Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Märchen | Januar 2009
Nach innen geweint
von Christine Hettich

Ich war lange nicht mehr hier. Dieser Ort ist voller Frieden. Die wilden Blumen auf der Wiese wehen im milden Spätsommerwind, der Bach plätschert fröhlich vor sich hin. Ob diese Welt real ist oder nur geträumt, vermag ich nicht zu sagen. Manchmal vermischt sich das. Ich liege bäuchlings am Wasser und betrachte die Bilder, die sich langsam darin formen. Als ich ein kleines Mädchen war stellte ich mir nie die Frage, wie diese lebendigen Figuren denn entstehen konnten. Zauber gehörte zu meiner Realität, wie es bei allen Kindern der Fall ist. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und dem Idealdasein einer Kinderseele bin ich längst entwachsen. Dennoch, heute hat es mich wieder hierher gezogen. Es sind so viele Fragen in meinem Kopf. Vielleicht werde ich hier eine Antwort darauf finden. Die Konturen im Wasser werden schärfer, ich erkenne den Wald der Träume. Um mich herum wird alles still. Ich fühle, wie ich mitten in diese Bilder hineingezogen werde und spüre bereits die angenehme Kühle der dunklen Tannen.
„Hallo Marie, schön dich zu sehen.“
Ich erkenne Ali, den wilden Halbgott, der Begleiter meiner Kinderträume. Groß, schlank, lange schwarze Mähne, schwarze Augen die direkt in das Innere eines Wesens schauen können, alles sehen, alles verstehen.
„Ich habe den Weg hierher nicht mehr gefunden.“
„Bist eben richtig erwachsen geworden. Unsere wilden Ritte machten dir zuletzt Angst. “
Ich spüre wie ich erröte. Ich weiß wie Ali das meint mit dem „richtig erwachsen geworden.“ Nun ja, ich gebe zu, ich habe gelernt mich anzupassen, mit dem Strom zu schwimmen. Irgendwann. „Es war eine Frage des Überlebens“, will ich nur sagen, doch Worte sind nicht von Nöten, Ali hat auch so, bereits verstanden.
„Warum bist Du wiedergekommen, Marie?“
„Ich habe so vieles verlernt. Zum Beispiel angstfrei zu sein, oder mich zu erfreuen auch an kleinen Dingen, lachen, staunen, gerührt sein. Mein Leben fühlt sich so leer an. Ich habe die Orientierung verloren. Ich dachte, in der Liebe könnte ich die Erlösung finden. Doch kann die Liebe für mich nur etwas Großes, Vollkommenes, Absolutes sein. Ja, ich habe mich verliebt, ja Rainer und ich, wir sind ein Paar. Wir leben, arbeiten, essen, zusammen. Natürlich schlafen wir auch miteinander und es ist manchmal ein schönes Leben das wir da führen, doch gelingt es mir nicht, ihn wirklich zu rühren. Früher meinte er, es läge daran, dass ich nicht weinen kann. Heute meint er schon gar nichts mehr dazu. Hilf mir Ali.“
„Komm kleine Marie.“
„So hast Du mich früher immer genannt. Das tut gut, wieder Kind sein zu dürfen, sich fallen zu lassen. Vielleicht ist es das, was mir manchmal fehlt.“
Wir kommen an eine Lichtung. Von Weitem vernehme ich das ungeduldige Wiehern eines Pferdes. Stolz und unbändig steht es da, so schwarz und so voller wilder Schönheit wie sein Herr.
„Abianus!“
„Du erinnerst dich an seinen Namen?“
„Aber ja, so alt bin ich jetzt auch wieder nicht.“
Ich höre mich lachen. Es ist lange her, dass ich mein eigenes Lachen wahrnehmen konnte. Ich frage mich, wie lange schon.
Und nun galoppieren wir auf Abianus´ Rücken durch die Landschaft. Ich fühle den Wind auf meiner Haut und halte mich an Ali fest. Ich merke, wie ich anfange mich wieder zu spüren. Ich habe ein Gefühl von Leben in mir. Leben, nicht nur Existenz.
Ich kann nicht sagen, wie lange wir unterwegs sind. Ich weiß nicht mehr, was Zeit ist, wahrscheinlich etwas, das gar nicht existiert, eine reine Illusion.
Als Abianus abrupt vor einer Höhle stoppt, falle ich etwas unsanft zu Boden. Ali lacht.
„Du hast keine Übung mehr.“
„Du hättest warnen können. Wo sind wir denn überhaupt?“
„Da, wo du hinwolltest. Dies ist das Reich des Tränenfürsten.“
Ali zeigt auf die Grotte und fügt hinzu: „Geh hinein, er erwartet dich.“
Meine Augen brauchen eine Zeitlang um sich an die Dunkelheit innerhalb dieser Felsen zu gewöhnen. Es herrscht eine angenehme Kühle. Ich spüre, wie ich in eine andere, geheimnisvolle Welt gelange.
„Guten Tag Marie.“
Vor mir, auf dem nackten Boden, sitzt er, gerade und stolz:
Der Tränenfürst.
Sein Antlitz fasziniert mich. Die perfekte Gleichmäßigkeit seiner Gesichtszüge würde aus ihm sicher eine eiskalte Schönheit machen, gleich einer Skulptur, wäre da nicht dieser sanfte, traurige Blick.
