Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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November 2008
Rettungsversuche
von Andrea Sondermann

Schlenina tätschelte den Griff ihres Schwertes, während sie die Stufen zu den Verliesen hinunterstieg. Ihr langer geflickter Mantel stob hinter ihr auf wie eine drohende Gewitterwolke. Ihre Schritte hallten von den steinernen Wänden wider und eilten ihr unter der gewölbten Decke des Ganges voraus bis zur Wachstube, wo gedämpftes Gelächter durch die Tür drang und auf einen Schlag verstummte. Schlenina kräuselte verächtlich die Lippen und trat noch fester auf.
Sie brauchte nicht anzuklopfen. Einer der Wachleute öffnete ihr die Tür, als sie noch drei Schritte entfernt war. Er hielt den Blick gesenkt. Hinter ihm in der Wachstube standen seine vier Kameraden stramm. Nur die umgeworfenen Stühle verrieten, wie hastig sie aufgesprungen waren. Über den Tisch hatten sie eine Decke geworfen, die sich dort ausbreitete wie eine hügelige Landschaft und durch die Umrisse ihrer Hügel deutlich offenbarte, was sie verbergen sollte. Als ob nicht ohnehin jeder wüsste, dass die Wachleute hier unten ihre Zeit mit Würfeln und Wein vertrödelten, obwohl sie dadurch das königliche Wappen beschmutzten, das sie alle auf ihrer Brust trugen.
Schlenina verlor kein Wort darüber. Sie berührte nur ihren Schwertgriff, auf dem ebenfalls das Wappen des Königs prangte, warf jedem einzelnen einen strengen Blick aus dem Augenwinkel zu und sah die Wachleute erbleichen.
„Wo ist sie?“ fragte Schlenina mit ruhiger Stimme.
„Den linken Gang hinunter in der fünften Zelle rechts“, erwiderte der Bursche, der ihr die Tür geöffnet hatte. Sie nickte knapp, und er hastete durch die Wachstube, um ihr die Tür an der gegenüberliegenden Seite des Raumes aufzuhalten. Schlenina fixierte den schweren Schlüsselring an seinem Gürtel. Eilig nahm er einen der Schlüssel ab und legte ihn in ihre ausgestreckte Hand.
Während Schlenina den linken Gang zur fünften Zelle rechts entlang ging, warf sie den Schlüssel wieder und wieder in die Luft und fing ihn auf. Sie musste an die alten Geschichten denken, darüber, dass Hexen kein Eisen mochten. Da umschloss sie das Metall fest mit der Faust.
Sie hörte die Tür der Wachstube zufallen und ein Flüstern, das ihr von der Schwelle nachrieselte. Es machte nichts, dass sie die Worte nicht verstand. Sie konnte sich denken, wovon die Wachleute redeten. Sie wusste von den Gerüchten, die über sie im Umlauf waren. Einige davon hatte sie selbst in die Welt gesetzt. Und manches entsprach sogar der Wahrheit.
Ja, sie war die gefürchtete Kriegerin Schlenina, die des Königs Verliese mit Hexen gefüllt und geschworen hatte, den verschwundenen Herrscher zu finden, auch wenn sie dafür jeden Stein im Königreich umdrehen müsste.
Ein grimmiges Lächeln huschte über ihre Lippen und sie drehte den roten Stein an ihrem Ohr. Dann schob sie den Schlüssel in das Schloss der fünften Zelle rechts und drehte ihn quietschend um.
Die blauäugige Hexe saß im Schneidersitz auf dem Steinfußboden und hob den Blick, als Schlenina eintrat. Ihr verstrubbeltes langes Haar schimmerte dunkelblau im Licht der Pechfackeln, das vom Gang zu ihr hereinfiel.
„Du weißt, wer ich bin?“, fragte Schlenina mit leiser Stimme.
Die Hexe nickte. „Du bist seine Kriegerin.“
