Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2008
Der Weihnachtsengel
von Hajo Nitschke

“… und Finsternis war auf der Fläche der Tiefe.“
Mitternacht hat ihre Düsterschatten wie undurchdringliches Gehölz über das Land ausgebreitet. Für Agnes ist es kein schützendes Dickicht, sondern das Grauen eines Abschieds. Der Tod einer unzerbrechlich geglaubten Liebe.
“Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser.“
Keine halbe Stunde mehr bis zu ihrer Ausfahrt. Leer die Autobahn, selten nur geisterhafte Leuchtfinger, die aus der Nacht heraustasten, wieder in ihr verschwinden. Die eigenen Scheinwerfer schaufeln seit Stunden die dunklen Wände zur Seite, malen ein gleißendes Lichtband in die verweinten Augen. In der rollenden Schwärze wartet Agnes darauf, dass sich der Schmerz legt. Vergeblich. Es ist aus, er hat eine Andere.

Die Ansage hat die ersten Teile der „Schöpfung“ angekündigt. Als Ouvertüre die „Vorstellung des Chaos“, wie bestellt, die Konfusion ihres kummervollen Herzens zu nähren. Dann der Chor. Leise, fast unhörbar, kriechen Sänger und Instrumente durch den Escort, machen es den Ohren schwer. Agnes pegelt die Lautstärke des Autoradios höher. Trotzdem muss sie sich zu den Tönen hinunterbeugen, die mehr zu ahnen als zu hören sind. “Und Gott sprach: ‚Es werde Licht!’“
Ob die Lautsprecher defekt sind? Die Worte entschweben unter die Fußmatte. Sie dreht den Regler auf Maximum. “Und es ward

L i i i c h t !!!“


- - -

Agnes muss sich von der Erinnerung losreißen. Und nicht zum ersten Mal fasst sie jenes Geschehen zu einem dürftigen Satz zusammen: „Ach, du weißt doch, ich hatte damals diesen Unfall, Rafi.“
„Und da hast du Papi kennen gelernt?“
„Ja, mein Spatz. Aber du kennst das doch schon!“
„Oh bitte, Mami, erzähl es mir noch einmal!“
Erwartungsvoll klettern glänzende Kinderaugen auf ihre Lippen, machen sich in ihrer Seele breit.

Sie standen heute am Spätnachmittag vor der riesigen Figur des Weihnachtsengels. Agnes hatte nach ihrem Besuch beim Kinderarzt schnell noch eine Salbe in der Marktapotheke gekauft, und nun ließ sie die vorweihnachtliche Dämmerstimmung auf sich wirken. Rafis Hand in ihrer. Im leichten Wind flackerte die große Kerze in der Engelhand. Das von den Büdchen herüberstrahlende Licht malte Aureolen um Glitterhaar und Gewand des Engels. Die großen, goldenen Flügel leuchteten im Schein der Marktlaterne. Es duftete nach Advent. Das Mantra der Weihnachtslieder überzuckerte den Platz und schuf eine geheimnisvolle Feststimmung in den Kinderherzen. Verwandelte den großen Engel in ein wunderbares Lebewesen. Und mit der Weisheit seines gerade vollendeten sechsten Lebensjahres verkündete Rafael den Umstehenden, sein Papi sei im früheren Beruf selber so ein Weihnachtsengel gewesen. Agnes – oder, wie man in Köln sagt, et Nies – begnügte sich reihum mit einem Augenzwinkern.

„Fang endlich an, Mami!“
Agnes kann nicht beginnen, ohne an jenen schweren Unfall zurück zu denken.

- - -

Sie hat die „Schöpfung“ noch nie zuvor gehört und deshalb ahnungslos die Lautstärke voll aufgedreht. Wie ein Blitz schlägt deshalb das „Liiicht!!!“ ein. Im Bruchteil einer Sekunde zuckt wie aus dem Nichts ein doppeltes Subito-Forte hoch. Zertrümmert mit Vokal und ohrenzerfetzenden Streicherläufen in schmerzhaft übersteuerter Lautstärke das gespenstische Wispern. Erschrocken verreißt sie das Lenkrad. Der Escort gerät ins Schlingern und kracht gegen die Leitplanken. Schleudert von dort nach rechts auf die Böschung und gegen einen Baum. Filmriss.

