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Juli 2008
Pasión
von Janine Gimbel

Freitagabend, 20.04 Uhr und 23 Sekunden. Die Qual hat ihren Höhepunkt erreicht. Der Fernseher zeigt die Nachrichten und der Blick in den Videotext verrät, dass kein spannender Spielfilm folgen wird. Unbemerkt stellt sich ein leichtes Zucken an meinem linken Augenlid ein. Ich darf nicht nachgeben, nein. Mit geweiteten Pupillen starre ich auf den Bildschirm. Ein schwacher Versuch, mich für das gerade gezeigte Interview mit der Bundeskanzlerin zu interessieren. Szenenwechsel. Ein schneller Umschwung auf unmutige Wähler vor dem Bundestag. „...sollen sie doch reden.“, lärmt der eingeblendete Herr, „Diese Politiker, das sind alles Deppen. Ich lasse mir...“ Depp. Mein Stichwort. Meine Finger krallen sich zitternd in das weiche Polster der Couch.

Plötzlich stehe ich auf meinen Beinen. „Nur noch ein letztes Mal!“, bringe ich gequält hervor. Um dem Moment Bedeutungsschwere zu verleihen, hebe ich zwei Finger zum Schwur in die Luft. „Es ist das letzte Mal!“ Schweren Schrittes begebe ich mich zu dem Eichenschrank, hinter dessen knarrenden Türen ich sie verwahre. Meine heiß geliebte Sammlung. Fast zärtlich streiche ich über die glatten Rücken der Plastikhüllen und lasse meinen Blick über die Titel fliegen. Ritter aus Leidenschaft. Nur einen kurzen Augenblick verweilt mein Zeigefinger andächtig auf ihm. Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich der Überzeugung, dass ich ihn heiraten würde, einen Ritter. Heute, mit 24, bin ich zurück auf dem Boden der Tatsachen. Schon mit einer schnelllebigen, leidenschaftlichen Affäre würde ich mich zufrieden geben.
Mir ist heute nicht nach Mann in Rüstung, also weiter. Da steht er. Mein Herz macht einen Hüpfer. Zwischen Hairspray und Der englische Patient unscheinbar verborgen, mein Spanier. Der Abend gehört uns beiden, zielsicher schiebe ich die DVD aus dem Regal und mache es mir erneut vor dem Flimmerkasten gemütlich.

Die ersten Takte des Films dringen an meine Ohren und erfüllen mich bis in die Fingerspitzen. Es dauert nur wenige Momente und er hat mich in seinen Bann gezogen. Während die Skyline von New York den Bildschirm dominiert, bin ich in Spanien. Spanien mit seinen wundervoll warmen Sommernächten und Flamenco tanzenden Männern, dem Rhythmus, der sich tief bis ins Blut windet. Durch das rasch an Tempo gewinnende Geschehen auf der Mattscheibe werde ich erneut aus meinen Gedanken gerissen. Es ist das letzte Mal, ich werde es nie wieder tun, rufe ich mir ins Gedächtnis, als ich ihn mit einem Seufzen auf den Lippen anstrahle. Don Juan DeMarco. Jede Silbe heilig. Mein Held steht verzweifelt auf einem New Yorker Hausdach, im Begriff sich herunterzustürzen. „Tu es nicht...“, hauche ich ängstlich und ziehe eines der Sofakissen eng an mich.

„Ich bin der größte Liebhaber der Welt. Ich habe mehr als 1000 Frauen geliebt.“ Begierig nicke ich, um ihn in seiner Aussage zu bestärken. Ich liebe seinen warmen, spanischen Akzent, mit dem er die Worte klangvoll betont. Ohne Probleme vermag ich diesen täuschend echt zu imitieren und leise bete ich die Dialoge mit, jeden von ihnen kenne ich bis ins kleinste Detail auswendig.

Ein Seufzer entweicht meinen Lippen, als Juan, wie ich ihn oft liebevoll nenne, im Profil vor mir erscheint. Nein, ermahne ich mich, du wirst nicht aufstehen und ihm über die Wange streicheln, Lea. Reiß dich zusammen. Um meinen Entschluss zu unterstützen, klammere ich mich mit den Händen an die Seitenteile des Sofas, bis die Knöchel meiner Finger hell hervortreten.

