'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Susanne Ruitenberg IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Oktober 2008
Sein schwerster Fall
von Susanne Ruitenberg

Drei Leichen.
Drei tote Frauen, in seiner Stadt!
Kommissar Horn starrte auf die Bilder an der Wand. Unterschiedlicher ging es kaum. Die erste jung und blond, musste sehr hübsch gewesen sein. Sie war am längsten tot, das hatte selbst er auf den ersten Blick gesehen. Die zweite alt und dürr, die dritte vom Alter her dazwischen, kräftig gebaut und eine Haut wie Ebenholz. Was um alles in der Welt konnten sie gemeinsam haben? Außer, dass jemand sie als Messerblock benutzt und in einer abgelegenen Grillhütte im Wald deponiert hatte. Die jetzt, mitten im Winter, natürlich kaum frequentiert war. Er sah auf die Uhr. Seit gestern Abend war er nicht daheim gewesen. Die Sonntagsbrötchen würde Tina ohne ihn essen. Wenn sie endlich einen Durchbruch hätten, wenigstens einen kleinen.
Die Tür flog auf und Schmitt eilte in den Raum. „Markus, wir haben eine Vermisstenanzeige, die passen könnte. Carina Moos, dreiundzwanzig Jahre alt. Eine Kindergärtnerin. Sie hatte frei. Sollte letzte Woche wieder anfangen und kam nicht. Weil sie schon einmal den Urlaub überzogen hatte, haben die Kolleginnen erst nach ein paar Tagen herumtelefoniert.“
Horn nickte ihm zu. „Sehr gut. Versucht, Fotos aufzutreiben. Oder bringt eine Kollegin her, und konzentriert euch dann auf die beiden anderen.“
Er wählte die Pathologie an.
„Mertens.“
„Horn hier. Habt ihr schon was?“
„Die Blonde ist vor drei Wochen gestorben, die Alte vor zwei Wochen, und die Schwarze vor einer Woche.“
Also wäre jetzt wieder eine dran, wenn es bei dem Muster bliebe. Horn schüttelte den Kopf. Er wollte erst gar nicht daran denken. „Habt ihr sonst irgendetwas gefunden, das sie verbindet?“
„Nun, sie hatten Blätter und Tannennadeln am Körper. Ziemlich verschmutzt. Als hätte er sie im Dreck gewälzt. Da müssen wir uns erst durcharbeiten. Sie sind aber mit dem gleichen Messer getötet worden. Die Klinge wurde mit einer Mordskraft hineingerammt, wie ein Berserker muss er zugestochen haben.“
Ein Psychopath. Markus Horn atmete tief ein und ließ die Luft langsam zwischen den Lippen entweichen. Ein echter Serienkiller, der sinnlos Frauen abschlachtete. Wie in einer schlechten amerikanischen Fernsehserie. Wenn er wenigstens einen Profiler ordern könnte, das taten die TV-Helden in einem solchen Fall.
Wenig später erhielten sie die Bestätigung. Es war Carina Moos. Zumindest eine hatten sie identifiziert.
Er starrte wieder die Fotowand an. Daneben steckten zwei Kollegen bunte Pins in eine Karte des Waldstücks. Blau für Reifenspuren, gelb für Zigarettenkippen, weiß für Papier. Sein Handy brummte. Tina. Er wollte gerade danach greifen, als ein Kollege in den Raum stürmte. „Chef, unten ist eine Frau Winter aus München. Sie hat seit einiger Zeit nichts von ihrer Mutter gehört. Da ist sie her gekommen. Ist mit dem Hausmeister in die Wohnung. Leer. Die Nachbarn haben sie seit etwa zwei Wochen nicht gesehen. Die dachten, sie wäre zur Tochter gefahren und haben sich keine Gedanken gemacht.“
Horn sprang auf. „Zeig ihr ein Foto vom Gesicht der älteren Leiche. Eins, das nicht zu furchtbar aussieht. Nein, warte, ich komme mit.“

Eine halbe Stunde später setzte er sich wieder an den Tisch. Sie war es gewesen. Nun zierten zwei Namen die Bilder an der Wand. Gerda Frobisch, geboren fünfter Januar vierunddreißig. Ihre Tochter hatten sie mit einem Zusammenbruch ins Krankenhaus fahren müssen. Ein Foto der schwarzen Frau würde heute in den Abendnachrichten gezeigt werden. Vielleicht hatten sie ja Glück, und auch für dieses Opfer käme jemand Meldung machen.
Kollege Meier wedelte mit dem Telefonhörer: „Chef, die Hundestaffel kommt aus dem Wald zurück. Sie haben keine weiteren Leichen in der Umgebung gefunden. Anscheinend war die Hütte sein einziger Abwurfplatz.“
Horn nickte. „In Ordnung. Ist bei den Spuren was Brauchbares dabei?“
„Jede Menge Reifenabdrücke. Werden gerade ausgewertet.“
„Sie sollen Dampf machen.“

