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Oktober 2008
Götterdämmerung
von Barbara Hennermann

Sie ruhte auf dem Diwan aus schwarzer Seide, das linke Bein leicht angewinkelt, das rechte ausgestreckt, die Arme mit den nach oben geöffneten Handflächen locker neben dem Körper liegend. Seine Alabasterfarbe betonte die sanften Rundungen, die sich in ihrer Nacktheit den Blicken des Beschauers preisgaben. Noch war die Glut ihrer Lippen nicht erloschen und die Dichte ihrer Wimpern warf Schatten auf die hohen Wangenknochen, die eine Fülle lockigen, schwarzen Haares umgab. Schlafend schien sie und war von atemberaubender Schönheit. Doch kein Atemzug hob und senkte die makellosen Brüste, leblos hatte die Seele ihre Hülle zurückgelassen.
Der Mann stieß bei ihrem Anblick einen unterdrückten Schrei aus, in dem sich Verzweiflung und Wut paarten. Er riss sich den weißen Umhang von seinen Schultern und bedeckte damit den leblosen Körper. Dann nahm er den schweren Goldbecher, der neben dem Diwan stand, und verließ den abgedunkelten Raum.




Sieh, Fremder, den Sternenhimmel -
ein Baldachin aus schwarzer Seide,
leuchtende Zeichen der Götter,
dein Leben bestimmend.
Erkennst du ihre Ordnung?
Du magst groß sein oder klein,
in ihrem Kreis bist du einer von vielen.
Geboren aus dem Licht
wirst du eines Tages zurückkehren
in ihren stets gleich bleibenden Lauf.
Auch ich, die Dienerin des Gottes,
werde meine Bestimmung finden unter ihnen.
Gering ist mein Wissen,
doch mit seiner Hilfe werde ich dir weissagen,
wie die Sterne deinen Weg zu lenken vermögen.



Die Luft in dem kleinen Raum war stickig und erfüllt von den Dämpfen, die aus der Erdspalte in seiner Mitte aufstiegen. Zwei Männer in langen weißen Gewändern geleiteten die junge Frau zu ihrem Platz direkt an der Erdspalte. Auch sie war in ein ebensolches Gewand gehüllt, das die Blöße ihres Körpers verhüllte. Gereinigt von den Wassern der heiligen Quelle und gestärkt durch einige Schlucke des geheiligten Wassers würde sie die Kraft haben, das Wort des Gottes zu verstehen und weiter zu vermitteln. Sie nahm auf dem dreibeinigen Hocker Platz und versenkte ihr Antlitz im aufsteigenden Dampf. Reglos verharrte sie, bis die Tür sich öffnete und der Besucher den Raum betrat.



Es war ein Fehler gewesen, diesem Ruf zu folgen. Elena hatte von Anfang an kein gutes Gefühl dabei gehabt. Sie war eine bodenständige Person, aufgewachsen in der Natur und verbunden mit den Tieren ihres Vaters. Es machte ihr Spaß, die Ziegen zu hüten und barfuß durch die taunassen Wiesen zu streifen. Dort war es auch, wo die Männer sie aufgespürt hatten. Sie erinnerte sich noch, wie sie sie angeglotzt hatten. „Aphrodite!“, hatte einer von ihnen ausgerufen, als er sie sah. Wie unsinnig! Sicher, sie wusste es auch, dass sie von ungewöhnlicher Schönheit war – aber eine Göttin? Beileibe nicht! Die Männer kamen aus Delphi, nannten sich Priester. In ihrer Familie hatte man für Frömmigkeit nie viel Zeit gehabt, mehr als die notwendigen Opfer zur Erhaltung des kleinen Familienbetriebes waren niemals gebracht worden. Was also sollte sie dort an der heiligen Stätte, womöglich als Sprachrohr der Götter? Nein, es war nicht richtig gewesen, sich darauf einzulassen! Doch die Priester hatten ihren Vater so lange überredet – und wohl auch mit Geld gefügig gemacht – bis er ihnen nachgab. Der Abschied von daheim war ihr schwer gefallen, doch sie hatte sich fügen müssen. Drei Jahre war sie nun schon hier im Tempel Apollons, seine willfährige Jungfrau und Weissagerin. Was die Dämpfe ihr an Gedanken eingaben, wusste sie meist nicht mehr, doch die Priester vermittelten sie den Ratsuchenden als das Orakel des Gottes.



