Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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November 2008
Freyja
von Annabell Jung

Das Klingeln des Telefons riss Freyja aus ihren Gedanken. „Städtisches Museum, Freyja Schumann“, spulte sie ihren Begrüßungstext herunter. „Hallo Freyja, ich bin’s, Nico. Ich bin gerade dabei, für die Ausstellung die Exponate zusammenzustellen. Und mir fehlen noch die Maße von dem Gemälde dieses unbekannten Künstlers aus dem späten Mittelalter. Ich wollte dich fragen, ob du mir sagen kannst, wie groß das Bild ist.“
„Da müsste ich nachgucken, Nico. Ich kann für dich runtergehen“, antwortete ihm Freyja.
„Oh Freyja! Das wäre super! Es tut mir furchtbar leid, dass ich dich dafür in die Ausstellung scheuchen muss! Ich weiß ja, du hast selbst so viel zu tun!“ Nico klang erleichtert. Sie verabschiedeten sich.
Also machte sie sich auf den Weg. Sie liebte den modrigen, geheimnisvollen Geruch des Museums. Er umgab sie in jedem Raum und verführte sie zum Träumen von den Zeiten, über die das Museum versuchte, zu informieren, zu begeistern. Freyja war fasziniert vom Mittelalter. So, als würde ein unsichtbares Band sie mit dieser Zeit verbinden.
Freyja war im ersten Stock angelangt. Sie schloss die große Tür zum Hauptsaal auf. Die Flügel gaben knarrend den Weg frei. Das gesuchte Gemälde hing in einem der kleineren Räume hinter dem großen Saal.
Ihre Schritte hallten in dem weiten Raum wider. Bis auf den Wachmann unten im Erdgeschoss, war sie allein um diese Zeit. Die Umgebung war durch die Notbeleuchtung nur spärlich erhellt, aber Freyja hatte darauf verzichtet, die Hauptbeleuchtung anzuschalten. Sie kannte sich hier bestens aus.
Sie erreichte das Bild und suchte nach den benötigten Angaben. „Der Mob“, so lautete der Titel des Bildes. „Künstler unbekannt. Mitte 16. Jahrhundert“ stand in knappen Worten darunter. Ganz unten auf dem Schild waren die Maße angegeben. Freyja notierte die Zahlen. Dann wandte sich wieder der Tür zu. Sie hielt kurz inne, drehte sich um und betrachtete das Bild. Ein mittelalterlicher Marktplatz war zu sehen. Im Zentrum war ein riesiges Feuer abgebildet, dessen Flammen in die Höhe loderten. Inmitten dieser Flammen stand eine junge Frau mit langen lockigen, rötlichen Haaren. Ihre Hände waren gefesselt, ihr Gesicht starr vor Angst. Ungläubig blickte sie die tobende Menge an, die hasserfüllt und blutgierig das Morden einforderte.
Wie authentisch die Stimmung ist!, dachte Freyja. Es muss eine furchtbare Zeit für diese Frauen gewesen sein! Sie verspürte ein leichtes Kribbeln im Nacken.
Noch einmal betrachtete sie das Gemälde und blieb dabei mit dem Blick an einer ärmlich gekleideten Frau hängen. Ihr Blick war, wie bei allen Umstehenden, auf die Frau im Feuer gerichtet. Aber im Unterschied zu der tobenden Menge, waren in ihrem Blick kein Hass und keine Blutgier zu erkennen. Diese Frau sah traurig aus! Mehr noch! Voller Qual blickte sie auf die in Flammen Stehende.
Freyja war überrascht. Sie sah genauer hin, denn die Frau hielt etwas in den Händen. Was ist dort verborgen? Sie ging näher an das Bild heran und erkannte ein kreisrundes Gebilde. Eine Art Amulett, dachte Freyja. Sie konnte etwas Spitzes erkennen. „Ein Stern!“, murmelte sie. Er hatte fünf Zacken. Ist das nicht das Zeichen des Teufels? Das Kribbeln in ihrem Nacken wurde stärker. Um den Stern herum waren Schriftzeichen angeordnet, die Freyja nicht erkennen konnte. Was mochte das für ein Amulett sein? Noch während Freyja darüber nachdachte, kam ihr ein anderer Gedanke. Ich habe dieses Zeichen doch schon einmal gesehen! Nur wo?! In Freyjas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie versuchte fieberhaft eine Verbindung zu dem Amulett herzustellen. Aber es gelang ihr nicht. Sie blickte noch einmal auf das Bild und machte sich dann nachdenklich auf den Rückweg.
Wieder in ihrem Büro angekommen, beschloss Freyja, dass sie für heute genug gearbeitet hätte. Sie rief schnell bei Nico an, gab ihm die Maße und machte sich dann auf den Heimweg.
In den nächsten Wochen war Freyja mit der Vorbereitung der Ausstellung beschäftigt. Die Einladungen mussten verschickt, die Presse informiert, das Essen und die Getränke bestellt werden. So hatte sie kaum Zeit für etwas anderes. Da war es auch nicht verwunderlich, dass sie ihr nächtliches Erlebnis bald vergaß.