„Er ist viel jünger als ich ihn mir vorstellte“, denke ich für mich.
„Täusche dich nicht Marie, ich bin so alt wie die Welt. Aber über mich wollen wir nicht sprechen. Ich weiß weshalb du hier bist. Du möchtest wieder weinen können, Schmerz und Freude spüren. Du denkst, dass ich dir helfen kann, doch so einfach ist das nicht. Die Antwort auf deine Fragen liegt ausschließlich bei dir, verborgen in deinem tiefsten Inneren.“
„Kannst du mir nicht einfach meine Tränen zurückgeben?“
„Die hat dir niemand genommen. Du hast unzählige Male geweint in den letzten Jahren. Deine Tränen waren da, auch wenn sie niemand wahr nehmen konnte, nicht einmal du. Du hast sie nach innen geweint.“
„Meine Gefühle und Empfindungen sind wie gefroren. Ich möchte lieben können, richtig lieben.“
„Was hindert dich daran?“
„Ich weiß es nicht. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich die Leute damit überfordern. Rainer zum Beispiel. Ich will ihm alles geben, es soll groß und wunderschön sein. Anfangs war er davon begeistert, aber jetzt ist er dabei zu werden wie die anderen, hat keine Zeit mehr für Träume oder Pferde stehlen. Wo ist er geblieben, unser Amour fou, der einst immun gegen die Banalität eines Alltags zu sein schien? Was ist mit meinem Traummann, meinen rebellischen Rainer? Was ist es das ihn so grausam domestiziert hat? Ist es diese Welt in der Gier und Macht regieren? Während ich von Schmetterlinge im Bauch rede, spricht er nur noch von Pflicht und Vernunft.“
Ich senke den Kopf. Fast flüsternd kommt es aus mir heraus: „Naja, er ist ein vielbeschäftigter Mann, hat einen verantwortungsvollen Posten. Seine Arbeit ist sehr wichtig.“
„Wichtiger als du?“
„Nun, wir bewegen uns in einer Welt in der es immer härter zugeht. Wachstum und Fortschritt haben ihren Preis. Wir müssen ihn zahlen wollen wir mit der Entwicklung Schritt halten. Man muss kämpfen. Das macht müde. Zum eigentlichen Leben bleibt keine Zeit mehr.“
„Was ist denn das eigentliche Leben?“
Ich denke, es ist die Liebe. Aber es gibt soviele Ablenkungen, Pflichten. Ich weiß gar nicht, ob es noch vernünftig ist zu lieben. Ich glaube, eher nicht.“
„Du denkst, du bist auf der Welt um Pflichten zu erfüllen und vernünftig zu sein?“
„Ja schon, also auch. Ich weiß nicht.“
Ich spüre wie der Fürst mich mit seinem Blick durchbohrt. Seine Augen sind voller Trauer und Mitgefühl, aber auch voller Klage und ein Schauder durchfährt mein Herz. Für einen Moment kommt es mir so vor, als würde ich mich mit den alles durchschauenden Augen des Fürstens sehen, und diese blicken direkt in meine Seele hinein.
Ich erkenne, dass ich es war die meine Träume und herrlichen Verrücktheiten aufgegeben habe. Ich dachte, um geliebt zu werden müsste ich so werden wie die Anderen, und dabei habe ich mich selbst verloren. Meinen natürlichen Hang zur Melancholie habe ich unterdrückt, nur um Rainer die fröhliche Lebensgefährtin zu geben, die, die immer gut drauf ist. Dabei hat auch Schwermut ihren Sinn. Man muss sie zulassen, will man auch die Freude kennenlernen. Wie sagte die Rose des kleinen Prinzen? „Ich muss wohl zwei oder drei Raupen aushalten, wenn ich die Schmetterlinge kennen lernen will.“ Und diese schreckliche Vernunft! Was ist das für eine Vernunft, die das Träumen ausschließt? Wann habe ich denn das letzte Mal etwas getan, nur weil ich Lust darauf hatte, einfach so, spontan und ohne nachzudenken? Wie konnte das passieren, dass mein Leben geregelt wurde nach einem mir selbst auferlegten, strengen Muster? Wieso habe ich mein gesamtes Wesen in solch ein enges Korsett gezwängt? Bin ich an einer Überdosis Realität gescheitert?
Ich spüre einen tiefen Schmerz in mir, meine Kehle schnürt sich zu, ich schreie mir die Seele aus dem Leib und verliere das Bewusstsein.
„Schatz, was ist mit dir?“
Rainer schaut mich besorgt an.
„Du weinst ja“, sagt er indem er mir liebevoll die Tränen wegwischt, „hast du schlecht geträumt?“
Ich schaue in seine tiefblauen Augen und lächle ihn an. Heute wird ein guter Tag werden, voller Sonne und Farbe. Ich werde meinen Traummann an der Hand nehmen und wir werden zusammen unsere Schmetterlinge wieder einfangen.
Und irgendwann, wenn wir nicht gestorben sind, werden wir angekommen sein, an dem Ziel unserer Sehnsüchte.

Letzte Aktualisierung: 22.01.2009 - 22.04 Uhr
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