Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2008
Kaufet, nicht, verkaufet
von Michael Rapp

Noch kann ich gehen, überlegte Jan und blickte auf in den klaren Sternenhimmel. Das Licht der Straßenlaterne blendete, aber dort oben gab es für ihn ohnehin keine Hilfe.
Sein Ziel war das kleine Haus auf der anderen Seite der verkehrsberuhigten Straße. Ein Gebäude, das so überhaupt nicht mysteriös oder gar märchenhaft wirkte. Es war kastenförmig und bieder, Terracottatöpfe mit immergrünen Sträuchern bildeten den einzigen Schmuck. Jan war deswegen enttäuscht und schämte sich für dieses Gefühl.
Habe ich ein Hexenhäuschen erwartet? Ein schiefes Fachwerkgebilde, um das schwarze Katzen streunen? Vielleicht auch noch ein kupfernes Teleskop, das sich wie ein Finger durch das Dachfenster nach den Sternen streckt?
Er fühlte das Gewicht der Waffe in seiner Tasche. Solange Kosloff lebte, konnte er sich nicht trauen. Er würde sich wieder beeinflussen lassen und auch noch den Rest seines Vermögens verlieren. Mit weiten Schritten lief er über die Straße, den Bürgersteig entlang und in den Vorgarten.
Nicht denken. Ich muss es tun, ohne zu denken. Er wischte sich die feuchten Hände an der Anzughose ab. Sein Herz pochte, als er den Klingelknopf drückte. Ein leises Summen war zu hören, dann Schritte, die sich der Haustür näherten. Hinter einem rautenförmigen Milchglaselement, das in Kopfhöhe in das Holz eingearbeitet war, bewegte sich eine Person.
Jan hielt die Luft an, als Magnus Kosloff die Tür öffnete.
Auf Fotos wirkte der Astrologe immer ernst und geheimnisvoll, fast düster; der Kosloff, der Jan nun gegenüberstand, war dagegen ein weißblonder Mann mit Melonenbauch. Er trug Jeans und ein blaues T-Shirt. In der Hand hielt er eine qualmende Zigarette.
Es war nicht zu fassen. Jan schüttelte den Kopf über seine Dummheit.

*

„Was kann ich für Sie tun?“, brummte Holger. Es war spät, und am nächsten Tag musste er Leserbriefe beantworten – eine Arbeit, vor der ihm graute.
Sie sind Magnus Kosloff ?“, fragte der Besucher. Er klang nervös.
„Oder Holger Schmidt, je nachdem, ob Sie den Künstler oder den Privatmann suchen.“
Der Besucher schwankte, als hätte ihn ein Windstoß erfasst, murmelte etwas Unverständliches und griff dann in seine Manteltasche. Als er die Hand wieder herauszog, hielt sie eine kleine Pistole.
„Ich muss Sie töten“, sagte er.
Holger gab einen überraschten Laut von sich, ließ die Zigarette fallen und wich in den Flur zurück. „Bitte! Was hab ich Ihnen denn getan?“ Er glaubte nicht, dass er den Mann kannte. Seine Fans waren zumeist weiblich und manchmal ein wenig aufdringlich, aber nie gewalttätig.
Der Fremde folgte Holger, die Waffe im Anschlag, doch er schoss nicht. Stattdessen sprudelte es aus ihm heraus: „Ich habe fast mein gesamtes Vermögen an der Börse verloren, und Sie sind mit Schuld! Da ist diese Beteiligungsgesellschaft, die in den letzten Jahren eine erstklassige Performance hatte, und dann kam die Krise der Finanzmärkte, und es ging bergab. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte, verlässliche Informationen gab es nicht. Aber da waren Sie mit Ihren Horoskopen, die früher so oft gestimmt haben.“
„Das sollen Sie auch nicht machen!“, klagte Holger, als er den Wohnraum erreichte und hinter dem gläsernen Esstisch Schutz suchte. „Die Horoskope sind für den privaten Gebrauch bestimmt, nicht, um mit ihnen wichtige Geschäftsentscheidungen zu fällen.“
„Warum stimmen die Vorhersagen nicht mehr?“, fragte der Mann, ohne auf Holgers Erklärung einzugehen. „Ausgerechnet, als es darauf ankam, war alles falsch.“
Er sah eigentlich nicht aus wie ein Spinner. Er war gepflegt und gut gekleidet. Bewies das nicht, dass noch Vernunft in ihm steckte? Vielleicht musste er sich nur etwas von der Seele reden und war dann bereit, die Waffe wegzulegen.
„Es tut mir sehr leid, dass Sie Pech an der Börse hatten“, sagte Holger.
„Das war nicht einfach Pech!“ Die Hand mit der Waffe zuckte hin und her. „Ich wollte schon aussteigen und den Verlust realisieren, aber dann habe ich die Verkaufsorder storniert, bin doch dabei geblieben und habe sogar nachgekauft, damit ich in der nächsten Aufwärtsbewegung mein Geld wieder rausbekomme ... Ich weiß, das war dumm, aber jeden Morgen fand ich ein Horoskop von Ihnen, das mir Glück vorhersagte, und da konnte ich nicht aussteigen.“ Er senkte die Waffe etwas, griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Zeitungsausschnitte heraus. Einzelne Stücke fielen zu Boden. Auf einem erkannte Holger eine stilisierte Waage mit einem kurzen Text darunter. „Schauen Sie, ich habe alle gesammelt.“ Der Mann hielt ihm die Horoskope hin.
Holger nahm sie und warf einen Blick darauf. Er schauderte. Das war seine Arbeit, sicher, aber wie konnte jemand die Sache nur so ernst nehmen? Wie verzweifelt musste ein Mensch sein, um seine Zukunft von Sterndeuterei abhängig zu machen?
„Horoskope sollen den Leuten helfen, positiv an ihren Alltag heranzugehen“, erklärte er ruhig und hoffte, den richtigen Ton zu treffen. „Ich versuche, die Vorhersagen immer so zu formulieren, dass die Leser daraus Mut und Hoffnung schöpfen. Sie sollen daran glauben, dass sie etwas erreichen können.“
Die Hand mit der Waffe schnellte hoch.

