Bitte lächeln!
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Dezember 2008
Riccardo
von Patricia Radda

Also, ich weiß ja nicht, was das soll. Ich gebe mir mehr Mühe in der Schule, lese viel. Irgendwas ist in meinem Kopf. Ich werde ruhiger, ausgeglichener vielleicht. Oft rede ich tagelang nicht. Oft denke ich: Okay, ein Jahr, das schaffst du. Dann gibt es Tage, an denen ich nach wie vor alle hasse. Die Betreuer, die Mitschüler, oh, und ganz besonders sie: Ich weiß nicht, wer sie ist, so eine Büroangestellte. Sekretärin von der Sekretärin oder so.

Jedenfalls ist sie wunderschön. Ich steh jeden Abend wie ein dämlicher Esel am Zaun. Sie geht vorbei und ich sehe sie: Zuerst von vorn, dann geht sie ganz dicht an mir vorbei, und dann sehe ich sie von hinten. Sie geht die ganze Straße entlang und dann, na ja, biegt sie ab; weil die Straße einen Knick macht. Das ist der Höhepunkt des Tages. Meine Füße wissen, wann sie nach Hause geht, und gehen zum Zaun. Ich mein´s ernst, das ist wie bei so einem Roboter. Oder einem irren Magneten. Ich weiß einfach, wann sie da ist.

Natürlich bin ich nicht der Einzige, der die Bürotussi entdeckt hat. Ein paar schmierige Typen von meinem Stockwerk, die stehen ab halb drei beim Zaun, weil sie nicht meine instinktiven Füße haben. Die machen eklige Witze. Über sie und mich. Weil ich nie mit irgendwelchen Mädchen, ach Scheiß drauf, ich hab keine Lust.
Wenn sie mich kennen würde, würde sie mich wollen. Aber sie sieht niemanden. Hat immer einen introvertierten Ausdruck im Gesicht. Ich schwör dir, die ist nicht von dieser Welt. Oder: Sie hält sich nicht oft in dieser Welt auf.

An jenem Tag prasselten die dreckigen Witze auf mich ein. Ein Typ stand hinter mir und machte komische Bewegungen. Oh, verdammte Scheiße! Ich ballte meine Faust und schlug praktisch im Umdrehen zu. Blöd. Es war Daos Bauch. Keine Ahnung warum der Typ so heißt. Auf jeden Fall stürzten sich drei seiner Leute auf mich. Als ich wieder aufwachte, lag ich im Bett, so wie die drei Wochen darauf. Ein Arzt kam zu mir, sagte was von Muskeln und Nerven und dass es nicht heilbar sei. Ich hab ihm nicht zugehört! Das, was er meinte, sehe ich heute noch. Meine rechte Hand zuckt und wackelt einfach so vor sich hin. Gegen die Medikamente bin ich allergisch, stellte sich heraus.

Na, jedenfalls, deswegen hasse ich sie. Mein sechster Fluchtplan klappt nicht ohne ruhige Hand. Wie gesagt, ich suche nach anderen Möglichkeiten, finde mich an manchen Tagen damit ab. Ist ja ein nettes Heim, warum sollte ich hier wegwollen? Ich lebe also vor mich hin, kann mit der Hand trotzdem noch zuschlagen. Und plötzlich, eines regnerischen Tages, gelingt es mir einfach.

Der erste Tag in Freiheit verläuft wunschgemäß. Ich besuche meine Großmutter, und Überraschung: bei ihr wohnt jetzt meine kleine Schwester Ines. Wir essen gemeinsam, ich versichere ihnen, dass ich nur einmal „Hallo“ sagen wollte und jetzt gleich wieder brav zurück ins Heim gehe. Nach fünf Tagen auf der Straße finde ich meine Mutter. Ich weiß nicht, ob ich nach ihr gesucht habe: Aber sie ist da.
Sie ist voll zu, von billigen Medikamenten und Alkohol. Sie schleppt mich irgendwohin. Nach ein paar Tequila beruhigt sie sich und redet mehr mit mir, als in meinem ganzen Leben zuvor; dafür bin ich ziemlich still und betrunken. Sie sagt, dass ich damals von ihr wegmusste, um gut zu werden. Sie schenkt etwas aus einer dunklen Flasche ein und redet immer weiter. Es soll gut werden zwischen uns. Als sie klar denken kann, kann ich nicht mehr aufrecht sitzen.

Ich wache auf einer stinkigen Matratze auf.
Später Nachmittag. Kopfweh. Meine Mutter auf dem Schoß von irgendwem. Sie trägt durchsichtige Spitzenunterwäsche. Das ist voll seltsam. Sie schreit mich an. Weint. Schmeißt mich aus der Wohnung. Ich gehe. Stinkiger Flur. Jemand drückt mir eine Flasche in die Hand. Ich trinke, obwohl mein Kopf schreit, dass ich´s nicht tun soll. Ich gehe weiter, finde nach draußen, übergebe mich. Gelbe Blumen. Im Winter? Mit der Flasche in der Hand stolpere ich weiter. Es wird langsam dunkel.

Dann sind da Lichter. Irgendetwas drückt mich gegen etwas anderes. Das tut furchtbar weh. Ich falle. Dann tut es noch stärker weh. Alles schwarz.

Als ich wieder zu mir komme, ist es dunkel. Richtig dunkel. Ich sehe nichts. Ich höre nichts. Es ist wirklich kalt. Scheiß Winter. Es dauerte lange, aber jetzt höre ich was. Ich versuche, mich zu bewegen, aber es funktioniert nicht so, wie ich will. Ich höre Stöckelschuhe, die auf den Asphalt schlagen. Ich versuche, etwas zu sagen, aber es kommt nur ein Schmerzenslaut aus meinem Mund. Die Stöckelschuhe verstummen. „Hallo?“, ruft eine ängstliche Stimme. „Hilfsdumir?“, lalle ich zurück.