Sie kommt erst im Krankenhaus wieder zu sich. Das stundenlang dahinsausende Dunkel an der Fahrbahn ist einer stehenden Finsternis gewichen. Man sagt ihr, ein Unbekannter habe den Unfall gemeldet und Hilfe geleistet, um dann wieder zu verschwinden. Agnes hat nicht nur Knochenbrüche und andere Verletzungen erlitten, sondern auch ihre Sehkraft eingebüßt. So bettet sie sich in den nächsten Monaten mit zerschundenem Körper und gebrochenem Herzen in einen schwarzen Trauerflor. Will sich blind – wie wahr! – ihrem Schicksal ergeben. Bis – ja, bis plötzlich eine Stimme an ihrem mutlosen Krankenlager Platz nimmt. ‚Guten Tag, Frau Schneider …’

- - -

„Mami …!“
„Ja, mein Kleiner. Ich lag also so rum, dort im Krankenhaus. – Aber jetzt leg dich auch schon mal hin, ja? Ich mach die Lampe aus, du hast vom Flur noch etwas Licht, siehst du?“
„Wo ist die neue Salbe?“
„Hier. Das machen wir gleich.“
„Aber erst die Geschichte, ja?“
„Na schön. – ‚Guten Tag, Frau Schneider, mein Name ist Johann Gabriel!’, sagte eines Tages jemand zu mir.“

- - -

Ihre Augen sind noch verbunden, so dass sie ihn nicht sehen kann. Lange war es dunkel um sie gewesen. Oh, diese entsetzliche Dunkelheit! Nicht illuminiert wie auf dem Weihnachtsmarkt oder selbst noch auf der nächtlichen Autobahn. Dort hatte es wenigstens noch gelegentlich wie von fernen Leuchttürmen aufgeblinkt, um einen größer werdenden matten Schein zu ihr zu senden und dessen Spuren in ihren Augen zu hinterlassen. Verweht, diese Spuren, ausgelöscht. Kein Restlicht. Es ist auch nicht die anheimelnde Abendstimmung wie hier im schummrigen Kinderzimmer. Kein adventliches Warten auf das Christkind. Blind, verloren, verlassen. Kein Retter ist nah. Nein, es ist eine ganz neue Dunkelheit, verstärkt durch eine jäh zerstörte Liebe und weggebrochene Welt. Ausgeschlossen. Vierundzwanzig Stunden täglich Nacht. Eine Nacht der Verzweiflung. Dämonen der Furcht stehen wie Vogelscheuchen Spalier. Und obgleich man nichts sieht, sieht man genug. Von allen Seiten nähern sich grinsende Fratzen. – Dann plötzlich eine warme, angenehme Stimme, deren Klang ihre Wunden wie eine Melodie aus Balsam umhüllt. Und die seltsam vertraut klingt.

Dieser Herr Gabriel behauptet im Ergebnis einer langen Rede, er sei eigentlich ein Engel. Ein Friedhofsengel. Seit langem habe er auf Kölns Melatenfriedhof gestanden, jedenfalls tagsüber. Nachts im Dunkeln sei er über die Mauer geflogen und habe als Schutzengel in der Großstadt Köln Dienste getan. Sie werde dies natürlich nicht glauben, aber es sei wahr. Seit Agnes dort das Grab ihrer Großmutter versorge, habe er sich in die junge Frau verliebt. Nachts habe er ihren Schlaf bewacht. Ihre Albträume verscheucht. Ihr bei Krankheit Linderung gebracht, so dass sie morgens erholt aufstehen konnte. Seine Liebe sei immer stärker geworden, jetzt sei es für ihn zu spät. Er habe sein Engelherz rettungslos verloren. Die Trauer über ihre zerbrochene Beziehung sei ihm bekannt. Aber er, Johann Gabriel, werde das Glück in ihr Leben zurückbringen. Er habe den Unfall nicht verhindern können, da er nur für die Stadt eingeteilt gewesen sei. Als er von dort aus sehen musste, wie sein, für die Autobahn zuständiger, überlasteter Kollege anderweitig beschäftigt war, habe er unter Missachtung seines Dienstplanes noch eingreifen wollen. Leider zu spät. Aber er sei dieser Unbekannte gewesen, der ihr auf der einsamen Autobahn das Leben gerettet habe. Und seither habe er jede Nacht seine Hände auf ihre Augen gelegt. Sie werde wieder sehen können.