Horn trommelte mit den Fingern auf seinem Notizblock herum und sah auf die Uhr. Schon so spät, Tina würde wieder ... Moment, sie hatte doch angerufen. Er wählte die Mobilboxabfrage.
„Hi Markus, bist wohl in einer Besprechung, ihr müsst ja den Jahrhundertfall am Bein haben. Du, ich wollte dir danke sagen. Ich hab sie gefunden. So eine wollte ich schon immer haben. Schön stabile Kette, die werde ich nicht gleich verlieren. Und der Anhänger erst! So modern, nicht so kitschig wie früher. Dabei guckt er irgendwie süß, fast wie Klein-Nemo. Danke! Kommst du heute Abend heim? Ich habe einen Termin beim Nachtfrisör. Der hat Aktionstag, fünfzig Prozent Ermäßigung stand in der Zeitung. Genial. Der ist doch sonst so teuer. Bis irgendwann, Schatz. Ich hab dich lieb.“ Horn starrte das Handy an. Welche Kette? Er hatte doch nicht ... das konnte nur Tinas kleine Schwester gewesen sein. Er zuckte die Achseln. Wenigstens würde sich Tina nicht langweilen. Mühsam unterdrückte er ein Gähnen. Höchste Zeit für einen Koffeinkick.
„Bin gleich zurück.“
In der Cafeteria aß er zwei Sandwichs und trank dazu drei Kaffee, schwarz. Dann ging sein Beeper los. Er warf einen Blick darauf und eilte ins Besprechungszimmer zurück.
„Markus, wir haben eine mögliche Identifizierung der dritten Frau.“
„Wer?“
„Ein Herr Weber. Sitzt in deinem Büro.“

Der Mann auf dem Besucherstuhl war gut gekleidet und wirkte sehr nervös. Er starrte auf das Foto in seiner Hand.
„Erkennen Sie sie?“, fragte Horn behutsam.
Weber nickte. „Ja. Das ist Malimba Okobana. Sie ist ... war unsere Haushälterin.“
„Seit wann haben Sie sie vermisst?“
„Letzte Woche Samstag. Ihr Geburtstag.“
Horn rechnete nach. „Das war der siebzehnte.“
„Jahrgang?“
„Einundsechzig.“
„Und? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“
„An dem Morgen.
„Warum haben Sie sich nicht früher gemeldet?“
Weber wand sich auf seinem Stuhl. „Wir haben ... sie hat ...“ Er schluckte. „Sie hat keine Papiere.“
„Ich verstehe. Darum geht es jetzt nicht. Erzählen Sie.“
Weber nickte und holte tief Luft. „Wir hatten ihr freigegeben und ihr einen Gutschein geschenkt, von der City Passage. Sie wollte zum Nachtfrisör gehen. Der ist eigentlich viel zu teuer für sie, aber an dem Tag hatte er Aktionstag.“
Eine Alarmglocke schrillte in Horns Kopf. Er wollte gerade zu einer Frage ansetzen, da klingelte sein Telefon. Es war die Pathologie. „Einen Moment bitte.“ Er nahm ab. „Was gibt’s?“
Mertens klang aufgeregt. „Vielleicht ein Durchbruch. Erstens haben alle drei Abdrücke am Hals. Als hätte jemand ihnen mit Gewalt eine Kette abgerissen. Zweitens müssen sie vor ihrem Tod beim Frisör gewesen sein. Wir haben eine Spülung von Clarissa Clear identifiziert, die Marke gibt es nur in Salons. Kollege Kern trommelt gerade den Firmenchef aus dem Bett um herauszufinden, wer das bezieht. Es ist sauteuer, das hat nicht jeder.“
Teuer? Horns Rücken fühlte sich an, als würde ihn jemand mit Eiskristallen beschießen, er drehte sich vom Schreibtisch weg. Sein Blick fiel auf eine Zeitung im Papierkorb, aufgeschlagen auf die Seite mit den Horoskopen. Unwillkürlich begann er zu lesen. Dann stutzte er, zog die Zeitung heraus, griff zum Telefonhörer. „Schmitt, besorg mir das Geburtsdatum von der Kindergärtnerin. Sofort.“
Nach zwei Minuten rief dieser zurück. Horn notierte die Daten der Frauen auf einen Block: 30.11. – Schütze. 5.1. – Steinbock. 17.2. - ... „Herr Weber, hatte Frau Okobana eine Kette mit einem Wassermann-Anhänger?“
Webers Augenbrauen hoben sich. „Ja, die trug sie immer. War ein Geschenk von ihrem verstorbenen Mann. Wieso?“
Nach Wassermann kam ...Horn erstarrte. Das Telefon klingelte. Er riss den Hörer hoch. „Was?“
„Chef, wir haben ihn gefunden.“
„Wen? Mach es nicht so spannend, Mensch!“
„Clarissa Clear Zeugs wird hier nur an einen Salon geliefert. Den neuen, in der City Passage. Der immer nachts ...“ Horn drückte das Gespräch weg und wählte eine andere Nummer. „Sofort in die Wagen. Wir treffen uns unten.“
Im Gehen warf er Weber zu: „Danke vorerst. Ihre Aussage nehmen wir später auf. Und keine Angst wegen der Papiere.“
Er stürmte aus dem Raum. Beim Laufen wählte er Tinas Nummer und hielt den Hörer ans Ohr. „Mach schon, geh dran, sag, dass du ok bist.“
Nach dem zehnten Klingeln meldete sich die Mailbox.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2008 - 11.24 Uhr
Dieser Text enthält 8052 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.