„Dann brauche ich dich ja nur einmal zu fragen“, sagte Schlenina sanft. „In was hast du den König verwandelt?“
Die Hexe lächelte und schwieg. Schlenina trat vor, mit der Hand am Schwertgriff. Die Hexe lächelte weiterhin. „Das wagst du nicht. Wenn du mich tötest, wirst du ihn niemals finden.“
Schlenina blieb stehen und verschränkte die Arme, als müsste sie überlegen. Die Hexe leckte sich die Lippen, ihre blauen Augen begannen zu leuchten. Langsam zog die Kriegerin ihr Schwert. Die unverzierte Klinge blitzte im Fackelschein und deutete genau auf die Kehle der Hexe. Die blauen Augen wurden wieder dunkler. Das Lächeln verschwand.
„Du weißt zu wenig über mich, um dir sicher sein zu können“, stellte Schlenina fest. Dann senkte sie das Schwert, ohne es in die schmucklose Scheide zurückzuschieben. Ihre Mundwinkel zuckten, als sie die Hexe aufatmen hörte. Leicht zu beeindrucken also. Sie hatte ihr doch noch nicht einmal die Haut angeritzt. „Rede!“
Die Hexe starrte mit finsterem Blick vor sich hin.
„Stur“, dachte Schlenina. Sie betrachtete die Lichtfunken, die das Schwert an die Wände warf, wenn sie es leicht bewegte, ohne es jedoch wieder auf die Hexe zu richten. Sie hatte ziemlich schnell herausgefunden, dass der König deshalb so spurlos verschwunden war, weil eine Hexe ihn verwandelt hatte. Daraufhin brauchte sie bloß die richtige Hexe ausfindig zu machen. Dass die Spur ausgerechnet zu einer leicht zu beeindruckenden, aber sturen Feld-, Wald- und Wiesenhexe führte, wer hätte das gedacht? Die zum Reden zu bringen war keine Herausforderung.
„Damit wir uns nicht missverstehen“, sagte Schlenina, stützte ihr Schwert auf den Boden und drehte gedankenverloren den pulsierenden Stein an ihrem Ohr, „ich finde den König. Mit dem Lebensstein finde ich ihn.“
„Mit dem Lebens...“, keuchte die Hexe und wurde um einiges blasser als die Wachleute vorhin unter Schleninas strengem Blick. „Aber das ist... schwarze Magie“, flüsterte sie anklagend.
Schlenina zuckte mit den Achseln. „Du siehst, es ist nur eine Frage der Zeit. Ich weiß zwar nicht, wonach ich Ausschau halten muss. Aber ich finde ihn.“
„Schon gut“, sagte die Hexe schnell. „Er ist ein Frosch, ich geb’s zu. In was sollte man einen König wohl sonst verwandeln.“
„Wie einfallslos“, murmelte Schlenina höhnisch.
Die blauen Augen funkelten trotzig. „Hättest du nicht so viel Zeit mit der Jagd auf uns Hexen verbracht, dann wärst du mit diesem schwarzen Zauber da“, zitternd streckte sie ihren Zeigefinger nach dem roten Stein aus und zog die Hand sofort wieder zurück, „schon längst über den König gestolpert. Also warum das alles? Warum befragst du mich überhaupt?“
„Weil ich auf ein anregenderes Gespräch gehofft hatte“, erwiderte Schlenina und fuhr mit den Fingern langsam an der blitzenden Schwertschneide entlang, ehe sie die Klinge mit einer gewissen Enttäuschung ins Dunkel schob.

Im Morgengrauen ging die Kriegerin durch das Land und folgte dem ziehenden Stein.
Sie fand den Frosch in einem alten Brunnen und starrte ihn eine Weile an. Er starrte missmutig zurück. Die aufgehende Sonne färbte ihn blutrot.
„Hast du wirklich geglaubt, du könntest mir durch einen so faulen Zauber entkommen, nachdem ich dir dein Herz gestohlen habe?“, fragte Schlenina und drehte den roten Stein an ihrem Ohr.

Letzte Aktualisierung: 22.11.2008 - 09.26 Uhr
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