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Dezember 2008
Zwischen elf und Morgengrauen
von Yvonne Rewny

Regen prasselte auf die schmale Straße, die zu dem uralten Häuschen führte. Ganz einsam lag es da und die Leute aus dem Dorf sagten, dass es darin spuke. Nicht für Geld und gute Worte hätte einer von ihnen auch nur eine Nacht darin verbracht. So lange die Menschen aus der Gegend denken konnten, waren es immer verrückte, verzweifelte oder eigenbrötlerische Stadtmenschen gewesen, die es kauften. Auch diesmal war es wieder eine am Leben gescheiterte Existenz, die eines Tages mit einem VW-Käfer und vier Koffern dort ankam. Bis heute hatte sie kaum jemand richtig zu Gesicht bekommen. Sie bekam nie Besuch und verließ selten das Haus. Nur der Postbote wusste zu berichten, dass sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Büchern verdiente. Kurz: Auch dieser neue Bewohner war den Dörflern suspekt und man hielt gerne und gebührenden Abstand. Die alte Kate lag ganz am Ende des Dorfes und das war gut so.

Sie lehnte am Türrahmen und schaute zufrieden auf ihr Werk. Ja, so war es gut. Das breite Bett hatte sie mit Rosenblüten bestreut, Kerzen darum verteilt und Gläser standen auch schon da. Rotweingläser. Burkhard trank nur Rotwein. Ihr war alles recht, was ihm lieb war, solange er nur immer wieder zu ihr kam. Ingrid trat ans Fenster und konnte schemenhaft ihr Spiegelbild darin erkennen. Nein, eine Schönheit war sie nicht. Die langen zotteligen Haare bändigte sie mit einem Einweckgummi, sie hatte etliche Kilo zuviel auf den Hüften und einen BH hatte sie zuletzt im Teenageralter besessen. Wozu sich Gedanken um ihr Äußeres machen? Zu Liebe und Gefühl war sie nicht fähig, das hatte sie in den fünfundvierzig Jahren ihres Lebens immer wieder festgestellt. Diese Erkenntnis war bitter und tat weh, aber irgendwann hatte sie sich so akzeptiert, wie sie nun mal war. Bis, ja, bis er in ihr Leben getreten war. Obwohl … getreten war er nicht. Eher geschwebt. Ihre ersten Gedanken waren damals: ‚Ich hätte diese alte Bruchbude nie kaufen dürfen!’, und: ‚Mein Gott, ist dieses Wesen … männlich!’ Zum ersten Mal in ihrem Leben war Begierde in ihr aufgeflammt. Anfangs verbrachten sie ihre gemeinsamen Stunden damit, dass Burkhard ihr seine Lebensgeschichte erzählte. Dann, eines Abends, war ihr Verlangen nach ihm so übermächtig geworden, dass sie einfach die Hand ausstreckte und ihn berührte. Als hätte er nur darauf gewartet, hatte er sie an sich gezogen und geküsst. Seitdem verbrachten sie die Nächte zusammen. Ingrid wusste, dass er sie nicht anziehend fand und sie nicht liebte. Er wollte sich nur für ein paar Stunden wieder als Mensch fühlen. Als Wesen, welches Berührungen geben und nehmen konnte. Und sie? „Besser Burkhard als gar keinen Sex“, murmelte sie vor sich hin. In der Tat beschränkten sich ihre Erfahrungen auf Händchenhalten im Kino oder beim Eisessen, als sie fast noch ein Kind war. Sie profitierte von seiner Erfahrung und der Tatsache, dass er ihr im hellen Tageslicht nicht ihren fest gefügten Lebensrhythmus durcheinander bringen konnte. Ingrid schaute nach draußen. Die Laterne verbreitete einen matten Schein auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Sie hatte also noch Zeit. Er kam nie vor elf.

