Ganz schön bissig ...
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November 2008
Wer schön sein will
von Anissa Heinrichs

Die Musik dröhnte in den Ohren und es roch nach Schweiß und Alkohol. Flackerndes Licht erhellte immer noch kurzfristig die mit Menschen gefüllte Tanzfläche in der Mitte des Raums. Menschen tanzten dichtgedrängt zu lauter Musik, die aus großen Boxen am Rande kam. Eine Frau mit roten, langen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, bewegte sich geschmeidig zum Rhythmus. Ihr Körper zuckte und wiegte sich. Sie bemerkte die gaffenden Männer um sie herum nicht, wie sie gierig auf in ihren Ausschnitt starrten. Die makellose Haut blitze hervor und versprach mehr. Sie trug ein kurzes Kleid, das im Zwielicht bläulich schimmerte. Ihre Augen hatte sie beim Tanzen geschlossen. Sanft und verführerisch bewegte sie ihre Hüften. Ihre dunkelroten Lippen schienen etwas zu flüstern. Obwohl sie in einer großen Menge stand, fühlte sie sich dennoch sehr einsam und verlassen. Jede Nacht kam sie in diesen Club und war auf der Suche nach etwas, das sie wieder lebendig machte. Für ein paar Stunden in diesem stickigen Raum konnte die Wärme anderer Menschen spüren, die durch sie in sich aufnahm, denn sie selbst war kalt wie Eis. Nichts hatte ihr Herz in all den Jahren berühren können. Der Preis, den sie bezahlt hatte vor so vielen Nächten, war sehr hoch gewesen. Als einer der Männer all seinen Mut zusammennahm und sie ansprach, drehte sie sich zu ihm um und blickte ihn mit ihren grünen Augen an. Er wurde nervös und stammelte ein paar Wörter vor sich hin, doch das interessierte sie nicht besonders. Er gefiel ihr auf den ersten Blick, seine Körperhaltung war exzellent. Er hatte ihr wohl seinen Namen genannt, aber sie hatte nicht zugehört und sie wollte es auch nicht wissen. Ihr reichte es, dass er mit ihr in ihre Wohnung ging und sie für ein paar Stunden wärmte. Das Feuer der Leidenschaft erhitze ihr Gemüt, jedoch konnte es nicht die eiskalte Leere füllen, die in ihr ruhte. Sie war verloren. Am nächsten Morgen gedankte sie sich bei ihrem Liebhaber und setzte ihn dann wortlos vor die Tür. Lange Abschiede war ihr ein Grauen. Warum sollte sie sich denn auch um einen One-Night-Stand groß bemühen, wenn Männer in dieser Wohnung nächtlich ein und aus gingen. Nein, das war nicht ihre Art.
Verschlafen und noch etwas verkatert von der letzten Nacht taumelte sie ins Badezimmer. Mit nackten Füßen und nur mit einem Höschen bekleidet stand sie am Waschbecken und betrachtete ihr Spiegelbild. Dunkle, tiefe Augenringe waren zu sehen, Spuren der durchgemachten Nacht. Das war nicht weiter schlimm, die konnte man weg schminken. Viel schlimmer waren die tiefen, gnadenlosen Falten, die sich wie Furchen durch ihr Gesicht zogen und ein Zeichen von Alter waren. Dagegen musste sie dringend etwas unternehmen, denn so konnte sie nicht zum Meeting mit der Kosmetikfirma gehen, das sie in ein paar Stunden hatte. Also griff sie in eine Schublade des Badezimmerschrankes und holte eine Einwegspritze heraus. Wie gut, dass sie mit Spritzen umgehen konnte. Immer noch leicht benommen ging sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Im obersten Fach versteckt, lag eine kleine Ampulle ohne Aufdruck. In ihr war eine gelbliche Flüssigkeit. Langsam und vorsichtig zog sie die Spritze auf und überprüfte sie. Danach stach sie damit in die Ellenbeuge und drückte die Flüssigkeit in ihren Arm. Es kribbelte kurz, doch dann folgte ein fürchterlicher Schmerz. Ihr Körper brannte wie Feuer, ihr Kopf drohte zu zerplatzen. Mit verschwommenen Blick suchte sie den Weg zum Sofa, um sich dort völlig entkräftet fallenzulassen. Mit geschlossenen Augen lag sie mehrere Minuten regungslos da. Als der Schmerz schließlich aufhörte, rappelte sie sich wieder hoch und legte die Spritze beiseite. Es war geschafft. Voller Vorfreude ging sie zum Badezimmer zurück und betrachtete ihr Spiegelbild erneut. Verschwunden waren die Augenringe. Sie sah ausgeruht und erfrischt aus. Keine Spuren von Falten, anstatt dessen rosige Wangen und straffe Haut auch am restlichen Körper. Ihr Bauch war flach und ihre Beine dünn. Für einen solchen Po würden andere Frauen viel Geld ausgeben beim Schönheitschirurgen. Das brauchte sie nicht. Eine Spritze genügte. Auch wenn mit der Prozedur schreckliche Schmerzen verbunden waren, es lohnte sich auf jeden Fall. Wer schön sein wollte, musste eben leiden. So war das nun einmal. Dafür konnte sich das Ergebnis sehen lassen.
