Sexlibris
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November 2008
Tanz in den Mai
von Birgitt Doeuillet

„Ooooh, Arnold, das ist aber schön. Und ich dachte, du hättest meinen Geburtstag vergessen!“
„Ach, hehe, … nee, halt, langsam. Das Kollier ist ausgeliehen. Diamanten! Die Frau des Präsidenten sticht heute alle aus! Aber natürlich habe ich an deinen - äh - Geburtstag gedacht. Morgen bekommst du einen Blumenstrauß von mir!“
Blabla! Enttäuscht blickte Liliane ihm nach. Sie wurde fünfzig, verdammt. War es verwunderlich, dass sie bis zuletzt hoffte, überrascht zu werden? Aber jedes Jahr dasselbe Spiel: Die Elite der Stadt wurde zum „Tanz in den Mai“ geladen, und als Präsident des Klubs war Arnold verantwortlich für die Organisation des Ballabends. Der Erlös kam Hilfswerken zugute und wurde später mit viel Trara überreicht. Das war natürlich wichtiger als ihr Geburtstag. Seufzend zupfte sie ihr Kleid zurecht und folgte ihrem Mann.

Arnold war in seinem Element, warf einen Gruß hierhin, streute ein paar nette Worte dorthin. Er wurde überall herzlich begrüßt. Er gehörte dazu. Das hatte er immer angestrebt und endlich geschafft. Sie diente als schmückendes Beiwerk. Die Frau an seiner Seite.
„Lächeln, Lille, kannst du nicht wenigstens so tun, als würdest du dich amüsieren? Was sollen die Leute von uns denken?“
Schon bald verzog sich Liliane in die Damentoilette. Doch sie hatte nicht lange Ruhe. Ein ganzer Schwarm Frauen näherte sich. Sie huschte in eine der Kabinen. Geklapper von Schminkutensilien ertönte.
„Habt ihr die Schönborn gesehen? Mit dieser Frattel auf der Nase?“
Erschrocken griff sich Liliane ins Gesicht. Dort wuchs seit kurzem eine Warze. Sie hatte es bisher nicht für nötig empfunden, sie entfernen zu lassen.
„Nase? Zinken nennt man so was. Und dann dieses rote Kraushaar. Mit einer sooo kleidsamen weißen Strähne! Sie sieht aus wie eine Hexe!“
„Apropos Hexe: Neuerdings gehen Leute mit Wehwehchen zu ihr und sie behandelt sie mit irgendwelchem Grünzeug.“
„Ist nicht wahr! Was denn für Grünzeug?“
„Was weiß ich! Schlangenwurz und Eidechsenschleim? Die hält sich wohl für eine Heilerin!“
„Wahrscheinlich braut sie Liebestränke! Oder stopft Kräutersäcklein für die Fruchtbarkeit!“ Die Damen kicherten.
„Aber Spaß beiseite, so eine gehört doch angezeigt!“
„Na, das kann man dem Arnold nicht antun. Ich fürchte, der Arme weiß nichts von ihrem Treiben. Ich kann nicht verstehen, wie dieser Mann an so eine Frau geraten konnte!“
„Und ich kann nicht verstehen, warum er ihr nicht längst den Laufpass gegeben hat! Für ihn wäre es doch ein Leichtes…“
Liliane reichte es. Sie riss die Klotür auf und stolzierte hocherhobenen Hauptes durch die auseinanderstiebenden Damen. Blöde Zicken! Sie schnappte ihren Mantel und verließ das Klubhaus. Es stimmte, viele Leute kamen zu ihr und holten sich Rezepte und Kräuter für Suppen oder wohltuende Teemischungen. Sie wusste eben, welche Mittelchen bei größeren oder kleineren Beschwerden helfen konnten. Der Kräutergarten machte ihr Freude und sie fühlte sich nützlich. Liebestränke! Unverschämte Unterstellung! … Na ja, vielleicht ein oder zwei Mal. Wie bei Annika und Lukas. Die zwei wollten aber auch gar nicht merken, dass sie für einander bestimmt waren! Eine Einladung zum Tee und … SWUSCH!

In den Straßen wimmelte es von angetrunkenen jungen Männern mit Maibäumchen, die ihrer Liebsten ein Ständchen singen wollten. Liliane lenkte ihre Schritte in den Wald. Sogar dort waren Liebespärchen unterwegs. Ja, waren denn alle verrückt geworden? Sie lief tiefer ins Gehölz hinein. Endlich war sie allein. Sie atmete tief durch.
