Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Thema: Affäre | September 2008
Morgens halb zehn in Sommerloch
von Janine Gimbel

Sein Blick fiel auf ihre wohlgeformten Brüste, die ihm von der Anzeige entgegenlächelten. Er ließ seine Augen einen Moment auf ihnen ruhen, wollte dann weiterblättern. ‚Mila’ stand daneben in weißen Lettern. Ein kurzer, klar definierter Name. Vier Buchstaben. Was sich wohl dahinter verbarg? Sie warb mit Diskretion und Abenteuer. Das klang gut. Fand er. Abenteuer. Mila. Er ließ die Worte auf seiner Zunge zergehen, formte sie leise mit den Lippen, sodass seine Frau im Nebenraum ihn nicht hören würde.

Es war Sonntag, als er Mila in der Zeitung entdeckte. Horst hatte es sich in einem der dunklen Lehnsessel im Wohnzimmer gemütlich gemacht und Gerda war noch dabei, das Geschirr vom Frühstück zu säubern. Aber Mila ... er stellte sich vor, wie sie den Sonntagmittag verbringen würde. Sportlich war sie, das hatte er gelesen. Heimlich schlug er die Seite zurück. Sie mochte Ausritte und war 18. Ja, Mila. Eine lebenslustige Frau. Ob er nicht doch ...? Vorsichtig neigte er sich in seinem Sessel nach vorne, versuchte, einen Blick auf Gerda zu erhaschen, die seit Minuten konzentriert über das Spülbecken gelehnt stand. Die Teller klapperten, Wasser plätscherte.

Er sah sie erneut an, Mila. Sie trug ein helles Hemd, das sie mit ihren zarten Händen gerade so weit nach oben gezogen hatte, dass man freie Sicht auf ihre gereckten Nippel hatte. Wieder kam es ihm in den Sinn, dass er sie anrufen sollte. Vielleicht würde sie mit ihm ausreiten wollen? Für Pferde hatte er schon immer etwas übrig gehabt.

In der Küche polterte es, ein Aufschrei folgte. „Ist was, Gerda?“ Diesmal wandte er seinen Blick nicht von Mila ab und hoffte zudem, dass seine Frau nicht antworte. Warum war Milas Antlitz nicht in der Zeitung abgebildet? Nur ihr Busen prangte auf dem Foto, keine Spur von ihrem Gesicht, das – da war er sich sicher – von haselnussbraunem, duftendem Haar umrahmt sein musste.

„Nichts passiert“, kam es dumpf aus dem Nebenzimmer zurück. Er schob den Rücken gegen die Lehne, dachte nach. Mila. War es richtig, dass er, ein verheirateter Mann, auf diese Art und Weise an eine andere Frau als seine Gerda dachte? Einen Moment haderte er noch mit sich, stand dann entschlossen auf und nahm Kurs auf das Telefon. Noch bevor er es erreicht hatte, vernahm er ein „Wen rufst du an?“ aus dem Nebenraum. Ertappt! Sie wusste alles! Er ließ die Arme sinken. Nun würde seine Affäre mit Mila auffliegen. Frau Huber von nebenan, sie würde bereits vor dem Mittagessen jedes schmutzige Detail wissen und daraufhin ihr Bestes unternehmen, um auch die anderen Dorfbewohner der kleinen, rheinischen Gemeinde an ihren Kenntnissen teilhaben zu lassen.
Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, er blieb vor dem Telefon stehen und starrte es unentwegt an. Wen rief er an? Mila. Unmöglich, dies vor Gerda zuzugeben. Was sollte er als Ausrede hervorbringen? „Jochen.“ Seit das Ehepaar ihn bei einem Österreich-Urlaub kennen gelernt hatte, hielten sie gelegentlichen Kontakt. Es war nichts dabei, einen guten Freund sonntags anzurufen, oder? „Richte ihm meine Grüße aus“, lautete die beruhigende Antwort und Gerda steckte den Kopf ins Zimmer. „Ich werde der Hubersche einen kurzen Besuch abstatten. Sie hat mir noch etwas zurückzugeben.“