Der Mann war hochgewachsen und von edler Erscheinung. Selbst aus ihrer geduckten Position heraus konnte sie erkennen, dass er ein Mann von Bildung und Ansehen sein musste. Dennoch klang seine rauchige Stimme ehrfürchtig und demütig, als er sie ansprach. „ Künde mir, Pythia, den Spruch des Apollon. Mein Kaiser Julian Apostata sieht mit Sorge eine Welt entstehen, die sich mehr und mehr einem neuen Glauben zuwendet. Wird das Orakel auch in Zukunft Bestand haben?“



Elena erschrak. Was redete der Mann da? Doch blitzartig gebar seine Frage eine Idee in ihr, eine Möglichkeit, diesen Ort wieder verlassen und ins Leben zurückkehren zu können…



„Künde dem König, das schöngefügte Haus ist gefallen. Phoibos Apollon besitzt keine Zuflucht mehr, der heilige Lorbeer verwelkt, seine Quellen schweigen für immer, verstummt ist das Murmeln des Wassers.“ Sie schwieg. Totenstille erfüllte die Orakelstätte. Zum ersten Mal, seit sie ihre Rolle hier spielte, richtete Elena ihren Blick auf den Fragenden. Zum ersten Mal bahnte eine eigene Frage sich ihren Weg. „Wer bist du, Fremder?“ Sein Blick verschmolz mit ihrem, bannte ihn. „Der Arzt Orbasius“, murmelte er. Dann wandte er sich ab, eilte zum Ausgang. Sein weißer Umhang blähte sich im Luftzug. „Ich komme wieder!“ Er war verschwunden.



Was war das für ein Gefühl, das sie plötzlich erfasst hatte? Sie kannte den Schwindel, den die Dämpfe verursachten und der ihr eigenes Denken verwischte. Doch dieser war anders. Neu, unbekannt. Er vermischte sich mit dem Bild des Mannes, der eben den Raum verlassen hatte. Apollon? Er war das Abbild des Gottes, dessen Worte durch sie Sprache geworden waren. Oder doch nicht? Hatte er aus ihr gesprochen? Nie war ihr bewusst gewesen, welche Botschaft durch sie vermittelt wurde. Diesmal war es anders gewesen. Wunsch und Gelegenheit hatten sich zur Einheit gefügt, das Orakel hatte aus ihr gesprochen – und sie hatte es gelenkt.



Sie kamen zu fünft. Wie weiße Krähen stürzten sie auf sie zu. Kreischten. „Weib, was hast du getan? Unsere Zukunft ist vernichtet! DU hast uns vernichtet!“ Sie zerrten sie von dem Dreibein, schleppten sie in den angrenzenden Raum. „Du hast die heilige Stätte entweiht!“ Sie rissen ihr das Gewand vom Leib, warfen sie auf den Diwan aus schwarzer Seide. Hektisch schwirrten ihre Stimmen durcheinander. „Wir müssen die Götter besänftigen!“ „Wir müssen ihnen ein Opfer bringen!“ „Vielleicht können wir uns dadurch retten?“ „Die Opferstätte reinigen, wir müssen sie Apollon opfern!“
Die glasklare Flüssigkeit tropfte in den goldenen Opferkelch, vermengte sich mit Wein. „Trink, Weib, sühne deine Tat! Trink!“ Der Becher an ihren roten Lippen, kein Ausweichen, kein Entkommen. „Pythia, trink!“ Der Wein rann durch ihre Kehle. Wieder erfasste Schwindel ihre Gedanken…



Sieh, Fremder, den Sternenhimmel –
ein Baldachin aus schwarzer Seide,
leuchtende Zeichen der Götter,
dein Leben bestimmend.
Geboren aus dem Licht
wirst du eines Tages zurückkehren
in ihren stets gleich bleibenden Lauf.
Auch ich, die Dienerin des Gottes,
werde meine Bestimmung finden unter ihnen.
Dort blinkt er, der Asteroid,
der ich gewesen bin und bleiben werde.
Eingebunden in die Zeit,
die Zeichen der Götter
und die Zeichen der Liebe,
die ich mit dir nicht leben durfte,
als ich sie erkannte…




Er fand sie, als er sie verloren hatte. Den Göttern geweiht ihr Leben, den Göttern geopfert. Zerbrochen mit dem Orakel.
Tot auch die heilige Stätte. Entweiht durch einen goldenen Opferkelch…



Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist
und zum Staub zurückkehren wirst.
Doch siehe die Zeichen der Sterne
und ihre Unendlichkeit.
Wiedergeboren wird jeder, der verglühte.
Unsterblich wie deine Seele.

Letzte Aktualisierung: 16.10.2008 - 20.43 Uhr
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