Honigfalter
Honigfalter
Liebesgeschichten ohne Kitsch? Geht das?
Ja - und wie. Lesen Sie unsere Geschichten-
Sammlung "Honigfalter", das meistverkaufte Buch im Schreiblust-Verlag.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Katharina Joanowitsch IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2008
Ahnungslos
von Katharina Joanowitsch

Gemächlich fährt der Streifenwagen durch die Straßen des Reviers. Wenige Spuren nur im weiß überpuderten Pflaster. Einer schleppt sich noch mit Paketen ab. Am Spiegel zwischen Schöler und Brinkmann schaukelt sachte ein blinkender Miniaturweihnachtsbaum. Schöler fährt, Brinkmann auf dem Beifahrersitz streckt sich gähnend. Ihre Schicht hat gerade begonnen.
„Willst’n Tee, Ole?“, fragt Brinkmann und schraubt schon mal an der Kappe der Thermoskanne herum.
„Was isses denn diesmal?“
„Apfelzimt“.
„Passt“, Schöler pustet genüsslich in den dampfenden Becher, den sein Kollege ihm reicht.
„Wagen 4 von Einsatzzentrale, antworten“, knarrt es aus dem Polizeifunk.
„Einsatzzentrale von Wagen 4, verstanden, antworten“. Brinkmann schluckt rasch Spekulatiuskrümeln hinunter.
„Verstanden, angeblicher Hausfriedensbruch in Bismarckstraße 21, 5. Stock, klingeln bei Stüver, antworten“.
„Verstanden, angeblicher Hausfriedensbruch in Bismarckstraße 21, 5. Stock, Stüver, wir fahren hin, antworten.“
„Verstanden, alles klar, Ende.“

