beachtenswert. „Piii, piii, piii!“ Direkt nebenan gellte es, Schlachtrufen gleich, aus dem Schilf und versetzte Björn einen gehörigen Schreck.
„Die jungen Haubentaucher sind's doch bloß!“ Mutter sah lachend von ihrer Gartenarbeit auf. „Drei Paare, das hat uns der Vorbesitzer erzählt, wohnen an unserem See. Ist es nicht richtig schön hier?“
Richtig schön langweilig vor Allem, aber Björn hatte sich abgefunden. Was sollte er auch sonst tun? Seine Ferien fanden eben diesmal nicht auf Mallorca statt. Das alte Ruderboot lag kieloben am Ufer und wartete auf auf den letzten Anstrich. Im alten Maulbeerbaum gluckte, ganz neu, sein Baumhaus mit Ausguck zum See. Björn war stolz darauf, weil er es fast alleine gezimmert hatte, fast ohne Paps, der seine Zeit nach einem blau gehämmerten Fingernagel nun rekonvaleszierend und pipettenschwingend im Labor zubrachte. Dort war er leider genauso selten ansprechbar wie Mutter, die sich schon tagelang mit Machete, Spaten und Schubkarren durch die grüne Hölle am Haus kämpfte. Schien nicht leicht zu sein, einer verwunschenen Ursprünglichkeit den streng gezirkelten Todesstoß zu versetzen. Björn beschloss, sich die Petrischalen einmal anzusehen, die Vater kürzlich als missglückte Proben aussortiert hatte. Musste man immer gleich alles wegwerfen? Wenn sich da wirklich nichts Interessantes mehr zeigte, waren die Dinger doch wenigstens noch als Blumenuntersetzer zu brauchen.

Vom Wasser kommender Wind durchzog leise den Schilfgürtel, ließ die Halme sanft schwingen und entlockte seinem raschelnden Orchester Töne, die man so wohl nirgendwo sonst hören konnte. Der Spiegel des Mondes lag behäbig, ganz wie ein übergroßer Pfannkuchen, auf dem See und verteilte sein silbrig glänzendes Licht mit vollen Händen. Ein träumender Haubentaucher keckerte im Reet.
Eva fühlte den Uferschlick unter ihren Füßen, spürte diesem besonderen Gefühl nach, so kühl und weich, vergessen schon fast, und sah doch eigentlich nur die von Röhricht überwucherte Ansandung, die kleine Insel. Ihre Insel. Ihren Treffpunkt.


„Liebst du mich?“ Sanft zog er die Linie ihrer Lippen nach, wanderte tastend zum Ohrläppchen, küsste ihre hart zum Himmel strebenden Brustwarzen.
„Ja, ich liebe dich!“ Ganz und für immer.
Eva musste nur die Augen schließen und war wieder ganz und gar in diesem heißen Sommertag mit all seinen Wundern: Durch flirrende Luft tanzten farbenprächtige Wasserjungfern, eine Haubentauchermama schwamm, ihre Brut auf dem Rücken chauffierend, vorbei und schimpfte lautstark mit dem Küken, das sich elterlicher Obhut paddelnd entziehen wollte. Wie hatten sie gelacht über die Bemühungen der Henne, ihre Familie zusammen zu halten!

