Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Oktober 2008
Agga und Esaa
von Sigrid Jesner

Es war kalt. Der eisige Wind, der durch den Höhleneingang zu ihr herüber wehte, ließ sie erschaudern. Agga zog das Bärenfell enger um die Schultern und rieb ihre Hände über das Feuer warm.
Es war früher Morgen. Nur langsam, warf die Sonne ihre Strahlen auf das Land. Diese Jahreszeit mochte Agga nicht. Die Landschaft sah trostlos aus und es wurde nie richtig hell. Verstohlen schaute sie sich nach Esaa um. Er saß auf seinem Lager und hantierte an seinem Speer. Er schien ganz ruhig, aber Agga kannte ihn und wusste, dass es in ihm tobte. Seine Ader am Hals war geschwollen und seine Lippen fest aufeinander gepresst. Sein Gesicht zeigte keine Mimik. In ihren Gedanken versunken, schaute Agga in das Feuer. Sie hatte es in der Nacht gehütet, damit Esaa ausruhen und schlafen konnte. Es war fast heruntergebrannt. Agga stand auf, ging tiefer in die Höhle hinein und kam mit ein paar getrockneten Ästen zurück. Sie legte sie in das Feuer. Es war das letzte Feuerholz gewesen. Später würde sie Neues holen, dachte sie, jetzt nicht. Sie nahm sich ein Stück Dörrfleisch und schob es in den Mund. Es war hart und man musste lange darauf kauen, ehe es weich wurde, aber der Hunger würde nachlassen. Wieder schaute sie nach Esaa. Er hatte sein Speer zur Seite gelegt und die Augen geschlossen. Agga wusste, dass er die Götter zu sich rief, und sie bat ihm beizustehen. War es richtig, was sie taten? Doch, alles war gut, dachte Agga. In der Nacht hatte sie die Götter befragt. Sie hatte draußen vor der Höhle gesessen und die Götter um ein Zeichen gebeten. Es war eine klare Nacht gewesen und viele Stunden hatte sie zu den Sternen aufgeschaut. Plötzlich gab es einen Lichtblitz am Himmel. Ein Stern schien auf sie zuzurasen und zog einen langen funkelnden Schweif hinter sich her. Das war das Zeichen, auf das sie gewartet hatte. Die Götter würden mit ihnen sein.
Esaa öffnete seine Augen und schaute Agga an. Sie wusste, es wurde Zeit. Esaa nahm sein Speer und zusammen verließen sie die Höhle. Schweigend liefen sie über das öde Land. Es war kurz vor Wintereinbruch und die Kälte hatte alles Grün vernichtet und die Erde hart und steinig gemacht. Lange bevor die Sonne am höchsten stand, erreichten sie den Waldrand. Dort warteten sie. Es dauerte nicht lange, da sahen sie Warra auf sich zukommen. Nur eine Armlänge vor Esaa blieb er stehen und schaute ihm in die Augen. Dann sah er auf Agga, die nervös seinem Blick auswich. Plötzlich und völlig unerwartet, griff Esaa an und hieb mit der Faust gegen das Gesicht von Warra.
Er hatte nicht mit den Schlag gerechnet und taumelte zurück. Jetzt griff auch Warra an und es kam zum
Kampf auf Leben und Tod. Agga wich zurück und versteckte sich hinter einem Baumstamm. Sie hatte Angst. Aber was hätten sie tun sollen. Es war die einzige Möglichkeit, die ihnen geblieben war. Ihr Stamm bestand aus den drei Schwestern ihres Vaters mit ihren Männern und deren Kindern. Esaa war der Sohn, der ältesten Schwester. Schon als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen. Sie wollten für immer zusammen bleiben.
Im letzten Frühjahr waren sie dem Stamm hinter dem Wald begegnet und Warra hatte Anspruch auf sie gelegt. Arra wollte nicht mit ihm gehen, sie wollte bei ihrem Stamm bleiben. Aber ihr Vater hatte Warra zugesagt und ihm versprochen er könnte sie vor Wintereinbruch mitnehmen. Vor zwei Tagen war Esaa mit ihr aufgebrochen, um sie zu ihm zu bringen. Sie hatten in der kleinen Höhle gewartet, bis der Mond voll war. Das war der Tag, an dem sie Warra hier treffen sollten. Aber der Gedanke, dass sie sich trennen sollten, konnten sie nicht ertragen und obwohl sie nicht miteinander darüber sprachen, wuchs in ihnen nur ein Gedanke. Sie wollten Warra töten. Sie würden zusammen zu ihrem Stamm zurückkehren und sagen, dass Warra nicht gekommen wäre.
Der Kampf dauerte jetzt schon lange an. Agga mochte kaum hinsehen. Beide waren verletzt und Blut lief bei beiden aus mehreren Wunden. Plötzlich wurde Esaa zu Boden geworfen. Hart schlug er mit dem Kopf auf den Boden. Für ein paar Sekunden schien er das Bewusstsein verloren zu haben. Diese Schwäche wusste Warra sofort auszunutzen und warf sich mit angewinkelten Beinen auf Esaas Oberkörper. Er hatte den Speer in der Hand und hielt eine Sekunde inne, um seinem Feind in die Augen zu schauen. Esaa war klar, dass er den Kampf verloren hatte und wartete auf den Todesstoss, aber plötzlich brach Warra auf ihm zusammen und kippte zur Seite. Esaa richtete sich halb auf und sah Agga, mit einer blutverschmierten Speerspitze, neben sich stehen. Er war überrascht über ihren Mut, aber er würde nie diesen Blick vergessen, der ihn aus gequälten Augen, ansah. Unter Schmerzen stand Esaa auf. Er ging auf Agga zu, nahm ihr den Speer aus der Hand und warf es in den Wald. Behutsam nahm er ihr Gesicht in seine groben Hände. Er schaute sie an und war überwältigt von dem Gefühl, welches er für sie empfand. Schweigsam gingen sie zurück zur Höhle. Dort blieben sie noch einige Tage, bis die Wunden des Kampfes verheilt waren. Zusammen kehren sie zurück zu ihrem Stamm.

Letzte Aktualisierung: 22.10.2008 - 09.58 Uhr
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