Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2008
Trockenperiode
von Bernd Kleber

Er stolperte. „Scheiße!“ Da ist die Tür. Er kannte diese ganz genau. Wieder stolperte er über diese blöde Rasenkante, die da links und rechts den Weg säumte. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Pause. Er lehnte sich mit der Stirn gegen den Eingang. Bloß jetzt nicht die Alte wecken. Das Gezeter würde ihm den Rest geben. Sein Keuchen war bestimmt im ganzen Ort zu hören. Ihm war so schlecht. Ein Hund hatte angefangen zu bellen. „Mistvieh!“ Vielleicht sollte er es lieber nüchtern versuchen?
Der Schlüssel schabte über das Türblech, als wolle er unbedingt Kreise um das Schlüsselloch ziehen. Je mehr er sich bemühte, das Loch zu treffen, umso ungenauer wurden die Kreise. Der Schlüssel rutschte immer wieder vom Schließblech ab. Das klapperte. Nun konnte er sich nicht halten, kippte gegen die Tür. Das rumste. Dieser blöde Alkohol!
Warum machte er das hier? Passte der Schlüssel überhaupt?
Warum, verdammt, war er so unzufrieden mit seinem scheißbeschissenen Leben?
Die Tür wurde mit einem Mal von innen energisch aufgerissen. Ein Schlag traf ihn an der Stirn. Er stürzte der Länge nach ins Haus. Hart schlug er auf. Er hörte dieses Rauschen. Diese Gestalt, wie ein Derwisch, wie eine Hexe!
Schmerz! Ein heftiger Ruck auf seinem Kopf. Ein tosendes Stechen in ihm. Dann wurde alles leer.

Sechs Tage zuvor
Elvira saß auf dem weißen Küchenstuhl. Sie strich mit ihrer linken Hand beim Lesen mechanisch über die Tischdecke. Das wiederholte sie immer wieder, wie mit einem kalten Plätteisen. Die Sonne schien ihr direkt auf die Zeitung. Sie las ihr Horoskop ein zweites Mal.

„Fische: ... Sie sollten sich auf eine große Veränderung vorbereiten, etwas Entsetzliches wird sich ereignen. Kontaktieren Sie hilfreiche Freunde ...“

Sie las weiter:

„... Achten Sie auf Ihre Gesundheit und Geld fällt nicht vom Himmel.“

Was soll passieren?
Ihr wurde unheimlich. Sie las jeden Tag das Horoskop in der Zeitung, für die ihr Mann in der Sportredaktion tätig war.
Als er nach Hause kam, fragte sie ihn: „Sag mal, Harry, wer schreibt eigentlich eure Horoskope?“
Beim Ausziehen des Mantels antwortete er: „Ach, so ´ne Schülerin von der Tessier, kennst´e doch, die aus´m Fernsehen.“
Elvira nickte vor sich hin: „Ja, die Elisabeth Tessier, eine schöne und kluge Frau.“ Sie ging wieder in ihre Küche. Später beim Essen dachte sie darüber nach, welche Katastrophe sie treffen könnte.
Mit geöffneten Augen lag sie später neben ihrem schnarchenden Mann. Ihr Blick war grübelnd an die Decke gerichtet. Sie war neugierig auf das Horoskop am nächsten Tag.

„... wenn Sie jetzt nicht handeln, wird es Ihr Leben verändern, rechnen Sie mit einem Inferno ...“

Nein, das konnte doch nicht sein. Sie las alle anderen Horoskope.
Der Wassermann sollte glücklich werden, die Waage gewinnen, die Löwen schienen sich unentwegt zu paaren. Nur die Fische mussten wohl mit einer Trockenperiode schlimmsten Ausmaßes und leeren Flussbetten rechnen.
Sie atmete stoßartig.
Als ihr Mann an diesem Abend nach Hause kam, sah er sie erwartungsvoll an. Kein Wunder, war sie doch totenbleich.
„Harry, wonach richtet sich eure Tessierschülerin eigentlich?“
„Ach, die hat so Karten, wie drehbare Sternkarten und ein Computerprogramm. Wieso?“, fragte er misstrauisch.
„Ach, schon gut.“, sagte sie mit schwächelnder Stimme. Harry saß noch lange in seinem Arbeitszimmer, als sie schon längst im Bett war.
Der Folgetag brachte keine Besserung bei den Prophezeiungen in der „Fischabteilung“:

„... Sie sollten sich wappnen. Legen Sie sich Alternativen zurecht. Es häufen sich bei den Fischgeborenen tiefe Einschnitte in ihr gewohntes Leben ...“

Am nächsten Tag:

„... wenn Sie überleben wollen, brechen Sie zu einer Ihr Leben verändernden Reise auf. Sie müssen Ihr gewohntes Umfeld verlassen, denken Sie an Neuanfang ...“

Das gibt es doch nicht, dachte Elvira, alle Sternbilder hatten die üblichen beruhigenden und weisen Ratschläge für ein gesundes genügsames Leben.
Nur bei den Fischen schien die Katastrophe unaufhaltsam.
Wieder:

„... die Fische sollten ihr altes Leben überdenken und ein neues anfangen. Werfen Sie alles, auch Menschen Ihrer Umgebung, über Bord. Es werden sonst Krankheit und Verfall nicht ausbleiben ...“

