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Dezember 2008
Das Gartentor
von Robert Pfeffer

Ein Trick, ein Kunstgriff, mit dem es doch möglich wurde, das defekte Gartentor zu öffnen, hatte bislang die Reparatur verhindert und der Faulheit den Weg geebnet. Doch er bekam den Trick nicht mehr hin. Gerd Hofmann scheiterte auch im dritten Anlauf. Den Versicherungskaufmann holte seine Bequemlichkeit ein und so stand er, verzweifelt am Tor rüttelnd, vor einer unüberwindlichen Hürde.

„Gerd, was machst du denn da? Wie bist du hierher ... Warte, ich komme“, hörte er die Stimme seiner Frau, die vom Hauseingang rief und gelaufen kam.
„Lass gut sein, Sandra, ich schaff das schon“, presste er hervor und rüttelte immer heftiger.
„Das sehe ich“, kam sie ihm zur Hilfe. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du aus dem Krankenhaus kommst? Ich bin deine Frau! Glaubst du, ich hätte dich nicht abgeholt? Und jetzt lass endlich das Tor los, so wird das nix.“
Auf die Krücke gestützt wich er einen halben Schritt zurück und ließ vom Garteneingang ab, der sich mit lautem Quietschen öffnete. Sandra hakte ihn unter.
„Du bist vielleicht ein sturer Hund. Warum lässt du dir nicht helfen?“

Gerd antwortete nicht, trottete neben seiner Frau her. Bei dem Autounfall vor sechs Wochen hatte er auf schmerzhafte Weise erfahren, was alles kaputt gehen kann, während man mit der einen Hand lenkt und sich gerade mit der anderen am Knöchel kratzt. In dieser gebückten Haltung hinter dem Steuer war der Splitterregen auf ihn niedergeprasselt, nachdem sich vom schlingernden Laster auf der Gegenspur ein Stahlträger gelöst hatte. Ein Auge war sofort hinüber und mittlerweile durch einen Silikonkörper ersetzt, der auf den Austausch mit einem Glaseinsatz wartete. Das andere würde weitere Operationen benötigen, bis feststand, ob er es wieder zum Sehen nutzen könnte. Die Knochenbrüche und Hautverletzungen waren da noch das kleinere Übel.

Die Demütigung des wie ein zu tief nach unten gerutscht aussehenden Turbans im Krankenhaus hatte er geduldig ertragen, war dieser zum Glück mittlerweile einem wesentlich leichteren Verband über beiden Augen gewichen. Auch an die ihn stets umgebende Dunkelheit hatte er sich schon ein wenig gewöhnt, doch die ständigen Hilfsangebote nagten an seinem Selbstvertrauen. Kaum eine Sache, die er versuchte, ohne dass eine gutmeinende Seele herbei sprang. Im Hintergrund des ‚Lassen Sie, ich mach das‘ schwang immer ein ‚Sie armer Kerl‘ mit. Obwohl dieser Nachsatz nie ausgesprochen wurde, hallte er in seinem Kopf wie ein Echo hin und her, das unfähig war, ein enges Tal zu verlassen. Mitleid war ein scharfes Schwert, zumindest für ihn, dem es pausenlos zuteil wurde. Es machte den Menschen Gerd Hofmann klein und unselbständig, entwertete ihn als Individuum. Die Bilanz seines Selbstwertgefühls wies zum Ende der Zeit im Krankenhaus eine siebenstellige, fettrote Ziffer unter dem Buchhalterhaken aus. Allein deshalb hatte er Sandra nicht angerufen, sondern sich ein Taxi bestellt, das ihn vor dem Gartentor abgesetzt hatte.

„Ich mach dir erst mal einen Kaffee, was meinst du?“
„Sandra, bitte, ich melde mich, wenn ich was will. Was gab es denn an Post, während ich weg war?“
„Reichlich, aber glaub nicht, dass ich dir anbiete, sie zu holen.“
„Warum nicht?“
„Erstens, weil du sie nicht lesen kannst und zweitens, weil du sowieso jedes Angebot ablehnst, das ich dir mache.“
„Hast du eine Ahnung, auch nur im Ansatz eine Ahnung, was ich durchmache?“
„Würde mir das helfen? Gerd, wir müssen es neu schaffen, soviel steht fest. Wir! Verstehst du? Wir, Gerd. Nicht ich, nicht du. Wir! Beide müssen wir uns neu zurechtfinden und Rebecca natürlich auch. Und ich weiß, dass es geht, wir haben es schließlich schon mal geschafft. Du weißt, was ich meine. Davon abgesehen hab ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dein zweites Auge wieder intakt sein wird.“
Sandra setzte sich und griff seine Hand.
„Glaubst du selbst daran?“
Er schwieg.

