'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Dezember 2008
Momente
von Barbara Hennermann

Sie schwebte schwerelos im Raum, wärmende Dunkelheit hüllte sie ein, beruhigendes, gleichmäßiges Pochen. Das kleine Gesicht verzog sich dann und wann zu einem genüsslichen Lächeln, Schlaf wechselte nach Belieben mit aktiven Wachphasen. Paradies.
Doch plötzlich veränderte sich dieser Zustand.
Sie wurde gedrückt, gestoßen, hinaus gedrängt aus der Wiege unbeschwerten Seins. Gleißendes Licht blendete ihre Augen. Unmöglich, ihm auszuweichen. Kopfüber hing sie in den rauen Händen, fühlte die Kälte, den Schlag.
Schmerzhaft füllten sich ihre Lungen mit Luft, als der Schrei sich aus ihr löste.
Eintritt ins Leben.
Ihre Mutter nannte sie Anna.

„Anna, unartiges Mädchen! Wo steckst du bloß schon wieder?“ Die Stimme der Mutter tönte schrill. Anna schluckte. Was hatte sie angestellt? Sie zog die weiche Decke über den Kopf, die ihr tröstliche Dunkelheit gewährte. Nichts sehen, nichts hören! Wenn sie nichts sah, nichts hörte – war sie dann nicht wirklich unsichtbar? Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Hart und gleichmäßig pochten die Schritte der Mutter auf dem Parkett, kamen näher…
Das helle Licht schmerzte in ihren Augen, als die Mutter mit einem Schlag die Decke wegzog. „Anna, was soll das? Du weißt doch, dass das nichts nützt! Los, steh auf, wir kommen sonst zu spät in den Kindergarten!“
Sie riss das Mädchen hoch. „Hör auf zu quengeln!“ Ein Klaps folgte den Worten. Anna schrie laut, übertönte die Worte ihrer Mutter. „Was ist bloß mit diesem Kind los? Sie spricht nicht, sie hört nicht, sie folgt nicht – das ist doch nicht normal!“

Der Mann saß ihr gegenüber an seinem Schreibtisch. Anna sah an ihm vorbei. Wie konnte sie ihm ausweichen? Rasch verschränkte sie die Arme im Nacken, drückte den Kopf auf die Knie. Das sperrte das Licht seiner Schreibtischlampe aus, half ihr, in sicherer Dunkelheit zu versinken. Nichts sehen, nichts hören! Monoton die Stimme, die zu ihr drang. „Anna, möchtest du mich nicht einmal ansehen? Kannst du mich hören?“ Worte, die zu ihr tropften. Natürlich konnte sie ihn hören, aber sie wollte nicht! Das gleichmäßige Pochen seines Kugelschreibers auf der Schreibtischplatte erinnerte sie an etwas. Doch woran? Wieder Worte, die die Erinnerung vertrieben. „Schau Anna, du bist doch ein großes Mädchen. Möchtest du nicht, wie alle anderen Kinder, auch gerne in die Schule gehen?“ Eine Hand, die sie berührte, sie vorsichtig nach oben zog. Das Licht der Lampe traf ihre Augen. Nadelstiche überall. Ihr Schreien erfüllte das Sprechzimmer…

Mit Sicherheit würde es wieder Ärger geben. Doch sie konnte den Weg nach Hause nicht gehen. Unendlich viele Straßenlampen standen am Weg, würden sie mit ihrem Licht begleiten. Wie oft war sie nun schon durch den dunklen Park gelaufen? Hin und zurück, hin und zurück… Die Mutter hatte ihr verboten, hier zu gehen. „Anna, das ist gefährlich! Weiß Gott, wer sich da alles herumtreibt im Dunklen!“ Anna lächelte. Wie sollte sie sich vor der Dunkelheit fürchten? Samtweich und schmeichelnd hüllte sie sie ein, gab ihr das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit! Als das gleichmäßige Pochen in ihr Bewusstsein drang, verhielt sie den Schritt. Das Pochen brach ab. Anna zögerte, ging weiter. Da war es wieder! Kam näher. Anna drehte sich um. Unvermittelt traf sie der Lichtstrahl der Taschenlampe mitten ins Gesicht. Anna erstarrte. Ihr Mund öffnete sich, sie schüttelte die Hand an ihrem Arm ab. „Mädchen, was machste denn nachts alleine hier im Park?“ Der Parkwächter zuckte zurück, als ihr Schreien die Nacht zum Tosen brachte...