„Da ist sie endlich!“
„Liliane Schönborn. Sie kommt. Wir sind komplett.“
Verwirrt schaute Liliane sich um. Eine Lichtung tat sich vor ihr auf, in deren Mitte ein Feuer munter flackerte. Drumherum standen lauter betagte Weiblein in lustiger Verkleidung. Ein Kostümfest mitten im Wald? Neugierig trat sie näher. Zwei jüngere Frauen in Alltagskleidung stachen ins Auge. Ob die auch zufällig hinzugestoßen waren? Die Alten bildeten einen Kreis und nahmen Liliane wie selbstverständlich in ihrer Reihe auf. Es wurde still.
„Guten Abend, meine Lieben! Heute begrüße ich ganz besonders unsere drei Gäste. Ich bin Walli Walpurgis, die Oberste. Willkommen, Alena, geboren am 1. Mai 1958 um 0 Uhr und 3 Minuten!“ Die klare, Ehrfurcht erregende Stimme gehörte einer Dame mit einem Raben auf der Schulter. Für eine Kostümierte wirkte sie verdammt echt. Der Rabe auch.
„Das ist gut, das ist gut!“, raunte es von überall her.
„Willkommen, Bettina, geboren am 30. April 1958 um 22 Uhr und 37 Minuten!“
„Schlecht, die Uhrzeit ist schlecht!“
„Ruhe! – Willkommen Liliane, geboren am 30. April 1958 um 23 Uhr und 59 Minuten!“
„Hervorragend!“
„Gute Zeit – gute Veranlagung!“
„RUHE! In der Walpurgisnacht geborene Frauen haben an ihrem 50. Geburtstag die Möglichkeit, unserer Gemeinschaft beizutreten. Alle hier Anwesenden sind in einer Walpurgisnacht geboren. Alle verfügen sie über eine besondere Gabe. Und alle haben an ihrem 50.Geburtstag entschieden, sich dieser Gabe zu widmen. Heute stellen wir die Frage euch Dreien. Aber vorher sollt ihr wissen, worauf ihr euch einlasst. Mädels, stellt euch vor!“
‚Mädels’! War hier überhaupt jemand unter siebzig?
„Ich bin Murmel Diktum, zuständig für Zaubersprüche!“ Eine streng wirkende Bohnenstange verbeugte sich knapp. „Seid willkommen!“
„Ich bin Rata Tschingbumm. Trommelhexe. Ich sorge bei Ritualen und Festen für die passende Musik. Meinen Gruß!“
„Amora Liebtreu. Liebestränke, Hilfe bei Unfruchtbarkeit und Ähnlichem. Alena, du könntest meine Gehilfin sein.“ An dem buckligen Mütterchen war alles rosa. Das Kleid, die Schuhe, sogar die Haare. Alena trug einen Pulli mit pinkfarbenen Herzchen. Das passte. Liliane kicherte. Ein gut platzierter Ellenbogen brachte sie zum Schweigen. Die nahmen das aber ernst hier!
„Dolores Kreiß, Hebamme. Bettina, du hast geschickte Hände. In meiner Kate ist Platz für dich. Ich bringe dir alles bei, was du wissen musst. Wenn du nur willst?“
Bettina war kreidebleich. Sie schien das Spektakel nicht zu genießen.
„Runzel-Mia!“ – „Schrumpel-Pia!“
„Unsere Zwillinge“, raunte meine Nachbarin mit dem spitzen Ellenbogen. „Nichtsnutze! Komm ihnen nicht zu nah, sie wimmeln von Läusen. Eine Schande für die Zunft!“
„Hester Illusion. Ich kann euch alles sehen lassen, was ihr sehen wollt!“
„Ich bin Wurzel-Ina. Heilkräuter und Wurzeln sind mein Bereich. Für mich ist es an der Zeit, eine Nachfolgerin anzulernen. Liliane?“ Steinalte Augen schauten sie fragend an, ihr weiser Blick ging Liliane durch und durch. Ihr Herz begann, wild zu klopfen. Wurzel-Ina hatte auch eine Warze auf der Nase, genau an derselben Stelle … Das hier passierte nicht wirklich, oder? Gleich würden alle anfangen zu lachen, sich freuen, die Neulinge hereingelegt zu haben, die Kostüme ausziehen und zufrieden nach Hause gehen. ODER?
