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November 2008
Das Bücherhaus
von Michael Pick

Am Ende des Weges wartete das Haus. Es lehnte an einer mächtigen Eiche, die mit ihrer Krone das Dach beschattete. Der Garten, wenngleich kaum als solcher erkennbar, lichtete den Wald knapp hinter dem Gebäude und gab die Sicht auf eine Pappelgruppe frei, wie sie vor langer Zeit zur Aussteuer bei der Geburt eines Mädchens angelegt wurde. Im Pappelgeäst lungerte ein Schwarm Raben, der mich mit einem gemeinschaftlichen Krächzen begrüßte.
Das Haus war blind – fensterlos; die Tür kaum mehr als ein Spalt und augenblicklich verstummte bei ihrem Erscheinen das Leben. Ihre Augen glänzten grün, leicht mandelförmig geschnitten, die Haare schwarz, schulterlang und gescheitelt. Lippen und Haut glichen geschliffenem Marmor. Die Nase, daumengroß und gerade, sog die Luft an, als schnupperte sie Gefühle wie Gerüche. Ihre Hände waren männergroß, bereit mit Feldsteinen zu jonglieren, zu grob für die Brille, die sie barg wie ein Vogeljunges.
Dann ließ sie es fliegen und ruderte mir mit dem Arm eine Einladung zu. Schlug sich an den Kopf, wie es Verrückte zuweilen machen, und verschwand wieder durch den Spalt im Haus. Ihre stumme Begrüßung enttäuschte mich und ich dachte für eine Sekunde daran, umzudrehen. Doch fühlte ich mich an dieses Haus gebunden. Die Krähen verschwanden, als die Frau wieder herauskam. In der einen Hand hielt sie eine weiße Kaffeekanne aus Porzellan, während sich in der anderen zwei Tassen stapelten.
Sie stellte das Geschirr auf einen Baumstumpf, nicht weit vom Haus, und warf mir ein schiefes Lächeln herüber. Sie verschüttete einige Tropfen und ich nahm ihr die Kaffeekanne aus der Hand. Die ganze Zeit über musterten mich ihre Augen. Nie standen sie still, als könnten sie es nicht erwarten, jede Einzelheit von mir zu erfassen. Ich fühlte mich ausgezogen.
Aus der Nähe erkannte ich, dass sie viel älter war, als ich angenommen hatte, dennoch fehlte ihr die Herzlichkeit einer Mutter. Sie hielt es nie länger als einen Schluck aus, schon zwängte sie sich ins Haus und kam, nicht lange danach, wieder zurück.
Zuletzt kehrte sie mit einem Stapel Bücher im Arm zurück und wirkte entspannter. Sie blätterte in einem davon, als hätte sie meine Gegenwart vergessen. Ich hätte aufstehen und gehen sollen.
Sie trank noch eine zweite Tasse, doch kaum war diese leer, sprang sie auf und zwängte sich halb durch den Türspalt. Ihre Hand winkte mir, ihr zu folgen. Oder war es Einbildung?
Im Gebäude war es heller, als man es gemeinhin von einem Raum ohne Fenster erwarten würde. Es gab elektrisches Licht, erzeugt von einer Schar Mäuse, die eine Batterie von Laufrädern antrieben. Doch all das wurde von den Büchern erschlagen. Es gab sie überall; zuvorderst an den Wänden, und ich war überzeugt, würde man sie entfernen, fiele das Haus in sich zusammen.
Ein gewaltiger Bücherberg stapelte sich auf dem Boden. Ich trat näher an ein Regal und nahm einen Band in die Hand. Auf dem Buchrücken stand der Name des Autors, Ilja Romanov. Ich kannte ihn nicht, ebenso wenig wie jene der weiteren Werke in der Reihe. Es war die Biografie seines Lebens, von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Ich griff wahllos ein anderes, dünneres, von Adam Stedt. Er wurde nur zehn Jahre alt.
Während der ganzen Zeit spürte ich ihre Blicke. Sie brannten in meinem Gesicht, als sie mir ein Buch reichte. Ich setzte mich. Auf dem Buchrücken stand mein Name. Ich spürte weder Hunger noch Durst, alles was ich brauchte, lag in meinen Händen.
Bevor ich zu lesen begann, legte ich die Hand auf den Buchumschlag. Wollte ich es wirklich lesen? Wollte ich wissen, was morgen geschehen würde, was in einer Woche, und wie lange ich noch zu leben hätte? Ich wünschte mir ein Fenster, damit meine Gedanken hinaus konnten.
Ich las wie in einem Roman über meine Geburt und erfuhr Einzelheiten, die meine Eltern längst vergessen hatten. Ich erinnerte mich und weinte die Buchseiten nass; ich lachte und schmunzelte und blieb manchmal nur ernst.
Bei Gestern hörte ich auf zu lesen. Ein vager Blick auf die verbleibenden Seiten ließ mich aufatmen. Es war nicht weniger, als ich schon umgeblättert hatte. Nicht mehr lange und heute war gestern und deshalb las ich es.
In schlichten schwarzen Lettern stand, dass ich die neue Hüterin der Lebensbücher werden würde. Oder, wie sie auch genannt wurde: die Hexe in dem Bücherhaus.
Meine Vorgängerin trat an meine Seite, ein leichtes Bündel in ihrer Hand, und hielt mir einen Stift hin. Sie erlaubte sich ein kurzes Zwinkern. Ich schüttelte den Kopf und sah, wie sie durch den Türspalt verschwand.

Letzte Aktualisierung: 19.11.2008 - 22.06 Uhr
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