Freyja erwachte vor dem Klingeln des Weckers. Sie war sofort hellwach. Heute ist die Ausstellungseröffnung! Hastig sprang sie aus dem Bett. Nach dem Frühstück machte Freyja sich fertig für den großen Tag. Sie wählte das schwarze Kostüm und die weiße Bluse. Ihre rote Lockenpracht bändigte sie mit einem Haargummi.
Als Freyja gerade das Haus verlassen wollte, kam ihr der Postbote entgegen. Er überreichte ihr ein paar Briefe und ein kleines Päckchen. Etwas verwundert betrachtete sie es, steckte es dann aber mit den Briefen in ihre Tasche. Darum kümmere ich mich später. Dann machte sie sich eilig auf den Weg zum Museum.
Die Eröffnung der Ausstellung wurde ein voller Erfolg. Auch ihre Rede war perfekt geworden. Freyja stand mit einem Glas Sekt im Foyer. Sie war überglücklich. Da haben wir dieses Mal wirklich unser Bestes gegeben!, dachte sie zufrieden.
Sie hatte sich ein wenig zurückgezogen, um das bunte Treiben zu beobachten. Plötzlich fühlte sie in ihrer Tasche einen eckigen Gegenstand. Sie erkannte das Päckchen, das ihr der Postbote gebracht hatte.. Neugierig packte Freyja es aus. Zum Vorschein kam eine Schachtel.
Sie öffnete sie und ein Schrei entwich ihr. Schnell hielt sie sich die Hand vor den Mund und sah sich um, ob sie auch niemand bemerkt hatte. Dann starrte sie wie gebannt auf den Inhalt der Schachtel.
Vor ihr lag ein Amulett. Es sah aus wie das auf dem Bild! Wie konnte das möglich sein? Wo kam es her? Die Fragen überschlugen sich in Freyjas Kopf. Sie suchte nach einem Absender auf der Verpackung, konnte aber keinen finden. Beunruhigt nahm sie das Amulett aus der Schachtel. Es war schwer, sah alt aus und sehr geheimnisvoll.
Darauf waren Zeichen abgebildet, wie auf dem des Gemäldes. In der Mitte glänzte der große fünfzackige Stern, auf dem vier Buchstaben eingraviert waren: JHVH. Zwischen den Zacken befanden sich weitere Buchstaben. Freyja versuchte, sie zu entschlüsseln. „T-E-T-R-A-G-R-A-M-M-A-T-O-N“, las sie. Sie kannte das Wort nicht.
Sie lief in die Ausstellung, um das Amulett mit dem auf dem Bild zu vergleichen. „Es sieht tatsächlich genau so aus, wie das auf dem Gemälde!“ Freyjas Verwunderung wuchs. „Das ist unmöglich!“
Sie beschloss, der Sache jetzt gleich genauer nachzugehen und eilte in ihr Büro. Dort angekommen setzte sie sich an ihren Computer und gab „Tetragrammaton“ in die Suchmaschine ein. Eine ganze Reihe an Internetseiten wurde aufgelistet.
„Die Welt der Hexen“ stand auf der ersten Seite in schnörkeligen Buchstaben. Freyja verspürte wieder dieses merkwürdige Kribbeln im Nacken. Unentschlossen blickte sie auf den Monitor. Sollte sie wirklich weiterlesen? Unter der Überschrift konnte sie das gesuchte Wort erkennen. Darunter folgte ein ausführlicher Text. Freyja zögerte. Plötzlich verspürte sie einen Schmerz in den Fingerspitzen. „Au!“, rief sie. Als sie auf ihre Finger blickte, sah sie, dass sie das Amulett in der Hand hielt, welches gerade sehr heiß geworden war unter den kreisenden Bewegungen ihrer Finger. Hastig legte Freyja es auf den Schreibtisch. Dann begann sie zu lesen.
Tetragramm = griech. ‚vierbuchstabig‘, Der Name Gottes (JHVH), das Pentagramm und andere magische Zeichen sind zu einem starken Schutzamulett kombiniert.
Der … geheime Name Gottes, der aus ehrfürchtiger Scheu nicht ausgesprochen wird. … In der magischen Praxis gilt das Tetragrammaton … als wirksamer Abwehrzauber.
Dieser geheime Gottesname … soll … ein enorm mächtiges Zeichen ‚weißer Magie‘ sein.

Starkes Schutzamulett? Abwehrzauber? Weiße Magie? Freyja schwirrte der Kopf! „Was hat das alles zu bedeuten? Und was habe ich damit zu tun?!“ Freyja war unschlüssig, ob sie das ganze für Humbug halten sollte oder nicht.
Vorsichtig nahm sie das Amulett wieder in die Hand.
„Von wem könnte es nur stammen?“, fragte sich Freyja und dachte nach. Niemand wollte ihr einfallen. Sie untersuchte die Schachtel genauer. Plötzlich bemerkte sie, dass der Boden lose war. Freyja nahm das Stück Pappe heraus.
Darunter lag ein Brief. An sie. Geschrieben von ihrer Tante Eugenia. Überrascht begann sie zu lesen. Von ihrer Mutter und von sich schrieb Eugenia. Und sie schrieb über Freyja. Alles klang so unwirklich, aber sie fühlte, dass das die Wahrheit sein musste. Freyja sei die letzte einer langen Reihe von ganz besonderen Frauen mit besonderen Fähigkeiten. Die Blutlinie führe zurück bis ins 16. Jahrhundert. Es sei alles belegt. Das Amulett stamme aus dieser Zeit und würde immer an die nächste Frau der Linie weiter gegeben. Nun solle Freyja es übernehmen. Sie las den letzten Satz des Briefes immer wieder ungläubig durch. „Freyja, du bist eine Hexe!“
Um Freyja herum drehte sich alles. Sie stand vorsichtig auf, ging zum Fenster und öffnete es. Die frische Luft tat ihr gut. Sie blickte in die mondhelle Nacht hinaus. Dann lächelte sie plötzlich.
„Ich bin eine Hexe?“
„Ich bin eine Hexe!“, rief sie mit lauter, fester Stimme und schloss das Fenster.

Letzte Aktualisierung: 23.11.2008 - 16.52 Uhr
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