Ich höre oben am Loch eine Bewegung, sehe einen Schatten.
„Ähm … sind Sie verletzt?“, stottert sie leise. „Nein … nein, ich lieg gern da herum … war voll geplant.“ Der Schatten verschwindet. Ich höre, wie sie in ihrer Tasche kramt.
„Wie sind Sie denn da runtergekommen?“, fragt sie nebenbei.
„Straße, Auto, Graben.“ Ich fasse mich kurz.
„Aha. Und die Absperrung …?“ Vielleicht zieht sie jetzt die Augenbrauen hoch.
„Die ist hier unten bei mir. Liegt man gut drauf.“ Sie schaltet ihr Handy ein.
„Okay. Ich rufe jetzt die Rettung, die werden Sie dann gleich …“, fängt sie an.
„Nein. Ich kann nicht ins Krankenhaus. Die bringen mich zurück …“, fange ich an.
„Knast?“, stellt sie seelenruhig fest.
„Heim für schwererziehbare Idioten. Ich bin da weg, ich kann auch aus einem Krankenhaus weg …“ Ich brumme vor mich hin, glaub nicht, dass sie was verstanden hat. Sie sagt noch etwas von einem Freund, der Krankenwagen fährt, gerade Dienst hat, und ruft ihn an.

Ihr Freund braucht keine fünf Minuten hierher. Er heißt Tom und holt mich aus dem Graben. Sie hält sich im Hintergrund, für einen Moment glaube ich, sie zu kennen. Sie schließt kurz die Augen - ich muss schrecklich aussehen. „Tut mir ja leid, aber das muss genäht werden. Ich bring dich ins Krankenhaus“, sagt Tom. Scheiße, schreit es in mir. Aber was kann ich jetzt tun?

„Chrissy, steig ein –komm schon! – du musst mit ihm reden, er darf nicht bewusstlos werden“, sagt Tom zu ihr. Sie flüstert „Ja“ und steigt zu mir nach hinten. Da sehe ich sie endlich. Wow! Meine Bürotussi fischt mich aus dem Graben! Sie ist echt wunderschön. Ein bisschen durchgefroren. Blonde Haare bis zum Hintern, ein Lächeln, das sie normalerweise nur den Göttern zeigt, einen großen Busen und unendlich lange Beine. Sexy, denke ich. Okay, ich schätze, ich hab´s laut gesagt; sie fängt an zu grinsen. Sie redet auf der Fahrt mit mir. An manche Stellen kann ich mich nicht mehr erinnern. An andere genau.

Ich beantworte die Frage nach meinem Namen nicht. „Welches Heim?“, will sie wissen. „Sag ich dir nur, wenn du schwörst, dass du mir hilfst“, flüstere ich. Langsam spüre ich die Schmerzen wieder stärker. „Wie denn?“, fragt sie. „Bitte! Ich werde in den nächsten Tagen viel Hilfe brauchen.“ Sie starrt auf meine zuckende Hand. „Okay. Ich werde es versuchen“, lächelt sie schließlich. Soll ich ihr die Grimasse etwa glauben?
„Du arbeitest in meinem Heim. Als Sekretärin oder so.“ Sie zieht jetzt wirklich die Augenbrauen hoch. „Waaas? Aber ich hab keinen Kontakt zu euch. Woher weißt du das?“ Ich lächle gequält. „Wir lieben dich.“ Ich starre auf ihren Busen, aber sie bemerkt es und ich sehe weg. „Wir beobachten dich hinterm Zaun. Die Andern reden darüber, wie sie dich flachlegen … aber da mach ich nie mit.“ Sie nickt ungläubig. „Klar. Du nicht.“ Tja, ich echt nicht. Ich weiß ja, dass ich mit ihr einmal richtig geilen Sex haben werde. Sie lehnt sich vor, flüstert „Glaub ich dir nicht“ und hält ihre Arme so, dass ihr Busen hervor gedrückt wird. Wow.
So muss ich dreingesehen haben, denn ihre Augenbrauen verschwinden unter ihren Stirnfransen. Sie lächelt herablassend und wissend und wechselt das Thema. Und lehnt sich wieder zurück.
„Wie heißt du?“, versucht sie es nochmal. „Riccardo. Schöner Name, stimmt´s?“, antworte ich sofort. „Ja. Stimmt.“ Jetzt lächelt sie normal. „Und du heißt Chrissy, ja?“, frage ich weiter. Endlich haben meine Träume einen Namen! „Nein. Eigentlich Sophia Christina.“ Wunderschön. Sophia.

„Sophia. Wie alt bist du, Sophia?“ Irgendwas an meinem Tonfall amüsiert sie. „Vierundzwanzig. Und du?“ Sie fragt es nicht, um das Gespräch am Laufen zu halten, sie ist neugierig. Ja. „Sechzehn. Aber das macht nichts.“ Sie starrt auf meine Hand. Als es ihr bewusst wird, sieht sie zum Fenster hinaus.

Ich kann sie einfach so beobachten. Sie dreht sich zu mir und lächelt. „Weißt du was, Riccardo? Ich werde dir helfen. Ich spreche gleich morgen mit der Leiterin und frage sie, was sie zu deinem … Fall sagt.“ Ich lächle sie an. Es muss furchtbar aussehen mit all dem Blut im Gesicht. Ich fühl mich schon besser. Ich meine, checkt das: Ich liege da, blute, zucke mit der Hand und denke an Sex. Es könnte schlechter sein.

Letzte Aktualisierung: 25.12.2008 - 23.25 Uhr
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