Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juli 2008
Die letzte Mahlzeit
von Helga Rougui

1

essen und tod sind oft eng miteinander verbunden
wenn einer einen ißt
stirbt der andere dafür

wenn es lange nichts zu essen gibt
kann sein daß man stirbt

wenn man permanent oder punktuell das falsche ißt
stirbt man auch

egal ob man spaß am essen hat oder nicht
ob man viel ißt oder wenig
man stirbt sowieso

die zum tode verurteilten wissen genau
woraus ihre letzte mahlzeit bestehen wird
denn sie können sie sich aussuchen

die meisten von uns die wir
mehr oder weniger unvorhergesehen
aus dem leben genommen werden
können heute noch nicht sagen
welche lebensmittel sich in ihrem bauch befinden werden
wenn das letzte essensglöckchen geläutet hat


2

Schon seit Tagen ging durch die nekrophage Population ein Raunen.
Lautlose Stimmen durchdrangen das Erdreich, die Botschaft verbreitete sich in unsichtbaren Wellen.
So etwas wie ein Sternmarsch setzte sich in Bewegung.
Das dumpfe Weinen des Holzes war unüberhörbar, war wie ein Signal.
Bald würde die Materie nachgeben, und dann kämen sie alle zusammen an dem Punkt, den sie schon seit langen Monaten erfühlten, errochen, mit fadendünnen Instinkten ertasteten, ersehnten.
Bald würde der Deckel einbrechen.
Dann hätten sie freie Bahn und würden zu denen stoßen, die bereits am Werk waren.
Dann könnten sie alle zusammen, so verschieden sie waren, ihr von der Natur vorgesehenes Werk verrichten.
Sie waren unverzichtbar, das trieb sie an.
Ohne ihr Werk würde die Narzisse nicht gedeihen, die oben auf dem Erdhügel wuchs.


3

Neumann schob den Schubkarren mit der Sommerbepflanzung für Grab VII, Abschnitt 52a, schnaufend den Kiesweg entlang. An der Grabstätte angekommen, ließ er ächzend die Karre zu Boden plumpsen. Wenn man in die Jahre kam, war Friedhofsgärtnergehilfe zwar eine schön lange Berufsbezeichnung, aber nicht mehr der ideale Beruf. Ging doch immer mehr auf die Knochen, und der Lohn wuchs auch nicht proportional zur Intensität seiner Rückenschmerzen.
So redete er manchmal gern für sich, hatte er doch, als er Mitte zwanzig war, immerhin erfolgreich ein Biologiestudium abgebrochen und sich einen Job an der frischen Luft gesucht.
Er wandte sich dem Grab zu. Wie immer warf er einen scheelen Blick auf den Grabstein, denn stets aufs neue verwunderte er sich, wie liebende Angehörige einen solchen Grabspruch für ihren geliebten Toten wählen konnten. Und geliebt haben mußte er sie doch und sie ihn, lud er sie doch hin und wieder zum Essen ein, wenn er wieder einmal aus beruflichen Gründen unterwegs war. War er auf eigene Rechnung unterwegs, dachte er allerdings überhaupt nicht daran, sie in eines der Drei-Sterne-Häuser mitzunehmen, die er leidenschaftlich gern frequentierte. Er hatte es geschafft, sein gesamtes Vermögen in diesen Läden ganz alleine durchzubringen, wie bei der Testamentseröffnung seinen Erben sowie einer neugierigen Leserschar einschlägiger Boulevardblätter klar wurde. Die Erben waren keine, weil nichts zu erben war. Die Leser waren empört – so viel Geld nur für Essen? Wenns wenigstens eine Kollektion schneller bayrischer Motorenwagen gewesen wäre – das hätte man hierzulande ja noch verstanden. Aber er hatte alles verfressen. Zusammengebrochen war er über einer reich garnierten Meeresfrüchteplatte, die von einem saftigen Hummer gekrönt war. Einen Vegetarier konnte man ihn wahrlich nicht nennen. Vielleicht daher auch der etwas spitz anmutende Spruch auf seinem Grabstein.

Neumann riß sich aus seinen Gedanken, schüttelte den Kopf und las noch einmal die Inschrift:

Hier Ruht Gesättigt
Hans-Otto Wilkenraedt
1928 – 2008
Gastrokritiker Und Gourmet
Möge Er Im Tode Den Würmern So Gut Schmecken
Wie Manch Ein Tier Ihm Im Leben Geschmeckt Hat

- Ach Gottchen, sagte der Friedhofsgärter dann plötzlich, als er die eigentliche Grabstelle nun genauer musterte, gerade heute ist das Grab abgesunken, da muß ich doch erst mal neue Erde aufschütten, bevor ich die Pflanzen setzen kann.

Das vielmäulige Schmatzen tief unter der Erde hörte Neumann natürlich nicht.
Die letzte Mahlzeit des Hans-Otto Wilkenraedt war in vollem Gange.

Letzte Aktualisierung: 19.07.2008 - 18.19 Uhr
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