Ein letztes Mal tauchte Eva ihre Arme bis zu den Ellbogen ins kühle Nass, schmeckte die modrige Süße aus der hohlen Hand, lebte Erinnerungen. Er war gegangen, vor langer Zeit schon, und sie würde ihm bald folgen. Streichelte Paul nicht zärtlich ihre Hand?
„Mutti!“ Nein, er war es nicht. Paula saß neben ihr, strich sanft über Handrücken und Finger.
„Mutti, bitte! Es ist noch nicht zu spät!“Wer weiß schon, wie spät es wirklich ist?
„Paula, Mädchen, schön, dass du da bist. Ich freu mich!“ Eva setzte sich in ihrem Sessel kurz auf, lächelte über die Starrköpfigkeit ihrer Tochter. „Wir haben das doch alles besprochen, Schatz. Du hast zwei gesunde Kinder, die einzigen, die hier in den letzten fünf Jahren geboren wurden. Nur an die musst du denken. Gib Frank und Fine einen dicken Kuss von mir. Irgendwann ist es auch außerhalb dieser Glocke wieder sicher und lebenswert, so wie früher. Du selber kennst das ja nicht, kannst es dir nicht vorstellen, aber glauben musst du daran.“ Es war nicht leicht, zu gehen, vorfristig das Alles zu verlassen. Und natürlich könnte Eva jetzt einfach aufstehen von ihrem Traumsessel und herausspazieren aus dem Traumpavillon. Nur um welchen Preis? „Zehn Jahre, Paula, zehn Jahre Wärme und Nahrung bedeutet es für euch, wenn ich jetzt gehe.“ Viele Änderungen, zu viele, hatte es gegeben. Ganz am Anfang war ausgeglichene Energiebilanz zu Gunsten der Zurückbleibenden auf zwanzig Jahre festgeschrieben. Es wurden immer weniger, von Reform zu Reform. Und das Austrittsalter befand sich, dank der inzwischen jährlich neu vorgelegten demografischen Rechenmodelle, im freien Fall. „Na gut, vielleicht bleibt für euch auch nur die Hälfte der Zeit, wenn den Großkopferten ein neuer Pups entfleucht, oder die einfach bloß wieder mal falsch gerechnet haben.“ Auf Defätismus stand der sofortige Einzug sämtlicher körpereigener Energien und deren Zuführung zum Umlagesystem. Da war sie ihnen zwei Jahre, vielleicht auch nur zwei, drei Despektierlichkeiten zuvorgekommen. Eva grinste in eine der zahlreichen Kameras. Natürlich wurde mitgeschnitten und sie würde ihnen nicht zeigen, wie es sich anfühlte, das Abschiednehmen.
„Bring die Kinder durch, mein Mädchen! Nur das ist wichtig. Machs gut und uns nicht zu schwer, Schatz!“ Eva wischte ihrer Tochter sacht ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. „Sieh nach vorn! Und jetzt hilf mir bitte, die Elektroden wieder richtig festzumachen. Lass mich einfach noch ein wenig träumen.“
Paula ging spät, irgendwann, nachdem der Traum ausgeträumt war.
Mein Leib, mein Blut- bekam das alles nicht einen merkwürdigen Beigeschmack?

„Björnie, Essen ist fertig!“ Björn war nicht schnell genug. Mutter hatte sich die Petrischale gegriffen, bevor er das Glas unter einem Heftstapel verschwinden lassen konnte. „Was machst du da? Ist das aus Vaters Labor?“ „Hhm, stand ganz hinten im Regal, wollte Paps wohl sowieso wegschmeißen, braucht sie nicht mehr. Gib sie mir wieder, bitte!“
Unschlüssig drehte seine Mutter die Schale in der Hand, konnte außer einem mächtig aufgeplusterten, kuppelförmigen Schimmelpilz nichts Weltbewegendes sehen. „Hattest du den Deckel ab? Schimmel kann krank machen! Wir entsorgen das mal lieber gleich.“
Als Björn seine Petrischale klammheimlich wieder aus dem Mülleimer fischte, war die weiße Kuppel, die seine Mutter als Schimmel abgetan hatte, zerstört. Eine weiße Umrandung grenzte Grünes - Da musste Chlorophyll drin sein!- von der schwarz-grauen Masse außerhalb ab. Björn wollte wissen, ob das Grün bleiben und wachsen würde. Sicherheitshalber trug er die Petrischale für weitere Beobachtungen in sein Baumhaus. Da hinauf würde Mutter bestimmt nicht klettern.

Letzte Aktualisierung: 27.07.2008 - 21.54 Uhr
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