„Hausfriedensbruch – am Heiligen Abend?“ Nachdenklich schiebt sich Brinkmann noch einen Keks zwischen seine vollen Backen. Schöler nippt am Tee. Viel zu heiß zum Hinunterkippen. Er biegt in die nächste Straße, bereits die Bismarckstraße, und lässt den Wagen geschmeidig vor der Nummer 21 halten, ohne Martinshorn, ohne Blaulicht.
„Wir wollen doch die Hausfriedensbrecher nicht vorwarnen, was Jens?“, lacht Schöler. Eisiger Wind faucht auf dem kurzen Weg zum Eingang. Im Hausflur ein Duft nach Tanne, Bohnerwachs und Braten, durchmixt von weihnachtlichen Musikfetzen.
„Mann, Ole, nicht so schnell“, japst Brinkmann.
„Warst lange nicht mehr beim Betriebssport“, kommt es von Schöler einen Stock höher.
Kaum klingeln sie, tut sich die Tür auf.
„Jetzt reichts aber!“, wutrot reckt sich ihnen ein Kopf entgegen.
„Verzeihung – Frau Stüver? Entschuldigen Sie, aber wir sind gerufen worden“, lässt Schöler seine sonore Stimme tönen und hält seinen Ausweis in die Türöffnung.
„Ach so, entschuldigen Sie, ja – das war ich“, nickt die Frau beschämt. „Das war nämlich so: Ich will gerade mit der Soße anfangen – wir haben heute Abend Gäste – da klingelt’s an der Haustür. Ich also hin und öffne: stehen da Leute, schäbig angezogen, eher wie – Bettler, ausgerechnet Heilig Abend! Bettler! und wollen – was war das noch gleich? Aaah!“
Mit einem Entsetzensschrei bricht der Bericht ab und Frau Stüver stürzt zurück ins Innere der Wohnung. Schöler hebt es fast auf die Zehenspitzen, so interessiert schnüffelt er nach dem herausflutenden Duft.
„Frau Stüver?“, schickt Brinkmann ihr einen fragenden Ruf hinterher und zieht – nachdem keine Antwort zu hören ist – die Tür ins Schloss. Eindringen? Bedrohung? Entwendung? Nichts von alledem scheint zuzutreffen, so stopft Brinkmann sein Notizbuch samt der ungelösten Frage wieder in die Brusttasche. Die Beamten stapfen die Treppe hinunter. Ihr kräftiges Schuhwerk schlägt im gleichen Takt die Holzstufen. Im 3. Stock blickt ihnen aus einer geschmückten Tür finster ein Mann entgegen. Brüllt:
„Kann man nicht mal Heiligabend seine Ruhe haben?“
„Nana, nun beruhigen Sie sich mal!“
Schöler und Brinkmann heben beschwichtigend ihre Hände. Jetzt erst nimmt der Mann ihre Uniformen wahr.
„Sie müssen schon entschuldigen, aber diese Typen eben! Bettler an der Tür kurz vor der Bescherung! Stellen Sie sich das vor! Und drinnen warten die Kinder, horchen ungeduldig auf das dritte Glöckchenklingeln.“
„Was sagten Sie gerade?“, stutzt Brinkmann und zückt sein Notizbuch. „Typen? Was für Typen?“
„Nun, eigentlich ein Pärchen, bisschen verwahrlost gekleidet, erinnerte eher an, äh – ach, ich weiß nicht recht. Aber nun muss ich, Sie wissen schon, die Sache mit der roten Mütze und dem roten Mantel.“ Seine Worte vermurmeln hinter der zuklappenden Tür.
Brinkmann versenkt seufzend sein Notizbuch, Schöler zieht nachdenklich die Stirn in Falten. Noch vor dem Erdgeschoss aber werden sie erneut aufgehalten. Durch einen Türspalt mit vorgelegter Kette flüstert eine Stimme: „Gut, dass Sie kommen!“
„Wie meinen Sie das?“ fragt Brinkmann interessiert und kramt sein Buch wieder aus der Brusttasche.
„Gerade wollte ich mich hinlegen – nach der Steherei bin ich immer hundemüde und heute war natürlich die Hölle los, alle Stühle besetzt, fünf Dauerwellen gleichzeitig, können Sie sich das vorstellen?“
„Ja – doch“, unterbricht Schöler, „Sie kamen also von Ihrem Frisörsalon aber dann, – “
„Ja, dann – dann war was an meiner Haustür, so ein Schaben und als ich durch meinen Spion gucke, stehen da zwei Leute, Mann und Frau mit einem Bündel im Arm, ein Baby, nur im Tuch, bei den Minusgraden! Unmöglich! Stehen da, reglos und gucken mich an! Fixieren mich genau, als wäre gar keine Tür zwischen uns. Hab’s mit der Angst gekriegt und bin wieder zurück zur Couch, dann aber doch wieder zur Tür und durchgelinst, stehen die noch da. Richtig unheimlich, sag’ ich Ihnen.“
„Aber nun nicht mehr.“, konstatiert Brinkmann und wirft musternde Blicke um sich. „Wo sind die denn hin?“
Das müde Gesicht hebt ratlos und bedauernd die Augenbrauen. Der Spalt schließt sich, noch ehe die Beamten etwas klären können.

„Ich versteh die Leute nicht, Jens. Wovor fürchten die sich denn? Zwei Typen in altmodischer Kleidung mit Baby, na und? Nicht gerade bedrohlich, oder wie siehst du das?“ Schöler schließt seufzend den Wagen wieder auf. „Und findest du, die Menschen waren in festlicher Stimmung?“
Wind hat den inzwischen gefallenen Schnee auf der Windschutzscheibe zu einem bizarren Gebilde verblasen. Brinkmann stellt gedankenverloren den Wischer an. Durch das befreite Glas sehen sie zwei Gestalten in die nächste Querstraße abbiegen.
„Haste die gesehen? Fahr mal hinterher, Ole, die gucken wir uns mal näher an.“
Brinkmann greift nervös in die Spekulatiustüte.
„Noch welche drin, Jens?“ fragt Schöler, während er den Streifenwagen geschickt in die Querstraße einbiegen lässt. Nur friedlich gestaffelte Häuserfronten im Straßenlampenlicht, niemand zu sehen.
„Merkwürdig, nun sind sie weg. Wie ne Erscheinung. Lass uns mal Lührs anrufen.“
Sie melden sich zurück beim Revier, berichten, was sie gehört aber nicht gesehen haben. Im Revier hören sie Lührs sich umständlich räuspern, im Hintergrund Gläserklirren, vermutlich kreist schon der Weihnachtspunsch.
„Wagen 4 von Einsatzzentrale, etliche Anrufe, immer das gleiche: Leute fühlen sich gestört durch ein Pärchen, altmodisch, zu dünn gekleidet für die Jahreszeit, zu wenig festlich, mit Kind, antworten.“
„Einsatzzentrale von Wagen 4, verstanden, was will das Pärchen? Antworten.“
„Wagen 4 von Einsatzzentrale; Einlass wollen die. Merkwürdig, wieso die es bei Privatwohnungen versuchen, wo doch die Hotels nicht gerade ausgebucht sind. Also, Schöler, Brinkmann: seht mal zu, ob ihr sie nicht doch noch findet. Hier klingelt es gerade wieder. Ende.“

