Sexlibris
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Dezember 2008
Lilly im Keller
von Susanne Ruitenberg

„Hol mir Kartoffeln. Hier.“ Mutti hielt ihr das alte Plastiksieb hin.
Lilly verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken. „Ich will nicht in den Keller.“
„Stell dich nicht so an. Ich muss auf Mika aufpassen.“
„Steck ihn doch in den Laufstall. Und wieso musst du mehr Kartoffeln haben? Da sind schon genug im Eintopf.“ Lilly lugte in den Topf. „Nur so wenig Fleisch!“
Durch die Wucht der Ohrfeige knallte sie gegen die Spüle. Mutti hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt und ihr Gesicht wurde immer röter.
„Du tust jetzt was ich dir sage, oder ich knall dir noch eine. Dein Vater bringt seine Kumpels mit. Wenn dir das Essen nicht passt, kannst du auch gleich ins Bett gehen.“
Lilly nahm das Sieb und schlurfte zur Tür. „Immer muss ich alles machen.“
„Du kriegst gleich eine auf den Mund!“
Lilly stieß einen Schrei aus und rannte aus der Küche. An der Kellertür drehte sie sich um. Wenigstens folgte Mutti ihr nicht. Lilly betrachtete die abgeschabte Tür und schluckte. Sie musste ihre Hand zwingen, die Klinke herunterzudrücken. Ein schwarzer Schacht gähnte ihr entgegen. Licht, sie brauchte Licht. Mit der flachen Hand tastete sie an der Wand entlang. Hier irgendwo war der Schalter. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sie sich millimeterweise heranschob, während auf der anderen Seite eine Spinne lauerte, die nur darauf wartete, dass die leckere Kinderhand in ihre Reichweite ... etwas kitzelte Lillis Finger. Sie schrie auf, zog die Hand zurück. Spinnenweben klebten daran. Wimmernd wischte sie die Fäden an der Jeans ab, knallte ihre Faust gegen die Wand und traf dabei zufällig den Schalter. Eine einsame Glühbirne über der Treppe warf spärliches Licht auf die ausgetretenen Stiegen. Mit beiden Händen auf dem Geländer stieg sie hinab, zählte dabei in Gedanken die Stufen. Bei der zehnten, die immer knarrte und wackelte, hielt sie die Luft an, bis sie darüber hinweg war. Unten angekommen, schaltete sie das Flurlicht an. Wie eklig es hier roch! Dumpf, nach fauligem Staub. Lilly schluckte. Ihr Speichel klebte wie dickflüssiger Sirup an ihrem Gaumen. Sie schob den alten Vorhang beiseite, der den Vorratsraum vom Flur trennte und drehte den alten Lichtschalter herum. Nichts geschah. Oh nein! Die Glühbirne war schon wieder kaputt. Sollte sie Mutti bitten ... nein, die würde sie nur ausmeckern, weil sie ohne Kartoffeln aus dem Keller kam. Aber durch den Vorhang drang nicht einmal das spärliche Licht aus dem Flur herein. Lilly drehte den Stoff zu einem dicken Wulst, klemmte ihn mit einem Bierkasten gegen die Wand und betrat den Raum. Mit einem „Swisch“ löste sich der Wulst, der Vorhang fiel in seine ursprüngliche Position zurück und sie stand im Stockfinsteren.
„Neiiin!“ Vorsichtig tastend bewegte sie sich auf die Türöffnung zu und wiederholte die Prozedur. Diesmal wuchtete sie einen zweiten Bierkasten auf den ersten. Würde das halten? Sie hielt die Luft an. Der Vorhang blieb stecken. Gut. Lilly hob das Sieb auf, das sie fallen gelassen hatte, und wandte sich zum Regal. Der große Korb stand im untersten Fach. Wie Tentakel hingen die Keime über den Korbrand. Wie sie den Winter hasste, wenn die Kartoffeln schrumpelig wurden und keimten. Ihre Hand zitterte, als sie mitten hinein griff. Eklig! Sie stellte sich immer vor, dass die Dinger plötzlich lebendig wären und sie ... wie auf Kommando begannen die widerlichen weißen Würmer zu wachsen, sie wedelten in alle Richtungen, als würden sie ihr zuwinken, schlängelten sich aus dem Korb, um ihr Handgelenk, weiter, länger, um ihre Füße, schon krochen sie an ihren Beinen herauf, wickelten sich um ihren Bauch und wenn sie noch höher krabbelten, würden sie sich um ihren Hals schlingen und sie würde tot gehen, was auch nicht schlimm wäre, kein Gemecker oder Schläge von Mutti mehr, keine Kumpels von Vati, die ihr auf den Hintern tatschten, keine ... Sie stutzte.
Keine Besuche in der Schulbücherei.
Keine Geschichten, die sie in fremde Welten entführten, in denen Kinder ihre Eltern liebten, in denen ein Mädchen ihr Pferd trug, ein Schiffjunge einen Schatz fand.
Nie mehr.
Der Gedanke war so entsetzlich, dass sie tief Luft holte und schrie, ganz laut, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte, die Augen fest zugekniffen, damit sie die Tentakel nicht mehr sehen musste, die Hände zu Fäusten geballt stand sie da und schrie und hätte sicher noch lange geschrien ...
„Bist du völlig übergeschnappt, du dumme Trine?“ Das Klatschen der Ohrfeige hallte von den Wänden wider. Lilly öffnete die Augen. Mutti stand über ihr wie ein Racheengel, schubste Lilly zur Seite, hob das Sieb auf und schaufelte Kartoffeln hinein. „Bist du zu gar nichts zu gebrauchen? Warum schreist du hier rum wie eine Furie?“
„Die Kartoffelkeime haben mich gefangen genommen und ...“ Mit der flachen Hand schlug Mutti ihr auf den Mund. „Red keinen Mist. Das kommt, weil du die Nase immer in deinen Scheißbüchern hast. Damit ist Schluss. Den Büchereiausweis gibst du mir. Ich werde noch andere Seiten aufziehen mit dir. Und jetzt marsch ins Bett. Ich will dich heute nicht mehr sehen oder hören.“
Mutti stürmte hinaus, riss im Vorbeigehen den Vorhang aus den Bierkästen. Lilly tastete nach dem Korb und ließ sich langsam auf den Boden sinken.
Hier wollte sie bleiben, hier, im Dunkeln. Sicher würden die Kartoffeltentakel wieder wachsen. Diesmal würde sie nicht schreien; nein, einfach hier sitzen bleiben und warten. So lange, bis sie tot ging. Keine Lilly mehr. Das hatten sie dann davon. Sie umschlang ihre Beine mit den Armen und legte den Kopf auf die Knie.


©Susanne Ruitenberg

Letzte Aktualisierung: 18.12.2008 - 20.10 Uhr
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