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November 2008
Hagazussa
von Bernd Kleber

Du musst verstehn!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei lass gehn,
Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex',
Mach Sieben und Acht,
So ist's vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins.

Johann Wolfgang von Goethe


Fritz strich mit seinem Brotkrumen am Innenrand des Holzbechers entlang. Die Milch hatte er längst gierig ausgetrunken. Nun sah er zu seinen Geschwistern auf. Mit hungrigen Augen blickten sie ihn erwartungsvoll an. Das kärgliche Mahl hatte sie nicht sättigen können.
Die Mutter wandte sich ab: „Nun los, geht. Versprecht mir, dass ihr im Sumpf zusammenbleibt. Marie, nimm Lisa an die Hand und Peter, kümmere Dich um Fritz.“
„Ja, Mutter“, antworteten beide im Chor.
„Und wenn ihr am Holunder die alte Hollerbusch trefft, schlagt ein Kreuz und grüßt wie anständige Menschen, dann segnet sie Euch!“
„Ja Mutter.“
Die Geschwister brachen auf. Sie mussten einen weiten Weg bis zur Schule zurücklegen. Lisa und Marie sangen. Heinrich warf Steine gegen Bäume, in denen er schlafende Vögel vermutete. Lothar murmelte Lehrsätze vor sich hin. Und sein Bruder Peter drehte sich immer wieder zu Fritz um: „Nun mach schon. Wir kommen zu spät!“ Dieses Ritual kannte der Junge, der sich beim Laufen um seine eigene Achse drehte. Er sah in den Himmel, erfreute sich an den Wolken, die nun das Morgenrot spiegelten. Der Nebel stieg in Schwaden über den Wiesen auf, Rehe huschten an ihnen vorüber. Fritz beobachtete sie und den Lauf des Baches. Auf ihm schwammen Blätter zum großen Strom. Der Knabe hätte sich am liebsten an den Waldrand gesetzt und den ganzen Tag das Leben um sich betrachtet. Seine Geschwister hatten dafür keinen Sinn.
Sie waren schon weit voraus. Gleich kam der große Holunderstrauch, bevor die Gruppe durch den Sumpf gehen musste. Ihre Blicke richteten die Kinder stur geradeaus und sprachen aus Furcht kein Wort mehr. Vorsorglich schlug jedes Kind auf Höhe des Holunder ein Kreuz und faltete die Hände.
Fritz hatte Gründe, langsamer zu gehen, denn er würde an dieser unheimlichen Stelle eine Freundin unbemerkt begrüßen.
Frau Hollerbusch saß jeden Morgen in dem Holunder und erwiderte den Gruß mit einem gutmütigen Lächeln. Jedoch nur Fritz erkannte sie, denn manchmal hockte sie da als Amsel im Geäst. Ein anderes Mal zwitscherte die Frau als Kohlmeise oder schnüffelte im Gras in Igelgestalt. Am häufigsten aber war seine Freundin eine herrliche Füchsin mit einem buschigen feuerroten Schwanz. Der Junge erkannte sie immer an ihren herzlichen Augen und blinzelte ihr im Vorübergehen winkend zu.
„Fritz, leg einen Zahn zu!“, rief sein Bruder. Er folgte dem Rat und holte den Vorsprung, den seine Geschwister hatten, mit beschwingtem Gefühl auf.

Am Nachmittag gingen die Geschwister getrennt nach Hause. Sie nahmen nun den längeren, sicheren Weg durchs Tal. Die Mädchen spielten Hopse, die Jungs erlebten am Bach Abenteuer.
Fritz lief dann sehr schnell zu seinem Holunder. Er konnte sich nicht erklären, wie Frau Hollerbusch erkannte, dass er ohne Begleitung gekommen war. Denn nur dann trat die Alte aus dem Busch auf ihn zu. Beide gingen gemeinsam seinen Heimweg. Sie erzählte ihm aus alten Zeiten, wies ihn an, diese Blüte und jenes Gras zu sich zu nehmen, und bald war sein Husten verschwunden und sein Zahnweh vergessen. Kurz vor der Lichtung hob seine Begleiterin den Arm zu einem Halt, strich ihm über den Kopf und verschwand hinter einem Baum. Manchmal sah Fritz ihr nach, lief um den Baum herum, konnte aber nie erklären, wo sie wirklich geblieben war. Dieses Geheimnis teilte er mit Frau Hollerbusch. Sie zeigte und lehrte ihm eine nie erahnte Welt.
Dann eilte er lachend nach Hause. In der Kate erzählte er, sein Wissen sei aus Büchern. Mehr wollte er nicht preisgeben.

