Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Juli 2008
Das Verhör (gekürzte Fassung)
von Patrick Lindholm

Das Geräusch der Ohrfeige hallte von den gekachelten Wänden wider und klang noch kurz in dem kleinen Raum nach. Bremer hatte mit voller Kraft zugeschlagen. Seine Handinnenseite zeichnete sich rotflächig auf der Wange des jungen Mannes ab und dem jungen Mann, der an Händen und Füßen gefesselt vor Bremer saß und keine Chance gehabt hatte dem Schlag auszuweichen, schossen Tränen in die Augen. Der junge Mann war kurz davor zu weinen, tat es aber nicht. Noch nicht.
Willberg sah zum wiederholten Mal auf die Uhr. Ihnen lief die Zeit davon. Es war gut, dass Bremer die härtere Gangart begann, aber er musste vorsichtig damit sein. Wunden oder Hämatome im Gesicht waren Beweise, die kein Richter missachten konnte, wenn der kleine Scheißkerl es wagen sollte, die Verhörmethoden vor Gericht in Frage zu stellen. Dann würde eine Menge Papierkram auf Willberg zukommen, vielleicht sogar ein Ermittlungsverfahren gegen Bremer oder auch gegen Willberg selbst, der Bremer dazu aufgefordert hatte, mit allen Mitteln herauszufinden, wo das Mädchen versteckt worden war. Willberg hasste Papierkram, aber das war vorerst nicht sein Problem. Das Problem, das zu lösen seine erste Priorität war, maß einen Meter siebenundachtzig, hatte lange, schwarze Haare und trug ein T-Shirt der Rockgruppe Korn: Martin Huber, 16 Jahre alt, Sohn von Inge und Herbert Huber, wohnhaft in Lövenich, Schüler des Stadtgymnasiums und ... mutmaßlicher Entführer der siebenjährigen Anne.
Der Zeitpunkt, an dem Willberg von der Entführung erfahren hatte und mit der Lösung des Falls beauftragt worden war, lag jetzt fünf Tage zurück. Viel zu lange, so sagten Kriminalstatistiken aus, um noch auf einen glücklichen Ausgang der Geschichte hoffen zu können. Die Mutter des Mädchens hatte der psychischen Belastung nicht mehr standgehalten und war vor zwei Tagen mit einem Nervenzusammenbruch in die Klinik gebracht worden. Am gleichen Tag war der Vater des Mädchens bei seinen Eltern eingezogen, damit sie ihm in dieser schwierigen Situation beistehen konnten. Der Druck auf Willberg und sein Team, das Mädchen zu finden und ihren Entführer zu fassen, war in den letzten Tagen im gleichen Maße gestiegen wie das mediale Interesse und die damit einhergehende öffentliche Aufmerksamkeit.
Bremer ging zu dem grauen Metallschrank, der an der hinteren Wand des Verhörzimmers stand, öffnete eine Schublade und nahm einen Gegenstand heraus, den er wortlos auf den Metalltisch vor dem jungen Mann legte. Der Blick des jungen Mannes heftete sich an diesen Gegenstand, drückte erst Verständnislosigkeit ob der Bestimmung des Gegenstandes aus, dann zunehmend Angst, als der junge Mann zu ahnen begann, was Bremer mit dem Werkzeug alles anstellen konnte.
»Wo ist das Mädchen?«, fragte Bremer. Wenngleich er diese Frage bereits zahllose Male an diesem Tag gestellt hatte, war seine Stimme ruhig. Er wirkte gelassen, war es aber nicht - das wusste Willberg. Er kannte seinen Kollegen seit mehr als zwölf Jahren, aber noch niemals zuvor hatte er Bremer so engagiert gesehen wie in den letzten fünf Tagen. Bremer hatte selbst zwei Töchter im Grundschulalter. Ihn nahm diese Geschichte emotional mit. Er war alles andere als gelassen. Er explodierte fast vor Wut!