Von nun an besucht sie dieser sonderbare Kauz täglich. Sie beginnt sich an ihn zu gewöhnen, ja, wartet bald sehnsüchtig auf seine Nähe. Voll Ungeduld und mit Herzklopfen. Gewinnt neue Zuversicht. Als der Verband abgenommen wird, sie sich an die Helligkeit gewöhnt und ihren Besucher am Bett sitzen sieht, weint sie. Weint vor Freude und umarmt den angeblichen ehemaligen Engel. Sie schauen sich an, schmiegen die Blicke ineinander, bis jeder sich selber in den Augen des anderen widerspiegelt. Die Welt versinkt, sie spüren ihre Herzen wie ein einziges im gleichen Takt schlagen. „Agnes Schneider, willst du meine Frau werden?“ Sie will.

Johann findet Anstellung in einem theologischen Verlag. Er sei da näher an seinem früheren Auftraggeber, deutet er an. Agnes Gabriel hat sich an diese Späße längst gewöhnt. Tut so, als sei es das Selbstverständlichste, mit einem ehemaligen Schutzengel verheiratet zu sein. Sie kriegt zwar nichts über sein vorheriges Leben heraus, lässt es aber auf sich beruhen. Gibt er ihr zu bedenken, dass er von der Pflege des großmütterlichen Grabes wusste, ist dies für sie leicht zu erklären. Vermutlich sei er selber Friedhofsbesucher gewesen und habe sie dort gesehen. Ob sie denn nun nachts gar keinen Schutzengel mehr habe, fragt sie dann. Und überhaupt: „Wo sind deine Flügel geblieben?“
„Engel, die sich in eine Menschentochter verlieben und bei ihr bleiben, verlieren die Unsterblichkeit und auch ihre Flügel.“
Agnes lächelt nur. Und lacht lauthals, als zufällig von einem auf Melaten gestohlenen Marmorengel berichtet wird. Selbst Johann kann da nicht mehr ernst bleiben.

Anfang Dezember 2002 kommt Rafael zur Welt, ihr Sonnenschein. Der Sonnenschein hat sich, inzwischen müde geworden, bäuchlings in sein Laken gekuschelt, den Teddy im Arm.
„Mami, ich weiß genau, dass Papi ein Weihnachtsengel war“, behauptet er, sich bereits willig den schmeichelnden Armen des Sandmännchens anvertrauend. Agnes erinnert sich, wie Johann den Kleinen kürzlich beiseite nahm. Er müsse jetzt mal von Mann zu Mann mit ihm reden. Die Wahrheit sei nämlich, dass er, Papi, früher als Engelstatue auf Melaten gestanden und nachts die Menschen beschützt habe, auch die Mama. Und so weiter und so fort. Rafael bekam große Augen. Für einen Sechsjährigen besteht kein Anlass, am Wort seines Vaters zu zweifeln.
„Nun treib’s nicht zu doll, Johann Gabriel!“, rief Agnes lachend aus. Aber es war zu spät. Für Rafael war es zur unumstößlichen Gewissheit geworden.

- - -

In diesem Moment erledigt der Sandmann endgültig seine Arbeit.
„Jetzt schlaf schön, mein Spatz. Wenn Papa kommt, erzähl ich ihm, dass wir beim Onkel Doktor waren und wie prima du in Schuss bist. Und dein Rücken auch. Komm, ich tu da jetzt die Salbe drauf. Schlaf schön. Heute Nacht kommt der Weihnachtsengel zu dir geflogen, ganz leise, leise. Und der pustet, und dann sind sie weg, die beiden Beulen.“
Sanft streicht Agnes über die kleinen Knochenwülste, die ihr seit kurzem Rätsel aufgeben. Wo mag der Junge sich so gestoßen haben? Gleich zweimal, genau auf jedem Schulterblatt.

Letzte Aktualisierung: 17.12.2008 - 15.57 Uhr
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