Die Tür fiel ins Schloss. Jetzt oder nie. Mit schwitzigen Händen griff Horst nach dem Hörer, hielt die Zeitung mit der Anzeige auf Augenhöhe, um die hellen Ziffern lesen und eintippen zu können. Als ein Freizeichen erklang, klammerte er sich mit klopfendem Herzen an die hüfthohe Kommode, auf der das Telefon stand. Sie war nicht da. Gut. Erleichtert wollte er auflegen. „Hallo Süßer ...“, hauchte dann jedoch eine Stimme am anderen Ende der Leitung.
„M-M-Mila?“, stotterte er.
„Ja, die bin ich. Und wie heißt du?“ Der aufreizende Unterton, der ihre Worte begleitete, blieb ihm nicht verborgen. Konzentriert lauschte er, noch immer ängstlich, dass man ihn erwischen könne, und nahm dann all seinen Mut zusammen. „Gerda“, presste er atemlos zwischen den Zähnen hervor.
„Gerda...?“
„I-Ich ... ich meine Horst.“ Er musste heftig husten, sein Herz schlug rasch.
„Horst ...“ Sie blieb kurz still. Dachte sie nach? Ihm fiel ihre Abenteuerlust wieder ein, was nicht gerade dazu beitrug, seinen Herzschlag zu beruhigen. „... du bist also geil auf TS?“ Er schluckte und, noch während er nachdachte, was das wohl sei, hatte er eingewilligt. „Dacht’ ich’s mir doch, du Schlingel“, stellte sie zufrieden fest. „Und sonst? Worauf stehst du so?“
„Ich ... ich weiß es gar nicht ...“
„Oh, das werden wir schon noch herausfinden.“
Er versuchte unterdessen, seine schon reichlich angekratzte Ehre zu retten: „Ich war mal in einem Billardverein.“
„Ach ... so einer bist du! Was stelle ich da nur mit dir an?“
Eine Pause entstand, aus Verlegenheit heraus wusste Horst ihr nichts zu entgegnen.
„Zieh dich aus!“, befahl sie schließlich und schnalzte gefährlich mit der Zunge.
„J-Jetzt? Hier?“ Sein Blick glitt panisch zum Fenster, den hochgezogenen Jalousien.
„Ja. Ich habe mich schließlich auch schon ... ausgezogen.“ Die dramatische Pause, die sie einlegte, gefiel ihm gar nicht. „Nun, was ist?“ Wer garantierte ihm denn, dass Mila wirklich nackt war? Wobei ... wenn er es sich recht überlegte ... was sprach dagegen? Ihrem Befehl folgend legte er den Hörer auf der Kommode ab und öffnete seine Hose. Während er erneut nach dem Apparat griff, rutschte ihm diese bis in die Kniekehlen. „Und“, kam es von der anderen Seite der Leitung, „wie groß ist er?“ Hilflos sah er an sich herunter.
Sie zog ihre Schlüsse aus seinem Schweigen. „Du bist wohl schüchtern. Was hältst du davon, wenn ich ihn jetzt ... in meine Hand nehme?“
Er nickte scheu, merkte er erst dann, dass es Mila unmöglich war, diese Reaktion wahrzunehmen. „Ja ...“

Jegliche Gedanken an Gerda gehörten bereits der Vergangenheit an, als diese, zurück von ihrem Besuch bei der Nachbarin, ins Zimmer trat. „Horst!“
„Ich ... M-M-Mila ...“, stotterte er, auf der Suche nach einer Erklärung, und sah währenddessen panisch vor Sorge zurück zum Hörer. Wenn sie nur nichts merken würde ...
Wütend griff Gerda jedoch nach dem Telefon, schob ihren Gatten achtlos beiseite. Sie vernahm noch eben ein Stöhnen auf der anderen Seite des Gerätes.
„Was fällt Ihnen eigentlich ein!“ Ihre Stimme hallte an den Wänden des Raumes wider und kleine, rote Punkte zierten ihre vor Wut glühenden Wangen. „Lassen Sie die Finger von meinem Mann und rufen Sie hier nie wieder an!“ Besagter Herr stand unterdessen betreten neben ihr und schaute zu Boden, während seine Frau ihre Schimpftiraden auf ihr Opfer, das bereits aufgelegt hatte, niedergehen ließ. Letzten Endes nahm sie wieder von ihm Notiz: „Was dich anbelangt,“ – ihre Augen funkelten ihn düster an – „du wirst nicht einfach davonkommen.“ Deutlich war das Geräusch zu vernehmen, mit dem die Peitsche die Luft neben Horsts Ohr durchschnitt. Ein Glück, dass Frau Huber sie just an diesem Morgen um halb zehn nicht mehr gebraucht hatte.

Letzte Aktualisierung: 09.09.2008 - 13.39 Uhr
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