Knirschend hält der Streifenwagen in einer Schneewehe neben einem aus einer Ausfahrt tretenden Mann. Wie auf frischer Tat ertappt schrickt dieser zusammen, als Brinkmann das Fenster runter fährt und ihn anspricht.
„Ob ich was? Ein seltsames Paar? Mit Baby?“ Seine Tüte fest umklammernd starrt der Mann nachdenklich vor sich hin. Seine süßliche Atemwolke lässt Brinkmanns Brille beschlagen.
„Gesehen? Nein, nicht wirklich, es erinnert mich an – nein, ich weiß es beim besten Willen nicht mehr. Tut mir leid, aber ich muss.“ Der Mann zieht seine Schultern hoch, um sich noch dichter in seinen Mantel zu hüllen, schickt einen Blick zum schwarzen Himmel, aus dem winzige Kristalle prickeln und lässt den Satz unbeendet in der Kälte schweben.

So fahren sie weiter, Schöler und Brinkmann, beobachten ihr vertrautes Revier, fragen die wenigen, die sie überhaupt noch antreffen auf den Straßen. Halten an den Eckkneipen, in denen einsame Seelen am Tresen Geborgenheit tanken. Und wen sie fragen, der blickt wie verloren in sich hinein, mancher glaubt sich zu erinnern, aber nicht genau und wendet sich wieder ab. Die elektrischen Kerzenbögen, nicht mehr wegzudenken aus dem weihnachtlichen Stadtbild, sind allmählich die einzigen Lichtquellen in den Fenstern der Wohnungen.

„Nee, wahrhaftig, irgendwie keine Spur von Fröhlichkeit bei den Leuten. Mensch, wie ich fröhlich wär, wenn ich keinen Dienst hätte heute!“, durchbricht Brinkmann die Stille.
„Ach wirklich? Du lebst doch auch allein, genau wie ich. Deshalb drücken die uns doch gerne diese Feiertagsschichten auf, weißt du doch, Jens.“
„Wagen 4 von Einsatzzentrale, antworten!“, kommt Lührs Stimme aus dem Polizeifunk.
„Einsatzzentrale von Wagen 4, verstanden, antworten.“ Schöler stellt den Lautsprecher höher.
„Wagen 4 von Einsatzzentrale, Peemöller vom Revier 8 berichtet auch von diesen Anrufen! Im Revier 3 und 5 das gleiche – die Kollegen rätseln dort auch. Ja, sind denn alle verrückt geworden? Grassiert am Ende eine Art Psychose? Im Grunde könnt ihr die Suche einstellen. Ist einfach zu mysteriös, zu wenig greifbar. Ich mach’ jetzt das Protokoll, könnt ihr nachher bei Dienstschluss unterschreiben. Alles klar? Schöler? Brinkmann? Ende.“
„Verstanden, Ende.“, bestätigt Schöler und stellt den Lautsprecher aus.
„Ende? Finde ich nicht. Mir ist irgendwie – unbehaglich, wenn ich an die drei Menschen denke; ziehen hier frierend durch die Nacht und das anscheinend direkt vor unserer Nase. Und die Leute in ihren überheizten Wohnungen, mit ihren gut gefüllten Weihnachtsmägen, ihren weichen Betten; auch wir habens hier gemütlich und warm, was Jens?“
Brinkmanns braune Augen glänzen leicht.
„Hast Recht“, nickt dieser und gibt einen langen Blick zurück. „Warm und gemütlich haben wirs hier, Ole, und hinten Platz genug für Drei.“

Letzte Aktualisierung: 17.12.2008 - 15.51 Uhr
Dieser Text enthält 9562 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.