Er räkelte sich und gähnte dann herzhaft. Wie lange hatte er geschlafen? Burkhard beugte sich vor und linste durch den Vorhang der Dachluke, um einen Blick nach draußen zu erhaschen. Die Laterne brannte noch. Er hatte also noch Zeit, bis er sich endlich wieder spüren würde. Wieder einmal verfluchte er sein Schicksal, das ihn zu dem werden ließ, was er heute war. Nicht tot und nicht lebendig. Gefangen in einer ewigen Dunkelheit, ohne Hoffnung. Und er selbst war schuld daran. Er, Burkhard Graf von Hoheneck, der letzte Sprössling eines uralten Geschlechts. Und der erste, dem der Reichtum und die Macht so zu Kopf stiegen, dass sie sein Verhängnis wurden. Seine Schwäche waren junge Mädchen und Frauen. Egal ob verheiratet oder ledig, wenn ihm eine gefiel, gab es kein Entkommen. Als er das dreißigste Lebensjahr erreicht hatte, stellte ihn sein Vater vor die Wahl: Entweder Enterbung oder Heirat mit einer standesgemäßen Jungfrau. Er wählte den Stand und das Geld. Kurz bevor es soweit sein sollte, sah er sie. Henriette. Ihre Schönheit und Anmut ließen ihn alle guten Vorsätze vergessen. Er musste sie haben! Nur noch sie, danach wollte er alle Pflichten eines Ehemannes erfüllen. Aber Henriette machte es ihm nicht leicht. Also umwarb er sie, sandte ihr Liebesschwüre und schließlich versprach er ihr die Ehe. Die Nacht mit ihr, in der Scheune ihrer Eltern, stellte alles in den Schatten, was er bis dahin erlebt hatte. Henriette weinte fassungslos, als sie begriff, wem sie ihre Unschuld und ihren guten Ruf geopfert hatte. Burkhard heiratete Amalie von Greifenstein. Standesgemäß. Eines Tages stand Henriette vor seinem Anwesen, ein Bündel auf dem Arm. Sie sah erschreckend mager und verhärmt aus. Ihr einst so wohlgeformter Körper steckte in zerrissenen Lumpen. Nichts erinnerte mehr an die strahlende Schönheit, die er im Stroh besessen hatte. Sie bat ihn, für das Bündel zu sorgen, seinen Sohn. Von der Familie verstoßen, mittellos und krank, konnte sie ihrem Kind keine Obhut mehr geben. Burkhard erinnerte sich genau, welche Abscheu er beim Anblick der beiden empfunden hatte. Mit Schimpf und Schande jagte er sie von seinem Hof. Am Torbogen hatte Henriette sich umgedreht, mit dem Finger auf ihn gedeutet und ihn verflucht. Er hörte sie noch heute. „Dein Liebstes wird dir das Genick brechen. Aber du wirst nicht sterben. Verdammt sollst du sein, ewig zu existieren. Nur sichtbar in der Dunkelheit der Nacht. Nur greifbar, wenn dich ein Weib begehrt.“ Drei Jahre später scheute sein Pferd bei einem Wettreiten, warf ihn ab und er brach sich das Genick. Sein Liebstes. Er hatte das Fohlen eigenhändig aufgezogen, als die Stute ihm ihre Milch verweigerte. Nächtelang hatte er neben dem hilflosen Wesen im Stall verbracht. Er hatte es zugeritten und eines der besten Rennpferde der Umgebung aus ihm gemacht. Als er begriff, dass er nicht mehr lebte, aber auch nicht tot war, hatte er sich zu Henriettes Wohnhaus aufgemacht, um sie zu bitten, den Fluch von ihm zu nehmen. Aber dort lebte inzwischen eine andere Familie. Wo sollte er hin? Burkhard quartierte sich im Dachboden ein und hoffte, dass sie eines Tages wiederkommen würde. Aber sie kam nicht. Nie mehr. Generationen wurden in dem Häuschen geboren und starben dort. Die Zeiten vergingen. Burkhard zeigte sich den Bewohnerinnen in der Dunkelheit der Nacht und wenn ihn eine begehrte, konnte er sich für wenige Stunden wieder spüren. Er hasste sein Dasein bei Nacht und er hasste die Dunkelheit.

Ingrid schreckte hoch, als die Turmuhr elf schlug. Ein erwartungsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ja, sie liebte die Nacht und sie liebte die Dunkelheit.

Letzte Aktualisierung: 19.12.2008 - 00.25 Uhr
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