„Maledikta, die Zwölfte. Zuständig für Verwünschungen und Flüche. Wenn ihr nichts wert seid, dann packt euch. Noch mehr Jammergestalten können wir hier nicht brauchen.“ Sie warf einen schwarzen Blick zu den Zwillingen hinüber.
„Maledikta!“
„Ihr seid gewarnt! Die nächste Unwürdige nehme ich mir höchstpersönlich vor!“ Die dunkle Gestalt war furchterregend.
Lilianes angekratztes Selbstbewusstsein geriet noch mehr ins Wanken. In ihrem Kopf drehte sich alles. Es war ihr unmöglich, die vielen Hexen, ach was, Personen!, auseinander zu halten. Endlich war die Vorstellungsrunde vorbei. Eine der Damen ging mit Getränken rund. Es war ausgesprochen lecker. Und leicht berauschend. Liliane entspannte sich. Sie beobachtete die schwatzenden Hex... Frauen. Einige tanzten, andere sangen. Liliane ließ sich mitreißen, plauderte, lachte und wiegte sich zu den Klängen. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so wohl gefühlt. Irgendwann brach die Musik ab. Die Frauen formierten sich wieder zur feierlichen Runde.
Walli Walpurgis klangvolle Stimme durchdrang die Nacht: „Alena, ich rufe dich! Bist du bereit, dich unserer Gemeinschaft anzuschließen, ihr zu dienen und dich ihren Regeln zu unterwerfen? Bist du bereit, deine Fähigkeiten auszubilden, auf dass du deinen Platz als ehrenwertes Mitglied ausfüllen kannst? Wenn ja, dann spring jetzt über das Feuer und besiegele damit auf immer die Zugehörigkeit zu uns.“
Alena zögerte nicht, sie lief los und setzte schwungvoll über die Flammen.
„Hurrrrrraaaaa!“, erscholl aus vielen Kehlen.
„Dein Name sei Passionata Innig!“
Passionata und Amora fielen sich in die Arme.
„Bettina, ich rufe dich!“
Diese ging mit angstvoll geweiteten Augen rückwärts.
„Bist du bereit…“
Sie floh wie ein gehetztes Reh in den Wald.
„Hester! Lösch ihre Erinnerung an diesen Abend!“
Ein Zischen ertönte. Es roch verbrannt. Trauriges Gemurmel ging durch die Menge.
„Liliane, ich rufe dich! Bist du…“
Mit einem Schlag wurde Liliane bewusst, dass das hier kein Spiel war. Sie hatte den Abend genossen wie einen schönen Traum, aus dem man bedauernd aufwacht. Wie sollte sie eine Entscheidung treffen? Worauf ließ sie sich ein? Wollte sie so was … Verrücktes? Wie konnte sie das überhaupt in Erwägung ziehen? Sie war Liliane Schönborn, Frau von Arnold Schönborn, angesehener Anwalt und Präsident des besten Klubs der Stadt!
Erwartungsvoll starrten die anderen sie an. Die Stille wurde drückend.
„Hester, würdest du bitte helfen?“
Hester streute ein Pulver ins Feuer. Auf der Stelle entstanden Bilder aus Lilianes Leben: Arnold, das Haus, die tuschelnden Nachbarn, der Tanzabend … Hester warf eine zweite Ladung. Liliane sah sich in einem Kräutergarten, beim Zubereiten von Tee, mit Kranken verhandeln, mit Wurzel-Ina über ein Rezeptbuch gebeugt.
„Nun, Liliane…?“
„Na, los doch! Du gehörst zu uns!“, raunte die Hexe neben ihr.
Diese Worte, obwohl von einer Fremden gesprochen, lösten tiefe Freude in Liliane aus. Sie hatte in ihrem Leben nirgendwo richtig dazugehört. Sie schaute in die hoffnungsfrohe Runde, sah Amora und Passionata Arm in Arm. Ihre Füße bewegten sich wie von allein. Hier hätte sie eine echte Aufgabe. Sie lief schneller, dann sprang sie und stieß dabei einen lauten Juchzer aus.
„ Kräuter-Lilli!“, jubelte die Menge.

Letzte Aktualisierung: 21.11.2008 - 14.07 Uhr
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