Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juli 2008
Aufguss - das letzte Mal
von Sybille Schwarz

Aroma-Aufguss ist immer Montags um 21 Uhr. Da kann ich sonst nie, aber weil heute der Chor ausfällt, ergreife ich die Gelegenheit. Aufguss ist gesund. Vorher sitzen alle draußen und warten, also tue ich so, als ob ich auch weiß, worum es geht. Dann rein, die besten Plätze sind anscheinend unten. Sofort ist alles belegt, ich sitze oben... wie immer in der Sauna. Die unten bewundern ‚uns’. Ich finde die Aussicht hier besser. Frei.
Einer schmiert sich etwas auf die Haut. Ob es schön macht? Er verneint, das sei Peeling.... das machen doch die Männer heute auch, meint er. Aha. Bietet mir davon an – Lavendelduft - riecht aber nur bis zum Duschen.
Nein, danke.
Nun, so lässt sich das gut an, ein bisschen Aufguss, ein bisschen Plauschen, alles nur heiße Luft.
Auch wenn die Saunatür kein Schloss hat, gibt es immer jemanden, der die Schlüsselgewalt inne hat. Man erkennt ihn am großen Holzlöffel, den er so in den Türgriff steckt, dass man weder raus noch rein kann. Dieser Mensch verkündet nun, dass ‚wir’ heute gleich mal hart anfangen würden.
Schön, mir geht’s ja gut, soll er mal.

Beim ersten Aufguss macht sich in meinem Kopf eine physiologische Frage breit, die mir vorher nie in den Sinn kam: Wie atmet man ein, ohne einzuatmen? Wie kommt Luft in die Lungen, ohne vorher die Nasenschleimhäute zu verbrennen? Durch den Mund? Keinen Mut ihn zu öffnen.
Konzentriere mich.
Um zu begreifen, dass man beim Ausatmen seinen eigenen Körper besser nicht streift, genügt ein einziger Atemzug.
Der Löffel klemmt am Türgriff. Jetzt nur keine Panik. Der Typ da vorne lacht und schnalzt laut mit dem Handtuch durch die Luft. Mir fällt die Schwangerschaftsgymnastik ein, in der man lernt, mit dem Schmerz zu atmen.
Ersticken werde ich also nicht.
Da stellt tatsächlich einer die Frage, ob es hier jemanden gäbe, der Erste Hilfe leisten könnte.
Nein, er hat mich dabei nicht angesehen. Meine Atmung kann er auch nicht gehört haben, ich weiß selbst nicht, ob ich noch atme. Er ist einer aus der unteren Reihe. Noch nichts von positivem Denken gehört!
Nach dem zweiten Aufguss geht der Holzlöffel kurz auf. Im mir kämpft der Ehrgeiz gegen den nackten Wunsch zu überleben. Ich überlege zu lange, mein allzu klägliches „Ich will raus“ geht unter, als die Tür wieder geschlossen wird.
Den dritten Durchgang überstehe ich auch. Weiß nicht mehr wie, nur dass ich mich hier wiederfinde, zeugt davon.
Ich kann es am Ende kaum glauben, bewege mich ganz langsam Richtung Ausgang und erreiche eine Liege. Wie ich danach aufstehen soll ist mir noch schleierhaft. War ich duschen? Ich glaube, ja.
Mist, mein Wasser steht ungefähr zwölf Meter weit weg im Regal. Wieder eine der Situationen, in denen ich vergeblich meine telepathischen Fähigkeiten teste.
Der Typ neben mir scheint nicht zu sehen, dass ich mich nicht mehr aufrichten kann, das Leben aushauche und dringend das lebensspendende Nass bräuchte, das er gerade aus seiner riesigen Flasche in sich hineinrieseln lässt. In meinem Mund ziehen sich die Schleimhäute zusammen.
Menschen sollten wirklich mehr aufeinander achten.
Dilemma. Liegen und verdursten, oder aufstehen und Wasser holen und dabei Gefahr laufen, niemals dort anzukommen? Vielleicht falle ich ja ins Schwimmbecken, das wäre wenigsten nicht so hart. Drei Sekunden - ich entscheide mich für die Variante Wasser holen. Badelatschen stehen lassen, nur keinen unnötigen Ballast mitnehmen. Gucken die alle wie immer, oder weil ich so aussehe, wie ich mich fühle? Es spricht mich hoffentlich niemand an, reden wäre jetzt mentale und physische Überforderung.
Mein Gehirn hat die Form einer schlanken, blauen Flasche.
Ich bin wie meine alte, ächzende Gastherme, deren Temperaturanzeige manchmal im gefährlich roten Bereich steht, während ich Angst habe, sie könnte explodieren.
Zielobjekt ist erreicht, jetzt nehmen, umdrehen. Wenn sich derweil jemand meine Liege genommen hat, werde ich ihn umbringen. Nein - geht nicht, ich schaffe es nicht, meinen Arm zu heben. Dann würde ich mich hier zu Füßen aller anderen auf die Fliesen legen.
Warum sehen die alle so normal aus? Die bluffen, jede Wette.
Unter Stöhnen falle ich wieder in die Horizontale, trinke alles aus und warte.
Aus den Augenwinkeln sehe ich meinen Nachbarn gehen. Habe ich zu laut gestöhnt?
Nach drei Stunden fühlt sich mein Gesicht immer noch an wie eine heiße Kartoffel.
Das war die Feuertaufe. Kreislauf, Herz, Nieren und Gehirn getestet.
Ergebnis: Überlebt.
Nächsten Montag ist wieder Chor, da kann ich leider nicht in die Sauna.

Letzte Aktualisierung: 24.07.2008 - 23.22 Uhr
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