„Hallo Gerd, schön, dass du wieder daheim bist.“
„Rebecca, mein Schatz, komm her und lass dich drücken.“
Sandras Tochter aus erster Ehe trat in die Küche und ging zu ihm hinüber.
„Mama hat gesagt, wir alle müssen uns neu zurechtfinden. Warum müssen wir das? Und wie soll ich das tun?“
„Du weißt, vielleicht bleibt mir noch das eine Auge, vielleicht auch nicht. So oder so werde ich viele Dinge ganz neu lernen müssen. Und dazu brauche ich eure Hilfe.“
„Mama hat gerade gesagt, dass du die sowieso nicht annimmst. Warum tust du das nicht, sagst aber jetzt, dass du Hilfe brauchst?“
Gerd Hofmann fühlte sich entwaffnet. Der Auseinandersetzung mit seiner neuen Situation war er aus einer Mischung von Furcht vor Veränderung und um ihn tosendem Selbstmitleid ausgewichen. Rebecca sprach seinen inneren Konflikt offen aus. Er war verblüfft, fühlte jedoch die Pflicht, ihr zu antworten.
„Ich hab im Krankenhaus verlernt, Dinge selbständig zu tun. Immer, wenn ich etwas anfange, kommt jemand und nimmt es mir ab. Deswegen hab ich mir auch das Taxi genommen und wollte es auf eigene Faust nach Hause schaffen“, sagte er verlegen.
„Du bist hier. Das ist doch toll. Ein guter Anfang.“
„Ach was, am Gartentor bin ich gescheitert.“
„Mach dir nix draus, Gerd, es ist gut, wenn man erkennt, dass es Grenzen gibt.“
„Du haust heute ja wieder Weisheiten raus?“
„Klar, was hast du erwartet? Ich bin schließlich schon elf!“
„Natürlich, wie konnte ich das vergessen.“
„Sag mal, was hast du denn jetzt vor, Gerd?“ Sandra mischte sich wieder ins Gespräch. „Die Post kannst du nicht lesen, Kaffee willst du nicht.“
Doch Rebecca gab ihm gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Sie nahm ihn bei der Hand, drehte sich zu ihrer Mutter und sagte: „Ihr könnt nachher weiterstreiten, wir gehen jetzt erst einmal raus in den Garten. Ich will Gerd was zeigen.“
Widerwillig ließ er sich von ihr ziehen. Auf der Stufe nach der Haustür kam er ins Straucheln, konnte sich gerade noch auffangen.
„Mensch, renn doch nicht so, mich hätte es fast geschmissen“, schnaufte er.
„Du wirst dir bald merken, dass da die Stufe ist. Komm, noch ein paar Meter.“
Plötzlich blieben sie stehen, drehten sich nach rechts und dem harten Boden des Weges folgte ein weicher, federnder Untergrund.
„Setz dich.“
„Hier, auf den Rasen?“
„Ja, auf den Rasen. Fühl das Gras.“
Mit der Hand strich er über die Wiese, die Halme kitzelten an den Fingern. Gras ist grün, dachte er. Wie erklärt man eigentlich Farben?
„Grünes Gras“, murmelte er gedankenverloren.
„Ich weiß. Wie schwitzige Hände.“
„Schwitzige Hände? Warum sollten die grün sein?“
„Sie sind leicht feucht, wenn man sich eine Weile im Gras aufgestützt hat. Also sind schwitzige Hände auch grün.“
„Das nenn ich eine Logik. War es das, was du mir zeigen wolltest?“
„Nein. Die Rosen blühen.“
Sie griff eine der Blumen, zog sie zu sich hin und sog den Duft tief in die Nase.
Gerd hörte es und wollte es ihr gleichtun. Er griff ins Leere, ruderte mit den Armen und hatte schließlich einen Zufallstreffer, allerdings einen schmerzhaften.
„Autsch“, schrie er kurz auf und lutschte sich den Finger. „Das war wohl nix. Warum treffe ich bloß wieder nur die Dornen?“
„Weil du blind drauflos packst, statt es langsam zu machen.“
Im zweiten Versuch tastete er sich sachte vorwärts, erwischte einen Stängel und fuhr langsam an ihm hoch, umrundete vorsichtig mit den Fingern die Dornen. Bei der Blüte angekommen, fühlte er von unten her den Kelch aus Blättern. Weich waren sie, fest zugleich. Mit der Hand formte er eine Kuhle, ertastete die Außenränder der Rose. Zwischen Daumen und Zeigefinger fühlte er danach die einzelnen Blättchen.
„Welche Farbe die Blüten wohl haben?“
Rebecca schwieg einen Moment.
„Welche hättest du denn gern?“
„Jedenfalls nicht grün wie schwitzige Hände. Vielleicht rot, oder orange. Weiß wäre auch nicht schlecht.“
„Denk dir einfach was Passendes dazu. Ist die Farbe wichtig?“
„Nein, eigentlich nicht, da hast du recht.“
„Du, Gerd, du hast doch gesagt, dass du viele Dinge neu lernen musst.“
„Ja, sicher. Zum Beispiel, dass da vorne die Stufe ist, über die ich fast gefallen wäre.“
„Ganz wichtig ist, dass du dir keinen Spiegel kaufst!“
„Dass ich mir keinen Spiegel kaufe?“
„Ja, das hab ich aus der Schule. Wenn man Sinnloses tut, dann ist das so, als ob man einem Blinden einen Spiegel verkauft. Deshalb ist wichtig, dass der Blinde aufpasst und sich erst gar keinen andrehen lässt.“
„Du hast aber heute wieder Sachen drauf.“
„Ich hab noch viel mehr ... wirst sehen!“
Rebecca stand auf, griff in die Seitentasche ihrer Hose, holte den weißen Stock heraus, klappte ihn auseinander und ging vom Rasen zurück auf den asphaltierten Gartenweg.
„Du musst lernen, das Ding hier zu benutzen“, sagte sie und tippte ein paar Mal mit dem metallischen Ende auf den Boden. Es ist gar nicht so schwer, ich hab es auch schnell gelernt. Komm!“
An ihrer Hand führte sie Gerd den Weg hinunter, öffnete das Gartentor und sie traten hinaus auf die Straße.
„Wie hast du das Tor aufbekommen?“
„Alter Indianertrick. Reparier das Ding bloß nicht, sonst bin ich aufgeschmissen!“
„Keine Sorge.“
Das erste Mal seit Wochen konnte er wieder lächeln.

Letzte Aktualisierung: 25.12.2008 - 23.23 Uhr
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