Aber dann stellte sie mit Besorgnis fest, dass sie keine weiteren Ampullen mehr besass. Sie brauchte dringend Nachschub, denn die Wirkung hielt nur wenige Tage an. In vier Tagen jedoch war das große Shooting für die Werbekampagne eines neuen Parfüms. Sie brauchte das Serum unbedingt. Unverzüglich zog sie sich etwas an, griff sich ihre Schlüssel und den Mantel und verließ ihr Penthouse. Mit dem neuen Sportwagen einer italienischen Marke raste sie durch die Straßen der belebten Stadt. Vorbei an großen Schaufenstern mit Modepuppen und skurrilen Dekorationen. Hier wurden Modetrends gemacht. In einer unscheinbaren Seitenstraße hielt sie an und parkte ihren Wagen. Sie stieg aus und ging zum Kofferraum, den sie vorsichtig öffnete. Verschreckt sah sie sich ein paar mal noch um, damit auch niemand sie sah. Doch die Straße war
menschenleer. Im Kofferraum lag ein kleiner Plastiksack, den sie herausholte und mit sich nahm. Am Ende der Straße versteckte sich ein kleiner Laden. Dorthinein verschwand die Frau mit dem Sack. Innen roch es nach Weihrauch und anderen Düften. Kerzen brannten und waren die einzige Lichtquelle weit und breit. Kräuter sorgfältig zusammengebunden hingen von der Decke und verströmten ihr Aroma. Kleine Fläschchen und Tiegel standen herum, teilweise beschriftet manchmal auch ohne Etikett. Ein Tresen war am Ende des Raums. Dahinter konnte man einen Raum erahnen, der durch einen Vorhang aus Stoff abgetrennt war. Auf dem Tresen stand eine kleine Klingel, die man drücken sollte, wenn niemand zugegen war. Die Frau mit dem Sack in der Hand klingelte ein paar Mal. Nach drei Minuten kam ein hagerer, blasser Mann um die Ecke und nickte nur stumm. Die Frau konnte in das Hinterzimmer treten, wo wie in einem schlechten Horrorfilm eingelegte Körperteile in Gläsern herumstanden. Regale voller seltsamer Utensilien. Ein Affenkopf blickte düster von einem Regal hinab. Sie kümmerte sich nicht weiter darum.
Dann trat eine Frau in einem altmodischen Kleid an sie heran und begrüßte sie:
“Maya, schön dich zu sehen, Schwester. Was ist dein Begehren?”
“Ich brauche dringend das Serum. Mein Vorrat ist erschöpft”, erklärte sie.
“Dann tritt näher und lass sehen, ob du das Nötige dabei hast!”
Maya öffnete den Sack und ließ die andere Frau hineinsehen. Die schaute sich den Inhalt an und lächelte zufrieden.
“Das ist gut. Damit können wir dir ein gutes Serum herstellen. Die Schwesternschaft hat dich beim jährlichen Fest vermisst. Wo warst du?” flüsterte die Frau ihr zu.
“Ich war in New York, geschäftlich. Tut mir leid, dass ich es nicht mehr geschafft habe”, antwortete Maya etwas verlegen.
“Nächstes Mal solltest du lieber dabei sein. ER wird sonst ungeduldig. Dein Pakt muss erneuert werden, das weißt du!”
“Wann wird das Serum fertig sein?”
“Übermorgen, Schwester. Schneller geht es nicht.”
Das war knapp, musste aber reichen. Maya nickte zustimmend und verließ den Raum und den Laden wieder. Mit dem Sportwagen fuhr sie zurück zu ihrem Penthouse. Der Portier reichte ihr die Post und machte ihr wie immer Komplimente über ihr Aussehen. Maya lächelte und bedankte sich. Mit dem Fahrstuhl ging es direkt in ihre Wohnung. Ein Türcode sicherte es ab. Achtlos warf sie ihren Mantel zu Boden, schaltete den Fernseher ein und verschwand im Schlafzimmer, wo sich sich für das Meeting zurecht machte.
Ein Nachrichtensprecher verkündete währendessen die neuesten Ereignisse. Er berichtete auch von dem Verschwinden eines elfjährigen Jungen, nach dem man verzweifelt suchte. Die Polizei gab bekannt, dass in den letzten drei Monaten vier weitere Kinder verschwunden seien, von denen keines je wiedergesehen wurde. Weder tot noch lebendig.

Letzte Aktualisierung: 22.11.2008 - 17.34 Uhr
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