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Juli 2008
Am Vorabend
von Barbara Hennermann

Johanes beschleunigte seine Schritte, als er über den großen Platz zu seinem Stammlokal eilte. Er war spät dran und sicher würden alle bereits mit dem Essen auf ihn warten. Sie begannen niemals damit, bevor nicht alle versammelt waren.

Er eilte die schmale Treppe zum Obergeschoss hinauf, betrat den niedrigen Raum, der von Kerzen schwach erhellt wurde, und setzte sich an seinen Platz an der langen Tafel. Jeder hatte hier seinen festen Platz, in der Mitte ihr Anführer, rechts neben ihm Simon, dann Marcus und Lucas. Er setzte sich zur Linken des in ein weißes Gewand gekleideten Mannes, der ihm freundlich zulächelte. „Du kommst heute spät, Johanes. Aber ich freue mich, dass du da bist.“

Irgendetwas war heute anders als sonst. Johanes fühlte sich unwohl in dieser Atmosphäre, das war bisher nie so gewesen. Es war, als hinge unausgesprochen etwas in der Luft, etwas Fremdes, Bedrohliches… Er schalt sich einen Narren. Was sollte sein? Alle waren da, es war wie immer. Sie waren eine Familie, auch wenn sie nicht miteinander verwandt waren!
Als sich der Mann in der Mitte erhob, verstummten die leisen Unterhaltungen und aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf ihn. Was würde er ihnen heute erzählen, welches Thema zur Diskussion stellen?

„Liebe Freunde“, begann er. „Wie immer sind wir hier zusammengekommen, um uns in dieser Gemeinschaft gegen das Leben draußen zu festigen. Wir haben zusammen viele gute Gespräche geführt und sind uns in gegenseitiger Liebe verbunden.“

Johanes hob erstaunt den Kopf. Was sollte das werden? Noch nie hatte ER, der ihr Vorbild und Anführer war, seine Ansprachen derart feierlich begonnen! Auch die anderen am Tisch blickten überrascht auf ihn, wie Johanes bemerkte. Die nächsten Worte trafen alle wie ein Peitschenschlag.

„Dies ist das letzte Mal, dass wir so in dieser Runde zusammensitzen werden.“

Gemurmel machte sich breit, Enttäuschung, Abwehr. „Willst du uns verlassen?“ „Sind wir dir nicht mehr gut genug?“ „Warum sprichst du so mit uns?“ „Was hast du vor?“ „Sind wir denn keine Familie mehr?“

Beschwichtigend hob der Mann die Hand. „Bitte, hört mir zu! Wir haben zusammen viel bewegt, doch nun ist es an der Zeit, dass ich den Auftrag erfülle, um dessentwillen ich hierher gekommen bin.“

Es war Marcus, der so heftig hoch sprang, dass sein Stuhl polternd zu Boden fiel. „Herr, wenn wir etwas falsch gemacht haben, dann sag es uns! Wir gehören doch zusammen und werden mit dir gehen, wohin auch immer du gehst!“

Langsam hatten sie zusammengefunden - eine Gemeinschaft, die mehr aus der Not denn der Notwendigkeit entstanden war, Gestrauchelte, Einsame, Verstoßene. Das Charisma des bärtigen Mannes, der ihr Anführer geworden war, schweißte sie zusammen. Einige der Frauen in der Runde - junge, vom Leben mit Drogen und Prostitution gezeichnete Gestalten - begannen hysterisch zu weinen. Wieder hob der Mann die Hand, forderte wortlos Ruhe im Raum ein.

„Ihr wisst, dass ich ein Gesandter bin und einen Auftrag zu erfüllen habe, der notwendig ist, um in dieser Welt für Rechtschaffenheit und Ordnung zu sorgen. Mit eurer Hilfe werde ich diesen Auftrag ausführen können. Danach müssen wir uns trennen müssen, um eine Zeit lang im Verborgenen unser eigenes Leben zu schützen.“

Wieder begannen einige der Frauen laut zu wehklagen und die Männer in der Runde blickten betroffen zu Boden. Immer wieder hatte ihr Herr und Meister ihnen diesen Tag angekündigt, doch sie hatten die Augen verschlossen und gehofft, er liege in weiter und nahezu unerreichbarer Ferne. Nun also war es so weit.
Johanes schluckte. War er wirklich bereit, sich dem Unterfangen zu stellen, die vom Herrn und Meister beschlossene Befreiung der Welt vom Bösen, vom Glamour und narzisstischer Selbstdarstellung, mitzutragen? Er spürte, wie sein Herz laut klopfte, Angst ihn erfasste. Stand es in ihrer Macht, das zu besiegen?

Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter, blickte hoch und geradewegs in die entschlossenen Augen seines Meisters. „Du zweifelst noch, Johanes? Haben wir nicht oft und oft darüber gesprochen, dass es in unserer Hand liegt, das Böse zu vernichten?“

Johanes nickte stumm. Ja, so war es. Auch er hatte seinen Beitrag zu leisten, seine Sündenschuld zu sühnen, dem Herrn zu folgen. Er wie alle anderen hier im Raum, selbst ihr Meister, hatte gesündigt. Sie mussten sich reinigen, um dem Paradies wieder nahe zu kommen.
Entschlossen stand er auf. „Meister, befiehl, ich folge dir! Wohin wollen wir gehen?“ Da erhoben sich alle, die um den langen Tisch versammelt waren, Männer wie Frauen, und einstimmig hallte ihr Ruf durch den Raum: „Meister, befiehl, wir folgen dir!“
Der Mann strich sich das lange Haar aus dem Gesicht und lächelte zufrieden. Seine Mission konnte beginnen. Morgen war es so weit.
Er war sich sicher, sie würde gelingen.


Pressemiteilung in der LA – Post vom 24. Juli 1970:

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen begann heute der Prozess gegen Charles Manson und etliche Anhänger der „Mansonfamily“, die beschuldigt werden, am 9. August letzten Jahres, die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate sowie fünf weitere zufällig anwesende Personen in einem Massaker regelrecht abgeschlachtet zu haben. Manson ging der Polizei zufällig bei einer Razzia ins Netz. Er zeigt bislang keinerlei Reue über seine Tat, sondern nimmt vielmehr für sich in Anspruch, einen ´göttlichen Auftrag zur Rettung der Welt´ ausgeführt zu haben.
Manson wurde, wie bereits mehrfach berichtet, schon in früheren Jahren immer wieder auffällig durch zahlreiche Delikte wie ……

Letzte Aktualisierung: 21.07.2008 - 13.52 Uhr
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