Mit nur einem kurzen Blick beachte ich den Psychodoktor Jack Mickler, um ihn dann prompt der Kategorie ‚Männer’ zuzuordnen. Männer – das sind diese langweiligen Wesen, von denen es auch in meiner unmittelbaren Umgebung genügend freilaufende Exemplare gibt. Ich unterscheide die Spezies in zwei Kategorien. Männer und Juan ... Leider ist mir noch kein Juan begegnet. Männer spielen in meinem Leben bisher lediglich Statistenrollen, unauffällige Gastauftritte. Ich messe sie an den Filmen, die sie mit mir gesehen haben. Kaum einer von ihnen hat jemals die dritte Wiederholung von Don Juan DeMarco gesehen. Spätestens nach der zweiten Runde sind sie geflüchtet, wenn ich ihnen – aus Versehen, wie sich selbstredend versteht – von Spannung ergriffen meine Fingernägel tief in die Haut vergraben habe, bis sie leuchtend rote Spuren auf ihren Unterarmen hinterließen. Und da ihre Kollegen und Freunde ihnen wohl nie abkauften, dass diese Markierungen aus nächtlichen Spielchen resultierten, war ich spätestens beim dritten Mal wieder allein mit Don Juan DeMarco.

Ich will das ändern. Ich sehe ihn mir nur noch heute an. Dann nie wieder.

„Jede Frau ist ein Geheimnis, das nach Lösung drängt“, behauptet Juan überzeugt. Wenigstens einer, der es verstanden hat. Ein Juan, das merkt man sofort. Das Übel nimmt seinen Lauf, und zum Filmhöhepunkt stehe ich, ehe ich es mich versehe, auf dem kleinen Eichentisch vor dem Sofa und schmettere mit meinem Olivenbäumchen im Arm den Titelsong. Das Pflänzchen ist zwar vermutlich im Hagebaumarkt aufgewachsen und hat Spanien nie zu Gesicht bekommen, aber immerhin kann ich mir sicher sein, dass seine Vorfahren in eben diesem Land ihre Wurzeln in die Erde gegraben haben. „Have you ever reeeeally loved a woman“, singe ich mit ihm einstimmig aus voller Kehle. Schrecklich schief, aber man lässt sich ja schließlich nicht lumpen, und mit einem zufriedenen Lächeln lausche ich, wie mein Gesang an den Wänden widerhallt. Oh nein, die Nachbarn! Mein Verstand meldet sich genau an der spannendsten Stelle des ganzen Filmes wieder zu Wort. Man sollte meinen, er hat mich zur Vernunft gebracht, denn ich steige betreten vom Tisch herunter.

Dieser Zustand hält jedoch keinesfalls lange an. Meine Zeit mit Juan schaukelt sich unaufhaltsam dem Ende entgegen. Bang macht sich dies in mir bemerkbar. In der Luft liegt plötzlich ein leises Beben und mein Spanier reitet auf einem pechschwarzen Hengst in mein Wohnzimmer ein. Die Haare wehen dramatisch im Wind, der wie von Geisterhand aufgekommen ist - obwohl das Wetter in meinem Wohnzimmer den Tag über beständig geblieben war. Das nennt sich wohl Special Effects.

Leichtfüßig schlagen die Hufe des Rosses auf den IKEA-Teppich auf und erfüllen den Raum mit dumpfem Donnern. Seine Nüstern blähen sich aufgeregt, als Juan ihn keinen Meter vor mir gekonnt mit einer gebieterischen Handbewegung zum Stehen bringt. Der Gaul, drängt sich mir der Gedanke auf, gehört da nicht hin. Aber was war Juan ohne vierbeinigen Untersatz?

Mit dem unverkennbar galanten Gang eines Spaniers schreitet dieser Traum von einem Mann auf mich zu. Ergriffen halte ich die Luft an, während die Sekunden schleppend verstreichen. Nur noch wenige Meter trennen uns...

„Lea!“

Ja, seufze ich innerlich, ja, Juan. Ich bin da.

„Lea!“

Da schlage ich die Augen auf und sehe mich verwirrt in meinem Büro um. Anstatt in die feurigen Augen eines Spaniers zu blicken, bietet sich mir nur der Anblick meiner verärgerten Kollegin. „Dich kann man nicht mal 20 Minuten allein lassen“, schimpft sie nun, ohne eine Reaktion meinerseits abzuwarten, „da sitzt du hier und träumst anstatt zu arbeiten!“ Sie rümpft leicht die Nase und verzieht den rechten Mundwinkel. „Und wie stinkt es hier überhaupt? Wie im Pferdestall, lüfte gefälligst häufiger!“ Mit einem breiten Grinsen sehe ich ihr hinterher, als sie – noch immer fluchend – wieder auf dem Gang verschwindet.

Wenn die wüsste...

Letzte Aktualisierung: 22.07.2008 - 22.05 Uhr
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