Honigfalter
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Dezember 2008
Kein Blick zurück
von Sigrid Jesner

Nie wieder gehe ich dorthin zurück.
Ein Blick zurück und es ist ein Blick zu viel.
Nie wieder werde ich diesen Duft riechen, nach wildem Jasmin.
Ich renne durch das hohe Gras. Ich war so glücklich, dort.
Doch was das Schicksal für jeden von uns bereithält,
es ist nicht änderbar. Es steht fest, von Anbeginn.
Schon vor der Geburt sind alle Weichen gestellt.
Wie sonderbar sich das Leben verhält.
In jeder Fügung steht ein Sinn,
auch wenn wir den Grund dafür, niemals verstehen.

Ich bin erwacht.
Seltsam, ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich hingelegt habe.
Ich muss fest geschlafen haben.
Warum ist es so dunkel? Ich kann nichts sehen.
Mein Blick sucht die Anzeige meines Radioweckers und weshalb wirft
die Laterne vor meinem Schlafzimmerfenster keine Schatten an die Wand?
Ich zittere, es ist so kalt.
Es ist doch Frühling. Die Krokusse und Vergissmeinnicht in
meinem Garten sind schon fast verblüht.
Die Kälte macht mich steif und ich kann mich nicht bewegen.
Ich bin so unsagbar müde. Ich schlafe wieder ein.

Das Licht scheint hell.
Ich bin wieder aufgewacht. Meine Augenlieder sind schwer.
Sie lassen sich nur langsam öffnen, ich blinzle.
Es muss Tag sein.
Ich höre Stimmen, sie sagen meinen Namen.
Es wird geflüstert, … jemand weint.
Meine Augen haben sich an das Licht gewöhnt und
ich sehe viele Menschen.
Sie sind alle schwarz gekleidet.

Dort vorne sitzt meine Frau.
Ihre Augen sind rot, auch sie scheint geweint zu haben.
Ich will ihr zurufen, aber meine Lippen bewegen sich nicht.
Meine geliebte Frau, hörst du mich denn nicht?
So viele Jahre haben wir zusammen verbracht.
Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem wir uns kennenlernten?
Es war ein heißer Tag im Juli.
Ich kam aus der Stadt, in der es nach dem Krieg keine Arbeit
gab. Ich lief von einem Bauernhof zum anderen und fragte nach
einer Anstellung. Dann kam ich zu deinem Vater. Er mochte mich
und ich konnte bleiben. Du standest in der Küche und bereitetest
das Mittagessen zu. Dein, zu einem langen Zopf gebundenes,
blondes Haar war zerzaust und Schweiß stand dir im Gesicht.
Aber ich habe mich sofort in dich verliebt. Du warst wunderschön,
in deinem grauen Kittel, mit der grün geblümten Schürze.
So viel haben wir zusammen erlebt. Zwei Kinder haben wir großgezogen.
Wir hatten viel Arbeit auf dem Hof deines Vaters, der nach seinem Tod,
meiner wurde. Aber wir haben das Lachen nie verlernt.
Wir haben immer zusammen gelacht.





Ich höre eine Stimme.
Sie sagt: … und deshalb werden wir ihn nie vergessen. Er hat in
selbstloser Stärke, seine Familie zusammengehalten, auch in Zeiten …
Über wen redet der Mann? Meint er mich?
Ich denke über das Gesprochene nach.
Neben meiner Frau sitzt meine Tochter.
Sie hat das Aussehen meiner Frau, in jungen Jahren.
Neben ihr ist ein Platz frei; ihre Tochter, meine Enkelin ... fehlt; unehelich.
Seitdem habe ich nicht mehr mit ihr gesprochen.
Habe ich mich verhört?
Vielleicht sagte der Redner auch: … in selbstloser Härte… .
Ich muss leider gestehen, dass würde eher zutreffen.
Die Erkenntnis darüber trifft mich wie ein Schlag.
Wieso sehe ich mein Leben plötzlich aus einem ganz anderen Blickwinkel?
Warum stelle ich mich infrage, bei Entscheidungen, deren ich mir so sicher war?
Ich habe nur das Beste für sie gewollt.
Sie sollte einen soliden Beruf erlernen, aber sie musste ja unbedingt studieren.
Sie war weit weg, zu weit.
In der Großstadt hatte ich keine Kontrolle über sie.
Ich wollte nur das Beste für dich, hörst du mich,
ich wollte deine Liebe, deine Dankbarkeit.
Ich wollte dich beschützen.

