Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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November 2008
Hänsel. Eine Tragödie.
von Janine Gimbel

Nervös lehnte er an der Theke und ließ seinen Blick über die bunte Menge schweifen, die den Raum bis an die Wände ausfüllte. Zahlreiche Wesen tummelten sich hier, die sich rein äußerlich nicht von Menschen unterschieden – doch der Schein trog –, und zwischen diesen Alben, Zyklopen, Faune und Lindwürmer, ja, sogar ein stattliches Einhorn, das allerdings scheu mit den Hufen scharrte. Nicht jedem sah man auf Anhieb seine fabelhaften Züge an. Zur schlimmsten Sorte zählten die Hexen und Werwölfe, das war für Hänsel gewiss. Wehmütig dachte er an die gute alte Zeit zurück, da man Hexen noch auf den ersten Blick an ihren von Warzen übersäten Nasen erkennen konnte. Die einzigen Warzen, die er hier sofort entdeckte, zierten die schuppigen Füße des Riesen am Tisch neben ihm. In der modernen Zeit nannte man die Zauberweiber Hermina Grunge und diese verbargen ihre trügerischen Kräfte unter blond getönten Dauerwellen.
Unauffällig folgte er den Bewegungen der besagten Frau durch den Raum. Diesem Umstand galt es keine Bedeutung beizumessen, er hatte lediglich ... Interesse. Beruflich. Es war rein gar nichts dabei.

Seine Finger trommelten einen bekannten Rhythmus auf dem Tresen. „Wirst du wohl still sein, Gretel!“, zischte er zwischen den Zähnen hervor. Ja, auch er verbarg ein Geheimnis unter schillerndem Deckmantel, wenn auch keine imposanten Künste. Man konnte davon ausgehen, dass fast alle Anwesenden die Geschichte von Hänsel und Gretel kannten, obgleich keiner von ihnen wusste, was damals wirklich passiert war.

Hermina wandte ihren Kopf dem arroganten Pegasus zu, der sie eilends um seinen Flügel zu wickeln versuchte. Er bildete sich auf seine Einzigartigkeit ganz schön viel ein! Hänsel hätte niemals zugegeben, dass er auf den geflügelten Gaul in diesem Moment eifersüchtig war. Gretel kannte ihn besser. „Er wird sie heute Nacht flachlegen und du kannst es nicht einmal verhindern“, flötete sie belustigt und er hielt sich augenblicklich die Hand vor seinen Mund, täuschte ein Husten vor. Wenn sie nur endlich still wäre!

Er wollte nicht einmal daran denken, was geschehen würde, falls die Umstehenden die Wahrheit erfuhren. Überhaupt war es eine hirnrissige Idee gewesen, zu diesem Treffen zu gehen. Viel zu sehr hatten ihn die geschwungenen Buchstaben verzaubert, die für den Abend geworben hatten, auf einer Karte, die vor einigen Wochen in seinem Briefkasten gelandet war. »Mythisches Jahrestreffen«, dass er nicht lachte! Die meisten dieser Gestalten waren nicht einmal bekannt, flanierten über das Parkett nach der Devise ‚Sehen und gesehen werden’. Hänsel beschloss, dass es Gretels Idee gewesen sein musste, sich auf ein solches Niveau herabzulassen.
Alle glaubten sie, die Schwester sei umgekommen. Die Hexe, so hatte er es ihnen erzählt, hatte das Mädchen in ihrer Mikrowelle auf höchster Stufe schmoren lassen, bis nichts mehr von ihr übrig gewesen war. Der Elektroherd – gewiss nur eine Ausschmückung seinerseits, um mit den modernen Geschichten der anderen mitzuhalten. Nur er, der Bruder, hatte der mordlustigen Dame entkommen können. Die Leute glaubten es, Hänsels Leben hatte äußerlich wieder in geordnete Bahnen zurückgefunden.

Entschieden stieß er sich vom Tresen in seinem Rücken ab und nahm Kurs auf Pegasus und Hermina Grunge, bei denen mittlerweile auch der dicke Obe-Lix stand. Oh, das wirst du nicht tun! Die verhasste Stimme drohte ihm in Gedanken, gleichwohl versuchte er, sie zu ignorieren und schritt ungehindert voran. Wie durch puren Zufall blieb er neben der Gruppe stehen. Sie wussten nichts von dem Kampf, der in seinem Inneren stattfand. All seine Kraft musste Hänsel aufwenden, um seine Schwester zu unterdrücken.