Der Herbst kam, die Felder wurden abgeerntet. Die Mutter musste besonders hart arbeiten. Sie war nicht nur das Hausmädchen der Familie des Großbauern, sondern half auch auf dem Feld. Sie richtete Garben auf, bis es dunkel wurde. In dieser Zeit blieben die Kinder besonders lange unterwegs an ihren Spielplätzen. Dann saß Fritz neben der alten Hollerbusch und unterhielt sich mit ihr. Der Junge hörte ihren Erzählungen zu, kostete Kräuter, deren Namen er lernte. Bald kannte er die besten Orte unterschiedlicher Wuchsformen und die Wirkungen verschiedener Pflanzenteile. Manchmal legte er Lavendel unter den Heusack seiner Mutter. Die blinzelte ihn dann am nächsten Morgen verschmitzt an: „Heute habe ich besonders gut geschlafen, lieber Fritz.“
Wenn seine Schwester Marie Schmerzen hatte, siedete er ihr einen wohltuenden Kräutertrunk. Seinem Bruder fertigte er eine Paste an, um sie auf seine Schürfwunden zu streichen.

Der Spätherbst kam und mit ihm das große Fest mit Markttreiben. Die Mutter wollte einige Karotten, Petersilie und Hagebutten im Städtchen anbieten, die sie selbst angebaut hatte. Es musste preiswertes Getreide gekauft werden. Noch vor dem Hahnenschrei brachen sie gemeinsam auf, wie zu einem Ausflug.
Nach einigen Stunden hatten sie das Stadtgetümmel erreicht. Dort waren schon Gaukler, Marktschreier und Musikanten zu bestaunen.
Die Mutter ermahnte ihre Kinder zu respektvollem Verhalten. Dann zeigte sie auf die Turmuhr.
„Wenn die Glocke dreimal schlägt, seid ihr alle wieder hier!“
Fritz schlenderte durch die Reihen der Auslagen. Ihn interessierten vor allem die Wagen der Gewürzhändler, des Brauers und des Baders. Der Bader und seine Frau boten sehr lautstark ihr Haartonikum feil.
Als die Reihe der festen Stände endete, entdeckte er den kleinen Schirm, unter dem Frau Hollerbusch saß. Ihr gütiges Gesicht strahlte Fritz an.
Niemand kaufte bei ihr Tees und Kräutermischungen, Salben und Elixiere. Fritz ging auf seine Freundin zu, begrüßte sie und strich ihr über das Kopftuch und die Schulter. „Warum haben die Leute Angst vor dir?“, fragte er.
Da schrie die Frau des Baders wie eine Sirene: „Sie hat den Jungen behext! Seht Euch diese Unzucht an! Das arme Kind in den Fängen der Chimäre!“
Das Gesicht der Klägerin wurde scharlachrot, die Adern zeichneten sich an den Schläfen ab und Speichel blitzte auf ihren wulstigen Lippen.
Als hätten die Menschen rund herum auf dieses Signal gewartet, traten sie heran. Tuschelnd begafften sie die Hollerbusch auf ihrem Schemel und den davor stehenden Knaben.
Der Junge hatte immer noch seinen Arm auf der Schulter der Hollerbusch liegen. Er hörte das Zischeln und Wispern der Marktweiber und hielt sich fester an der Schulter seiner vertrauten Freundin.
Die Furie zeterte erneut:
„Die Alte raubt uns die Kinder. Sie hat ihn behext! Nieder mit ihr! Haut sie in Stücke! Rettet eure Kinder!“ Das Weib blickte sich zu ihrem Mann um, der ihr mit verzogenen Mundwinkeln zunickte. Mit drohender Faust ging sie auf die Sitzende zu.
„Ich habe diese Frau schon lange beobachtet. Sie ist eine Hexe!“
Dreimal spuckte sie vor ihrer scheinbaren Konkurrentin aus. Fritz schubste sie zur Seite. Frau Hollerbusch erhob sich und gab der Wutschnaubenden einen Stoß, wodurch diese mehrere Meter bis an den Marktbrunnen flog. Die Badersfrau hatte sich dabei aber nichts getan, stand wieder auf.
Frau Hollerbusch drohte mit einer Geste in die Runde und murmelte Unverständliches. Dann hockte sie sich zu Fritz, flüsterte ihm etwas ins Ohr und erhob sich wieder. Nach einem prüfenden Blick in die Menge schritt die Verfemte zum Stadttor. Niemand eilte ihr hinterher. Am Ende des Tages waren sich die Bürger einig, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Der Hieb gegen die Frau des Baders war von unnatürlicher Wucht gewesen. Die Reglosigkeit der Marktleute, bis sie verschwunden war, hatte sicher eine dämonische Macht bewirkt.
Die Geschwister löcherten Fritz, was die Frau ihm zugeflüstert hatte. Er zeigte nur ein wissendes Lächeln.