Gesichter und Geschlechter wechselten. Die Schreibtische blieben sich gleich. Die Schreibtischlampen ebenso. Komisch, dass auch das Pochen sich immer wieder wiederholte. Doch sie kam nicht an es heran, konnte es nicht orten. Sie wusste nur, dass sie die Dunkelheit brauchte. Sie brauchte, um überleben zu können. Nur in der Dunkelheit war sie sicher. Warum konnte niemand das verstehen? Warum ließ man sie nicht in dieser Geborgenheit in Ruhe leben? Warum musste sich immer erst alles in Schreien auflösen, damit sie wieder Ruhe bekam?

„Anna, ich hoffe so sehr für uns beide, dass dieser Therapeut dir helfen kann! Er soll wirklich eine Kapazität sein. Aber gib dir endlich auch mal ein bisschen Mühe, schließlich geht es doch um dein Leben! Ich kann nicht ewig für dich da sein!“ Die Stimme der Mutter strich an ihrem Ohr vorbei. Dunkelheit und wohlige Wärme hüllten Anna ein. Nichts hören, nichts sehen! Gleichmäßig pochten die Reifen des Autos über die Betonplatten der Autobahn nach München. Es war ihr egal, was die Mutter sich dort erhoffte. Ihr ging es gut, sie spürte einen Hauch der Geborgenheit des verlorenen Paradieses! Lächelnd drückte sie sich in die weichen Polster, schwebte schwerelos im Wohlgefühl ihrer Empfindungen.
Jäh durchschnitt aufblendendes Licht die Dunkelheit. Der Aufschrei der Mutter riss sie hoch, bevor das Krachen berstenden Blechs und zersplitternden Glases ihr Bewusstsein erreichte. Dann fiel sie in bleierne Dunkelheit.

Notiz in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Dezember 1999:
„Gestern Abend ereignete sich gegen 18 Uhr auf der A9 kurz hinter Allershausen ein schwerer Autounfall mit 2 Toten und einer Schwerverletzten. Ein 78- jähriger nahm die falsche Auffahrt und fuhr auf der Autobahn in die Gegenrichtung. Beim Zusammenprall mit einem entgegen kommenden Fahrzeug kamen sowohl der Geisterfahrer als auch die 65-jährige Fahrzeuglenkerin des zweiten PKW ums Leben. Wie durch ein Wunder überlebte die Beifahrerin schwerst verletzt. Sie wurde mit einem Hubschrauber in die Unfallklinik nach Murnau geflogen. Die Autobahn musste wegen der Bergungsarbeiten für längere Zeit gesperrt werden, was zu erheblichen Behinderungen im Straßenverkehr führte.“


Aus dem Arztbericht des Doktor Friedrich Klar vom 8. Januar 2005:
„…Die 40 Jahre alte Patientin Anna Nigra wurde am 14. Juli 2000 mit einem Schädelhirntrauma als austherapiert zu uns verlegt. Sie liegt weiterhin im Koma, zeigt aber erstaunlicherweise nach wie vor gute Vitalfunktionen. Allerdings liefen alle Bemühungen, Frau Nigra aus dem Koma zu wecken, bisher leider ins Leere. Möglicherweise ist ihr Zustand psychosomatischen Ursprungs. Wir werden deshalb mit einer neuen Methode der Lichttherapie versuchen, ob wir eine Verbesserung der Lebensumstände für die Patientin erzielen können….“


Sie schwebte schwerelos im Raum, wärmende Dunkelheit hüllte sie ein, beruhigendes, gleichmäßiges Pochen. Anna lächelte. Endlich war sie zurückgekehrt - nichts hören, nichts sehen! Es fehlte ihr an nichts, sie allein bestimmte über Wach- und Schlafphasen, sie allein war Herrin über sich selbst. Sie war sich sicher, dass sie niemals würde besser leben können als in diesem Zustand.

Der Angriff kam überraschend.
Raue Hände umfassten ihren Körper.
Gleißend grelles Licht überfiel sie.
Das Pochen steigerte sich zum Stakkato.
Gurgelnd und schmerzhaft löste sich der Schrei aus ihrer Brust, schien nicht verstummen zu können.
Dann fiel sie zurück in die Dunkelheit.
Das Pochen erstarb.

Sie war gerettet.
Für immer.

Letzte Aktualisierung: 04.12.2008 - 11.01 Uhr
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