Der Raum ist überfüllt. Alle schauen mich an.
Ich will ihnen zuwinken, aber mein Arm hebt sich nicht.
Am anderen Ende des Raumes, hinter der letzten Stuhlreihe
steht mein Sohn. Er trägt einen dunklen Anzug und seine Haare
haben dieselbe Schwärze, wie meine vor vielen Jahren.
Er sieht nachdenklich aus.
Trotz Meinungsverschiedenheiten haben wir uns immer wieder
zusammengerauft. Er hat den Hof schon vor Jahren übernommen
und obwohl ich von den vielen Neuerungen nicht viel hielt, hat er
sich bewährt und mich mit Stolz erfüllt.
Vor ihm sitzen seine Frau und deren Kinder.
Meine Enkelin schnäuzt ins Taschentuch.
Sie sieht meiner Tochter nicht ähnlich, aber ich habe sie sehr verwöhnt.
Ich wollte alles richtig machen.
Einmal wollte ich alles richtig machen.

Sie stehen alle auf.
Meine Familie kommt langsam auf mich zu.
Meine Frau, eingerahmt von den Kindern und Enkelkindern, muss
gestützt werden. Sie sieht so schwach und zerbrechlich aus.
Wenn ich den Arm bewegen würde, könnte ich sie berühren.
Ich sehe die Tränen in ihren Augen.
Weine nicht, will ich sagen: Weint nicht, mir geht es gut.
Sie legen mir einen Strauß Blumen in die Hand. Wilder Jasmin.
Deren Duft habe ich immer geliebt.
Der ganze Hof ist eingesäumt, von diesen Blumen.
Überall, wo das Land sich selbst überlassen ist, sprießt es hervor
und verbreiten seinen blumigen, nach Honig riechenden, süßen Duft.










… er sieht aus, als ob er jeden Moment die Augen öffnet ...,
höre ich jemand sagen.
Sie stehen vor mir, in einer langen Schlange und verabschieden
sich.
Wo gehen sie denn alle hin?

Es wird dunkel. Ich habe keine Angst.
Als Kind habe ich mich immer gefürchtet, sobald die Sonne unterging.
Auch später habe ich lieber im Licht geschlafen.
Es ruckelt, es bewegt sich. Hilfe, ich falle!
Ich scheine zu schweben.

Gedämpfte Kirchenmusik dringt zu mir.
Zur Kirche bin ich nie gegangen. Außer wenn es sich nicht
vermeiden ließ, zur Taufe und Hochzeit meiner Kinder.
Aber ich habe mich nie wohlgefühlt.
Ich konnte ihn nicht ansehen, habe nie zu ihm gebetet.
Zuviel Leid habe ich gesehen, als dass ich an ihm glauben konnte.

Die Musik hat aufgehört zu spielen.
Sie werfen irgendwas nach mir. Ich glaube, es ist Sand.
Ich höre Fußgetrampel. Sie gehen.
Sie lassen mich allein.
Ich bin allein.

Ich bin ganz still.
Ich höre mich nicht einmal atmen.
Warum bin ich hier? Wohin gehe ich?
Irgendjemand ruft nach mir.
Ich bin unentschlossen. Was soll ich tun?
Ich will hier bleiben, bei meiner Familie, bei meinen Freunden.
Hier weiß ich, wo ich bin und was ich habe.
Aber ich weiß, es ist nicht mehr meine Entscheidung.
Begangene Fehler sind nicht mehr zu revidieren.
Wenn wir im Leben auch vieles in der eigenen Hand haben,
weiß ich doch, wann es Zeit wird, jemand anderen bestimmen zu lassen.

Ich renne wieder durch das hohe Gras, Hand in Hand mit ihm.
Wilder Jasmin, ich kann mich erinnern, wie er roch.
Ich fühle mich glücklich.
Ich blicke nicht zurück.
Die Grenze ist überschritten.
Ich habe die Dunkelheit hinter mir gelassen.

Letzte Aktualisierung: 10.12.2008 - 20.09 Uhr
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