In der darauf folgenden Nacht war Vollmond.
Die Kinder schliefen in ihren Alkoven. Der Wind strich durch die Ritzen der Kate. Die helle Nacht zeichnete den Schatten des Fensterkreuzes auf den blanken Eichentisch. Die Mutter blickte in den klaren Sternenhimmel.
Da regte sich Fritz, zog seine Holzpantinen an und trat traumwandelnd ans Fenster.
Seine Mutter beobachtete ihn liebevoll und dachte, dass es schön sei, dieses Kind zu haben, es ist klüger und sensibler als die anderen.
Gespannt beobachtete sie, was er unternehmen würde.
Wuchsen vielleicht bei Vollmond bestimmte Kräuter besser? Sie überlegte.
Fritz schlich plötzlich zur Tür. Kaum war er aus der Hütte, stand seine Mutter auf, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Sie sah ihn über die Lichtung auf ein Tier zugehen. Es war ein Fuchs, der eindeutig lächelte! Hatte das Tier etwa die Wutkrankheit, die Wasserfurcht? Sie stöhnte auf,
rannte zur Tür, wollte ihren Sohn davor warnen, den Fuchs zu berühren.
Aus der Tür getreten, drückte sie eine Kraft an die Wand der Hütte zurück. Sie war benommen und konnte keinen Ton herausbringen. Vor der Kate leuchtete ein unnatürlicher Nebel silbrig erhellt vom Vollmond. Sterne schienen darin zu kreisen.
Vor den Füßen der Mutter erschien wie aus dem Nichts ein Weidenkorb, wie man ihn zum Apfelpflücken benutzte. Dieser füllte sich mit Goldmünzen.
Die Stimme versagte ihr immer noch. Sie versuchte zu ihrem Sohn zu eilen, aber sie konnte den Kreis des flirrenden Lichtes nicht betreten.
Die Luft war erfüllt vom Klang tausender Glöckchen. Metallisch schmerzte der Klang in ihren Ohren.
Fritz schritt weiter auf den Fuchs mit dem freundlichen Lächeln zu. Vor dem Tier blieb er stehen und sah sich zu seiner Mutter um. Sein Blick war klar und zärtlich. Der Anblick ihres Sohnes rührte sie zu Tränen der Sorge und des Abschiedes. Ihr Brustkorb bebte.
Ihr Sohn hob die Hand zu einem letzten Gruß. Dann berührte er den Fuchs. Im selben Augenblick verschwand das magische Licht. Die Mutter kauerte schluchzend im Gras und sah auf die leere Waldlichtung.

Letzte Aktualisierung: 17.11.2008 - 19.41 Uhr
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