*

Jan fühlte, dass es ihm gut tat, seine Gedanken auszusprechen. Aber dieser Schmidt war schrecklich. Er entsprach in keinem Punkt Jans Vorstellungen, wirkte so normal und vernünftig.
Warum kann er kein Rasputin sein? Das hätte die Sache so viel leichter gemacht.
Er wollte Schmidt nicht mehr töten, und vielleicht gab es sogar einen besseren Weg: Er musste sich nur beweisen, dass Astrologie ein großer Schwindel war. Doch noch fühlte Jan sich nicht geheilt, sein Glaube an Horoskope war angeschlagen, aber nicht erloschen.
„Ich versuche, die Vorhersagen immer so zu formulieren, dass die Leser daraus Mut und Hoffnung schöpfen“, sagte Schmidt in diesem Moment. „Sie sollen daran glauben, dass sie etwas erreichen können.“
Dieser Idiot! Jan richtete die Pistole auf ihn.
„Wissen Sie überhaupt, was Sie mir damit angetan haben? Ich hätte früher loslassen können, wenn Sie mir nicht dauernd Mut gemacht hätten!“
„Vielleicht war es ein Fehler, die positiven Aspekte zu betonen“, räumte der Astrologe ein. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. „Aber ich hatte immer die besten Absichten. Wie wäre das: Ich verspreche Ihnen, in Zukunft nur noch ausgewogene Empfehlungen zu geben.“
„Sind Sie ein Betrüger?“, fragte Jan scharf.
„Was?“
„Sagen Sie, dass Sie ein Betrüger sind! Sagen Sie, dass Sie die Horoskope bloß erfinden!“
Es tat weh, sich dieser Erkenntnis zu stellen, bedeutete sie doch, dass er sich von Anfang an zum Narren gemacht hatte. Aber es musste sein. Wenn Schmidt offen zugab, nur Lügen zu verkaufen, konnte Jan vielleicht Ruhe finden.
Der Astrologe begann zu zittern und sagte gar nichts.
„Kommen Sie, sagen Sie es“, forderte Jan ihn auf. Er versuchte zu lächeln. „Sagen Sie es.“
Jan bemerkte, dass seine Pistole immer noch auf Schmidts Kopf zeigte. Er ließ die Waffe sinken und legte sie vor sich auf den Esstisch.
„Sagen Sie es“, bat er.

*

Der bringt mich um.
Statt sich zu beruhigen, wurde der Mann immer erregter. Die Hand mit der Pistole zuckte hin und her. Holger rechnete jeden Moment damit, dass sich ein Schuss löste.
„Sind Sie ein Betrüger?“ Die Waffe stieß nach vorn wie ein tödlicher Zeigestock. „Sagen Sie, dass Sie ein Betrüger sind! Sagen Sie, dass Sie die Horoskope bloß erfinden!“
Wenn ich das bestätige, schießt er. Holgers Gedanken rasten, während der Mann seine Forderung wiederholte. Er will, dass ich mich selbst verurteile.
Der Mann lächelte schief, tat so, als habe er die Pistole in seiner Hand gerade erst bemerkt und legte sie auf den runden Glastisch, genau zwischen sich und Holger.
Wollte er jetzt ein Spiel daraus machen? Das musste es sein. Aber wenigstens war es eine Chance. Besser, als sich hilflos abknallen zu lassen.
„Sagen Sie es.“
Holger reagierte zuerst. Er stürzte nach vorn auf die Tischplatte, die durch die einseitige Belastung von ihrer Säule kippte, ergriff die rutschende Waffe und feuerte im Fallen.

*

KRRSCHHH. Es regnete Glas. Jan taumelte zurück. Warum hatte der Idiot auf die Platte geschossen? Er sah an sich herab, aber da waren nur kleine Splitter, die er vorsichtig abschüttelte.
Schmidt lag mit aufgerissenen Augen in den Trümmern, die Pistole neben sich, und drückte seine roten Hände gegen den Hals. Blut sickerte zwischen den Fingern hindurch.
Schau gut hin, forderte sich Jan in Gedanken auf, während er die ausgeschnittenen Horoskope einsammelte. Wenn er etwas von Vorhersagen verstehen würde, müsste er jetzt nicht verbluten.

Letzte Aktualisierung: 25.10.2008 - 21.02 Uhr
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