Er drängte seinen Körper geschickt vor den massigen Mann zu seiner Rechten und versuchte, sich in das Gespräch einzuklinken. Hermina war scheinbar gerade mit etwas beschäftigt, das sie trotz all der Zauberei noch am Besten konnte: Selbstbeweihräucherung. „Wir müssen zu Gleis 10 ½, sage ich zu Hari Butter also. Und dieser Windbeutel sieht mich nur verwirrt über seine Brillengläser hinweg an ...“ Hänsel warf ein lautes Lachen in die Runde, es ließ sie verwundert aufblicken. „Hänsel ...“, sie suchte angestrengt nach seinem Nachnamen, der ihr aber spontan nicht einfallen wollte.
Hänsel unterbrach ihre Überlegung jäh. „Ja, Hänsel. Genau.“ Mehr fällt dir dazu nicht ein? „Und Sie müssen die Schrecksschraube von Ronal Wiesel sein“, quiekte seine Schwester deshalb. Rasch trat Hänsel auf seinen eigenen Fuß, damit sie von einem Schmerzensschrei unterbrochen werden konnte. „Fr-Freundin, meinte ich. Freundin von Ronal Wiesel. Wie geht es ihm eigentlich?“
Hermina zog ihre Augenbrauen nach oben. „Interessiert Sie das wirklich?“
„Nein, viel mehr würde ihn interessieren, ob Sie unter diesem Kleid ein Hös...“ Hänsel hielt die Luft an, um seine Schwester zu stoppen. Es war zum Verrücktwerden! Entschlossen griff er nach Herminas Arm und nutzte die Möglichkeit, die durch ein gerade beginnendes, langsames Lied aufkam. „Wollen Sie tanzen?“ Ihre Antwort wartete er nicht ab und zog sie stattdessen schnellen Schrittes mit sich auf die Tanzfläche.

Seine Schwester machte ihm nun seit Monaten das Leben schwer. Sie war nicht in der Mikrowelle geschmolzen. Nein, nicht einmal ein Kamin war es gewesen. Die beiden waren dem Fluch zum Opfer gefallen, der ihre Seelen für immer miteinander verbunden hatte. Gretel – gefangen in seinem Inneren – sprach aus, was Hänsel dachte. Immer. Überall. Auch, wenn es unpassend war.
Seine Hände umschlossen sicher Herminas Rücken, der durch eine Aussparung in ihrem Abendkleid frei geblieben war. Trotz ihrer dem Takt angepassten, gleichmäßigen Bewegungen war Vorsicht geboten. Sie blieb eine Hexe! Entgegen seiner Zweifel übernahm er in diesem Tanz die Führung. „Sie sehen zauberhaft aus.“ Ein Kompliment, welches seine Wirkung nicht verfehlte. Die junge Frau lächelte zufrieden, ihre smaragdgrünen Augen strahlten ihn an und Gretel hatte für den Moment Funkstille.
„Und Sie sind ein hoffnungsloser Charmeur, hat Ihnen dies schon einmal jemand gesagt, Herr Gretel?“ Sie erinnerte sich an den Namen, den er so geschickt verbarg! „Oh, an den erinnere ich mich.“ Sie antwortete auf seine Gedanken! Ein spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Sie unterschätzen mich gehörig.“
„Nein, er denkt nur mit seinem Schwa...“
„Gret...! Ich meine ...“ Bedingt durch sein Räuspern geriet Hänsel unterdessen aus dem Takt. Das ungleiche Paar war gezwungen, inmitten des Raumes innezuhalten.

„Wie geht es ihr, Ihrer Schwester?“ Hermina Grunges Aufmerksamkeit war auf sein Gesicht gerichtet. Es konnte ihr wohl kaum entgehen, wie sich seine Augen erst weiteten, er seinen Mund leicht zur Antwort öffnete, dann resignierend wieder schloss. „Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Soll ich mit einem kleinen Zauberspruch nachhelfen?“ Sie zwinkerte ihm neckisch zu. „Sie sind ein wahrer Schwerenöter, Hänsel Gretel, immer darauf bedacht, nichts anbrennen zu lassen. Es sei Ihnen gesagt, an mir werden Sie sich die Finger verbrennen. Eine Frau meines Kalibers ist beileibe eine Nummer zu groß für Sie!“ Abrupt machte sie auf dem Absatz kehrt, warf ihm im Vorübergehen noch „Grüßen Sie Ihr Schwesterherz recht nett von mir!“ zu. Argwöhnisch beobachtete er, wie sie bei einer Gruppe kichernder Damen stehen blieb und ihm keine Beachtung mehr schenkte.

Und da stand er wieder, allein. Hänsel Gretel. Nein, er würde nie allein sein. Hänsel und Gretel. Zwei Seelen wohnten, ach, in seiner Brust, die eine wollt’ sich von der andern trennen: die eine hielt, in Begierde verhaftet, sich an die Schönheiten mit stetem Drängen; die andre hob, gar unerbittlich, ihre Stimme gegen sie, jedweden Erfolg zu vermeiden.

Letzte Aktualisierung: 26.11.2008 - 00.18 Uhr
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