Die Sackgassen hatten sich ergeben, weil die Zeugenaussagen widersprüchlich hinsichtlich dessen gewesen waren, in welche Richtung der Junge mit dem Mädchen gegangen war, nachdem er es vor dessen Grundschule angesprochen hatte. Eine Frau hatte zu Protokoll gegeben, die beiden hätten den Weg in Richtung Johanneskirche eingeschlagen. Ein Passant hatte die beiden etwa zur gleichen Zeit in der Umerstraße gesehen, die sich in entgegengesetzter Richtung und anderthalb Kilometer von der Kirche entfernt befindet. Ein weiterer Zeuge hatte ausgesagt, das Mädchen sei durch die Fußgängerzone des Vorortes geschlendert, und zwar allein und keine halbe Stunde nach seiner Entführung. Es hatten sich mehr als ein Dutzend Menschen gemeldet, die das Mädchen gesehen haben wollten. Die Polizei hatte alle Hinweise ernst genommen und sorgfältig geprüft. Ohne Ergebnisse.
Der junge Mann blickte noch immer auf den Gummihammer, den Bremer auf den Metalltisch gelegt hatte. Er konnte sich sicher ausmalen, was für Schmerzen es verursachen würde, damit geschlagen zu werden. Die Tränen, die sich in seine Augen gesammelt hatten, liefen nun an seinen glatten, knabenhaften Wangen herab. Er weinte lautlos.
Erst an diesem Morgen hatte man ein Telefongespräch zu Willberg durchgestellt, das endlich Klarheit darüber brachte, wohin das Mädchen mit dem Jungen gegangen sein könnte. Der Anrufer, ein Unternehmer aus der Altstadt, der vom Tag der Entführung bis heute geschäftlich verreist gewesen war und erst am Morgen dieses Tages »durch puren Zufall« ein Foto des vermissten Mädchens in den Fernsehnachrichten gesehen hatte, gab an, das Mädchen mit einem Jungen, »der selbst noch wie ein Kind aussah«, im Bus Nr. 371 bemerkt zu haben.
Willberg stand im Nebenraum des Verhörzimmers und beobachtete durch die Scheibe, die sich in der Trennwand der beiden Räume befand und auf seiner Seite durchsichtig, auf der anderen Seite verspiegelt war, wie Bremer den Gummihammer nahm, weit damit ausholte und dem jungen Mann vor die Kniescheibe schlug. Der junge Mann schrie und heulte laut auf und zuckte wild mit den gefesselten Händen und Füßen. Sein schlanker Körper krümmte sich auf dem Stuhl. Sein jugendliches Gesicht wurde zu einer schmerzverzerrten Maske mit weit aufgerissenen Augen. Von der Arroganz, mit denen er den Beamten am Morgen begegnet war, war jetzt nichts mehr zu sehen.
Die Überwachungskamera in dem Bus hatte glasklare Bilder von dem Jungen geliefert, der neben dem Mädchen am Gang des Busses saß. Das Mädchen selbst schaute aus dem Fenster und schien unbesorgt zu sein. Das Foto des Jungen war an alle Fernsehanstalten geschickt worden, die ihr laufendes Programm sofort unterbrachen, um das Foto zu veröffentlichen. Alle verfügbaren Polizisten hatten Kopien des Fotos mit den Rufnummern ihrer Dienststellen an allen Schulen und Jugendeinrichtungen der Stadt verteilt. Gegen 13 Uhr hatte Willberg dann endlich gewusst, wer der Junge war und wo er ihn finden konnte.
Bremer stellte sich vor den jungen Mann, der noch immer laut heulte, und ließ den dicken Hartgummikopf des Hammers mehrmals auf seine eigene Handfläche klatschen. Die Drohung, die er damit ausdrücken wollte, was unmissverständlich. »Wo ist das Mädchen?«, fragte er den jungen Mann. Nicht mehr ganz so ruhig wie vorher, aber noch immer so selbstsicher, wie Willberg ihn kannte.
