Ganz schön bissig ...
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November 2008
Katzenjammer
von Eva Fischer

Bei schönem Wetter stellen meine Herrin und ich uns auf dem Marktplatz unserer kleinen Stadt und lassen uns begaffen.
Die Männer betrachten die wohlgeformten Waden, die aus dem halblangen gebauschten Rock hervorlugen. Die Frauen mustern die geschnürten Stiefel und die langen Handschuhe, hinter denen sich grazile Hände und schlanke Arme verbergen. Die Kinder schauen auf den großen Hut, der oben spitz zuläuft und vor allem auf mich und mein schwarzes, seidenes Fell. „Sieh mal Mama, die süße Katze!“ rufen sie aus. „Sie macht einen Buckel!“
Sie wissen nicht, dass ich ein Kater bin und der Buckel zu meiner Pose gehört und eigentlich wir sie beobachten.
Meine Herrin hat ihr Lächeln zu einem diabolischen Grinsen eingefroren. Das ist ihre Pose.

Auf dem Heimweg unterhalten wir uns dann über das, was wir gesehen haben, denn meine Herrin spricht mit allen Tieren und versteht sie auch.
„Hast du diese sensationslüsternen, dummen Gesichter gesehen, Nero?“ fragt sie mich und da kann ich ihr nur zustimmen. Sie zücken die Kamera, machen Bilder, manchmal werfen sie einige Münzen in die Schatulle auf dem Boden. Ihre Kommentare sind stereotyp. „Guck, eine Hexe!“ sonst fällt ihnen nichts dazu ein. Die Kinder fragen wenigstens noch: “Ist die echt?“

Meine Herrin hat mir erzählt, dass die Menschen Probleme mit einer Hexe haben, obwohl es ein sehr alter Beruf ist. Im Mittelalter haben sie Hexen sogar verbrannt und uns Kater erschlagen oder ersäuft, was sie leider auch heute noch tun. Das Töten von Hexen ist zwar mittlerweile verboten, dafür ist „Hexe“ ein Schimpfwort wie „behindert“ und „schwul“.
„Daran kannst du erkennen, wie dumm die Menschen sind,“ sagt meine Herrin. „Was sie nicht kennen oder wovor sie sich fürchten, das beschimpfen sie. Männer und leider auch Frauen haben Probleme mit emanzipierten Frauen, die nicht alle Regeln der Gesellschaft fraglos hinnehmen. Alles soll eine Ordnung haben, ihre Ordnung!!
Der Natur fühlen sie sich überlegen und missbrauchen sie. Sie machen grausame Versuche mit Tieren und meinen damit Wunderpillen gegen Krankheiten und den Alterungsprozess entwickeln zu können. Die Natur hält freiwillig viel bereit, um Schmerzen zu lindern. Wenn wir Hexen mit dem Elixier, aus dem Kelch der Natur gewonnen, Krankheiten heilen, dann werden uns widernatürliche, satanische Kräfte zugeschrieben. Lächerlich und dumm!“
Sie sehen, meine Herrin kann schon mal in Wut geraten. Wer tut das nicht, wenn er sich ärgert? Ich dulde es auch nicht, wenn mir ein Nebenbuhler meine Katze wegnehmen möchte. Dann zeige ich ihm meine Krallen, fauche ihn an und beiße ihn, wenn er nicht weichen will.
Menschen führen zwar Kriege mit perfidesten Waffen, aber wenn sie Hexen verspotten und die dann wütend werden, dann geht es nicht mit rechten Dingen zu. Die Macht von Rachegedanken ist groß. Hass hat eine zerstörerische, tötende Kraft. Das sollten die Menschen doch wissen, auch wenn sie zur Unterstützung ihres Hasses Feuerwaffen oder chemische Gifte einsetzen.
Auch in Sachen Liebe haben sie sich ein Spinnennetz gewoben, in dem sie dann zappeln und ersticken. In der Ehe schwören sie sich ewige Treue und scheitern. Haben Sie schon mal einen verheirateten Kater oder eine verheiratete Hexe gesehen?
Wir wissen, wenn der Trieb uns ruft, dann folgen wir ihm, ganz ohne jämmerliche Schuldgefühle. Aber die Menschen fantasieren von Walpurgisnacht und sexuellen Exzessen. Wenn der Winter vorbei ist und die Natur aus dem Boden sprießt, wachsen auch unsere sexuellen Triebe, das ist ganz natürlich. Die Menschen sprechen vom Wonnemonat Mai und scharenweise gehen sie zum Standesamt und vergessen die Vergänglichkeit allen Seins.

Sie wundern sich nicht mehr, dass wir allein am Stadtrand wohnen. Meine Herrin hat das Haus von ihrer Mutter geerbt, die eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit mehreren Bäckerläden war, als sie ein Krebsleiden bekam.
Bis zum Tod hat sie ihre Mutter begleitet, ihr die Schmerzen durch Kräuter und Fürsorge erleichtert. Die alte Dame lehnte Chemobehandlung und Operationen ab. Sie starb friedlich in ihrem Bett. Der Arzt, der den Todesschein ausstellte, fand sie umgeben von Hunderten von Kerzen.
Von da ab war es für die Menschen klar. Meine Herrin ist eine Hexe, nur weil sie mehrere Jahre zurückgezogen gelebt hatte.

Eines Tages, als wir auf dem Marktplatz standen, kam der Reporter der Tageszeitung zu uns. „Frau Baranowski, Sie verstehen sich als Hexe.Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen, die unsere Leser interessieren.“
Ich konnte den spöttischen Zug um ihren Mund fühlen.
„ Sie haben wirklich noch Fragen zum Thema Hexe? Ihre Bücher sind doch voll von Geschichten über uns.“
„ Nun ja, die sind meist älteren Datums. Eine moderne Hexe haben wir noch nicht befragt.“
„ Gut, mein Herr, dann fragen Sie. Die Antworten wird Ihnen mein Kater Nero geben. Wenn Sie ihn nicht verstehen, dann verstehen Sie auch keine Hexen und dann scheren Sie sich zum Teufel!“

Ich habe hiermit mein Bestes getan und hoffe, Ihre Fragen beantwortet zu haben.

… … …

Es ist ein Jammer, dass man uns nicht versteht!

Letzte Aktualisierung: 03.11.2008 - 08.56 Uhr
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