Hat man Worte, dachte sie und las es erneut. Sie kannte ja kaum jemanden. Freunde hatte sie gar keine.
Entschlossen fuhr sie in den Buchladen des Ortes. Dort kaufte sie, nach langem Suchen, den Leitfaden „Wie verteidige ich mein Haus. Aus dem Amerikanischen, herausgegeben von der Liga Sicherheit und Waffe“.
Elviras Mann kam am Freitag spät nach Hause. Er teilte ihr mit, dass er von Samstag bis Donnerstag zu einem Leichtathletikfest nach Oslo müsse. Elvira solle seine Sachen packen und seinen Flanellschlafanzug nicht vergessen. Da oben im Norden hätten die schon Winter. Er sah seine Frau verwundert in einem nie gesehenen Jogginganzug. Sie trug, solange er sie kannte, immer Kleid und Schürze.
Elvira, in deren Kopf nur Horrorvisionen einer kommenden Apokalypse spukten, packte. Teilnahmslos, ohne darüber nachzudenken, legte sie Unterwäsche, Hemden, Socken und den Rest ordentlich in seinen Lederkoffer.
Danach schleppte sie ihn in die untere Etage des Hauses, stellte ihn neben die Eingangstür.
Ihr Mann kam aus dem Arbeitszimmer und murmelte noch etwas. Er verschwand mit einem flüchtigen Wangenkuss. Ein Taxi war vorgefahren.
Elvira war allein im Haus und schlich, flach atmend, herum.
Der Abend kam und sie fühlte sich unsicherer denn je. Sie schloss die Fenster. Sorgfältig hatte sie das Telefon neben sich gestellt. Im TV lief ein alter Edgar-Wallace-Film. Jedes Mal, wenn die blassen Augen des Klaus Kinski auf der Bildfläche erschienen, zuckte sie mit einem leisen Aufjuchzen zusammen. Es fehlten nur noch Gewitter und flatternde Vorhänge, dann wäre sie für immer erstarrt.
Vor ihren Füßen lag dieser schwere Schläger aus Holz, mit dem man Sport machen könne. Den Knüppel hatte ihr Mann vor Jahren aus Amerika mitgebracht.
Nun hörte Elvira ein Schleifen im Garten. Ein Poltern. Sie verharrte in ihrer Position und hielt die Luft an.
Jemand kratzte an der Wohnungstür. Das klang metallisch. Das „Große Fischsterben“ war eingeleitet. Elvira zitterte. Sie schaltete den Ton des Fernsehers aus.
Der Foxterrier ihres Nachbarn bellte wehrhaft. Guter Hund, dachte Elvira, vielleicht kommt noch rechtzeitig Hilfe. Wie spät war es eigentlich? Halb drei, las sie auf der Wanduhr.
Da, wieder ein Schaben und Klirren. Sie hielt es nicht mehr im Sessel aus.
Elvira erhob sich, nahm den Baseballschläger und ging durch den Flur. Sie schlich wie eine Katze. Ihre Nackenhaare tanzten Ballett. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Sie erinnerte sich an jedes ihrer Horoskope der letzten Woche. Die Worte Katastrophe, Ortswechsel, unausweichlich, garantiert gefährlich, düstere Zukunft, rasten durch ihre Gedanken. Schritt für Schritt erreichte sie die Haustür und hielt inne, den Schläger fest in ihren zitternden Händen.
Sie hörte ein widerliches Keuchen und Stöhnen von der anderen Türseite. Nun folgte ein Kratzen, wie von spitzen blutigen Nägeln einer Bestie. Ein Rinnsal Schweiß lief ihr über die Schläfe. Wer ist das? Ist das ein Lustmörder oder ein Einbrecher? Ist das vielleicht nur die Verwechselung in einem Drogenkrieg?
Nein, dachte Elvira, mich vertreibt hier keiner aus meinem Nest.
Sie erhob den Schläger, riss die Tür auf und schlug im gleichen Moment zu. Der Eindringling stöhnte auf. Unter dem Hut im Halbdunkel konnte sie nichts erkennen, schlug ein zweites Mal zu. Wie es krachte, sie hatte zweimal den Kopf getroffen. Ihre Hand vibrierte, der Schläger fiel auf den Fußboden. Elvira wankte zum Telefon und wählte die 110.

Am nächsten Tag klingelte Elviras Hausglocke. Sie schleppte sich, mit tiefen Ringen unter den Augen und noch immer zitternd, zur Tür. Der Beamte, der dort stand, lächelte verlegen und bat um Eintritt. Elvira winkte ihn wortlos herein.
Als sie sich in der Polstergarnitur gegenüber saßen, sah er sie mitleidig an. „Frau Höppner, wir haben inzwischen erfahren, warum Ihr Mann nach Hause geschickt wurde. Er hatte in stark alkoholisiertem Zustand seinen Chef beleidigt. Anlass waren wohl Beschwerden zu den Horoskopen, die Herr Höppner seit zwei Monaten in Vertretung schrieb. Was ich Ihnen jetzt mitteile, wird Ihnen nicht gefallen. Ein Kollege Ihres Mannes sagte aus, dass Ihr Mann die Horoskope dazu nutzen wollte, sich von Ihnen zu trennen. Er wollte sich von Ihnen scheiden lassen. Wussten Sie davon? Erzählen Sie mir nochmals, wie Sie den Tathergang erlebten. Wie war das Verhältnis zu Ihrem Mann? Das ist wichtig für Sie selbst und die Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft wird dann entscheiden...“, er holte tief Luft, „... zwischen Mord oder Totschlag!“

Letzte Aktualisierung: 19.10.2008 - 16.13 Uhr
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