Ganz schön bissig ...
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Dezember 2008
Leningrader Straße
von Michael Pick

Vor Nummer vierundzwanzig knickte die Leningrader Straße nach Norden, als wolle sie von dort an nur noch nach Hause. Einem trägen Bach gleich schlängelte sie zwischen den Wohnblöcken. An ihren Ufern verschliefen Autos die beste Zeit des Tages, während die Nacht am dunkelsten war und die Straßenlaternen nur ein zweifelhaftes Licht einwarfen.
Ich suchte nach dem, was nicht in Worte zu begrenzen war. Der Mond hatte sich mit Wolken zugedeckt. Ich wandte den Gesichtern der Häuser den Rücken zu und schlich an ihrer Charakterseite entlang.
Nummer zwei bis Nummer zehn verdunkelte die Nacht, so dass der Schatten, den ich geglaubt hatte zu sehen, sich in ihr auflöste. Nummer zwölf war eine Frau und ich fühlte Erregung sich versteifen. Ich spitzelte durch den Spalt ihrer gelben Gardine. Wie immer um diese Zeit saß sie mit dem Rücken zu mir und kämmte ihr Haar.
Sie redete mit sich selbst, wie ich in dem Schubkastenspiegel entdeckte, der vor ihr auf dem Tisch stand. Ihr Oberkörper war nackt und ich fragte mich, ob sie Gänsehaut hatte. Links und rechts vom Spiegel flackerten Kerzen. Sie legte den Kopf leicht zur Seite und bürstete ihr Haar mit gleichmäßig langsamen Zügen. Über den Spiegel konnte ich ihre Augen sehen.
Sie öffnete die Schublade und legte die Bürste hinein. Dann fuhr sie mit einem Finger die Umrisse des Spiegels entlang, stand auf und die Gardinenspalte war zu Ende.
Ich schlenderte zu Nummer vierzehn. Nummer vierzehn war nur bei milden Temperaturen interessant. Die Wohnung war dunkel, aber nicht so still wie die Nacht. Ich hatte sorgsam vermieden herauszufinden, wer in Nummer vierzehn wohnte. Nummer vierzehn hatte in meinem Kopf jede Nacht andere Gesichter, wenn sie miteinander Liebe machten. Nummer vierzehn stöhnte, keuchte und grunzte seine Leidenschaft in die Nacht. Manchmal flüsterten sie, wenn der Vorhang gefallen war, bis sie darüber einschliefen.
Einige Schritte weiter wohnte Nummer achtzehn und allein der Gedanke an ihn kniff meine Augen zu schmalen Mandeln. Nummer achtzehn war Kraftfahrer, alleinstehend, behaart, immer die Hemdsärmel bis über den Ellenbogen aufgerollt. Auf brauner Haut krauste dunkle Wolle. Ich mochte Nummer achtzehn nicht, doch er kam zwangsläufig zwischen Nummer sechszehn und zwanzig.
Heute Nacht spiegelte sich das Fernsehbild in Nummer achtzehn an der Wand, statt in seinen Augen. So wie ein kleines Kind sich zunächst darüber freut, wenn die Lokomotive der Spielzeugeisenbahn aus den Schienen springt, spürte ich den Reiz des Fremden bei dem Fehlen von Nummer achtzehn. Doch dem Augenblick der Freude drängten erste Zweifel nach dem Grund hernach.
Und Angst. Bei all meinen Ausflügen gab es eine Angst, die die Sucht der Neugierde bisher nicht besiegen konnte. Die Furcht davor, dass die Neugierde öffentlich hingerichtet würde und davor, dass ich nicht mehr weitersuchen durfte, bevor ich etwas gefunden hatte.
Dann brach Nummer achtzehn den Schimmer des Fernsehbildes. Das blaue Licht zeigte auf das Hemd, das nicht mehr in der geöffneten Hose steckte, auf das Haar, das von einem Orkan verwüstet schien, und den Arm, auf denen rote Fingerkuppen gedrückt waren. Nummer achtzehns Augen suchten nach etwas und in seiner Hand lag ein Messer, so breit wie mein Hals. Ich duckte mich unter das Fensterbrett. Nummer achtzehn sah nicht danach aus, als suche er Zeugen.
Noch zu Nummer zweiundzwanzig und dann war die Suche für heute beendet. Auf zweiundzwanzig hätte ich nie verzichten können, sie war die zweite Umdrehung beim Abschließen. Zweiundzwanzig ließ die Gedanken, mit denen ihr Zimmer angefüllt war, bei geöffnetem Fenster hinaus in die Nacht. Ihr Nachthemd schmiegte sich an ihren jungen Körper, während sie an ihrem Schreibtisch saß und ganze Bücher mit Worten füllte.
Sie besuchte meine Parallelklasse und hieß Nina und überhaupt. Ich konnte vor ihrem Fenster ganz still sitzen und sie beobachten. Manchmal wünschte ich, sie würde mich bemerken und fragen, ob ich eines ihrer Bücher lesen wollte. Ich saß mit ihr zusammen, bis sie das Licht löschte.
Ninas Zimmer war hell, aber leer. Auf dem Schreibtisch Füllhalter und aufgeschlagenes Buch, die Tür mit aufgerissenem Rachen. Bei alledem fiel mir Nummer achtzehn ein, die offene Hose, das Hemd derrangiert, rotblutige Abdrücke an den Armen, wenn er Nina etwas ...
Die Sorge um Nina betäubte mein Gehirn. Die Nacht floh vor mir, als ich zurück zu achtzehn lief. Etwa auf der Höhe von zwanzig lief ich auf. Eisiger Stahl griff nach meinem Herzen, die Welt begann sich nur noch um mich zu drehen, bis ich auf dem Boden auftraf. Ein Körper fiel über den meinen und von der Nacht blieben nur Sterne.
„Nina“, fantasierte ich und als die Dunkelheit mit „ja“ antwortete, glaubte ich zu träumen. Die Süße ihrer Stimme schmeckte nach reifen Bananen; der Duft ihres nahen Körpers nahm mir Atem und Verstand.
Ich fühlte ihr Bein in meiner Hand und wusste sicher, dass ich endlich etwas gefunden hatte.

Letzte Aktualisierung: 10.12.2008 - 00.00 Uhr
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