Der entscheidende Tipp war von einem Mitschüler des Jungen gekommen. Er hatte sich per Handy bei der Polizei gemeldet. Er sei sich zunächst nicht sicher gewesen, sagte er später der Presse, ob er Martin, mit dem er bereits im Kindergarten gewesen sei, verpfeifen solle, aber dann habe er an die Belohnung gedacht und anschließend »Was soll’s?«. Kurz darauf waren Willberg und sein Team über den Schulhof des Stadtgymnasiums gestürmt und hatten den Kindesentführer festgenommen, der lässig gegen eine Außenwand des Schulgebäudes lehnte, rauchte und vor den anderen Jugendlichen, die bei ihm standen und ebenfalls rauchten, damit prahlte, dass die Entführung »total easy« gewesen sei. Der Junge ließ sich widerstandslos die Handschellen anlegen und abführen, während die anderen Jugendlichen lautstark seinen Vornamen brüllten, um ihm auf diese Weise zu huldigen.
Jetzt saß der junge Mann seit etwa vierzig Minuten im Verhörzimmer. Er hatte ohne zu zögern gestanden, das Mädchen entführt zu haben. Als Motive hatte er Langeweile und die Lust angegeben, »es mal tun zu wollen«. Die Frage, was genau er mit »es mal tun zu wollen« gemeint habe, hatte er ebenso wenig beantwortet wie die nach dem Ort, wo sich das Mädchen jetzt befand.
Willberg sah erneut auf die Uhr. Sie mussten sich beeilen. Nach der Festnahme hatte man die Eltern des jungen Mannes informiert. Diese hatten ihren Anwalt angerufen, der nun auf dem Weg hierher war, um ihren Sohn zu vertreten. Bremer musste den jungen Mann zum Reden bringen, bevor sein Anwalt ihn zum Schweigen riet.
»Ich frage dich jetzt ein letztes Mal«, sagte Bremer. »Wenn du mir dann nicht auf meine Frage antwortest, werde ich dir das zweite Knie zerschlagen und anschließend den Unterkiefer brechen. In dem Schrank hinter dir befinden sich noch weitere nützliche Werkzeuge: Zangen, Schraubzwingen und vieles mehr. Ich hoffe, du weißt jetzt, dass ich keine Scheu habe, sie zu benutzen.«
Aus den Augen des jungen Mannes strömten unablässig Tränen. In seiner gekrümmten, wehrlosen Haltung sah er aus wie ein kleiner Junge, dem man großes Unrecht antat.
»Wo ist das Mädchen?«, fragte Bremer und hob den Hammer.
Danach ging alles ganz schnell. Der Junge flehte Bremer an, ihn nicht wieder zu schlagen. Er sagte, er würde alles tun, wenn Bremer den Hammer wieder auf den Tisch legte. Als Bremer das tat, fing der junge Mann an zu reden.
Keine zwanzig Minuten später erreichten Willberg und sein Team die Stelle, wo das Mädchen sich befinden sollte - eine alte, verlassene Holzhütte im Königsforst, die dem Jungen vor ein paar Monaten beim Gotchaspielen aufgefallen und in Erinnerung geblieben war. Das Mädchen war tatsächlich dort. Es lag an Händen und Füßen gefesselt auf dem Holzboden der Hütte. Ein DNA-Test ergab, dass der Junge das Mädchen mehrmals vergewaltigt hatte. Die Zeitungen schrieben daraufhin, der Junge habe noch niemals Sex gehabt und »es mal tun wollen«. Der Junge sagte aus, er habe das Mädchen geknebelt, damit es nicht schreien und die Aufmerksamkeit womöglich vorbeikommender Spaziergänger auf sich lenken konnte. Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass das Klebeband, mit dem das Mädchen geknebelt worden war, nicht nur seinen Mund, sondern auch seine halbe Nase verdeckt hatte. Das Mädchen habe daher nur noch sehr wenig Luft bekommen und sei nach stundenlangem Sauerstoffmangel gestorben - etwa fünfunddreißig Minuten, bevor die Polizei an der Holzhütte eintraf.

Letzte Aktualisierung: 12.07.2008 - 18.40 Uhr
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