Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mšrchen | Januar 2009
Wunderschön bist du …
von Helga Rougui

Es war einmal ‚Ķ eine sehr sehr alte graue dicke Landschildkr√∂te, die lebte in den hei√üen, staubigen H√ľgeln des Taygetos. Sie war die letzte ihrer Familie, und sie lebte allein.
Des Morgens wachte sie zeitig auf, wedelte sich den Morgentau vom Stummelschwanz, fr√ľhst√ľckte das eine oder andere Kr√§utlein und machte sich dann zu ihrem Morgenspaziergang auf, der sie an eine frische Quelle f√ľhrte, an der sie ihren Durst stillte. Dann kroch sie langsam zur√ľck zu ihrer H√∂hle und widmete sich ihrer Lieblingst√§tigkeit: sie dachte nach.
Sie dachte nach √ľber die Sonne, den Regen, die Steine, den Staub, die Gr√§ser und die Kr√§uter, sie dachte nach √ľber das Woher und Wohin und √ľber das Leben und die Liebe. Auch sie hatte einst die Liebe gekannt, aber nun hatte sie sich an das Alleinsein gew√∂hnt und war ihres Alltags zufrieden.
Eines Tages gegen Mittag, als die Sonne am h√∂chsten stand und die sehr sehr alte Schildkr√∂te nach dem Mittagsgras in der Hitze d√∂ste, sah sie etwas Goldenes vor ihren Augen vorbeiflirren. Sie blinzelte und erblickte einen goldenen Pirol, der sich vor ihr aufgeplustert hatte und sie, das K√∂pfchen geneigt, mit trillernden Tonkaskaden begr√ľ√üte:
- Wunderschön bist du, o mächtige Kröte, ich liebe deine imposante Gestalt und deinen feingezeichneten Panzer.
Da wurde es der Kröte warm ums Herz, und sie verliebte sich in das goldene Gefieder des Pirols und in seine eisblauen Augen.
Nun begann eine sch√∂ne Zeit. Die beiden trennten sich nie. Sie fr√ľhst√ľckten miteinander, gingen und flogen zusammen zur Quelle, und dann tirilierte der Pirol, und die sehr sehr alte Schildkr√∂te dachte √ľber den sch√∂nen Gesang ihres Freundes nach, und manchesmal versuchte auch sie zu singen, und der Pirol dachte dar√ľber nach, was f√ľr eigenartige T√∂ne eine singende Schildkr√∂te zustandebringen konnte. Und dann kam die Nacht, und der Pirol kuschelte sich in die Halsbeuge der Kr√∂te, und sie schliefen zufrieden ein, um einen gemeinsamen neuen Tag zu erleben.
Mit der Zeit allerdings mußte sich die sehr sehr alte Landschildkröte eingestehen, daß der Pirol immer unruhiger wurde. Sein Gefieder wurde stumpf und seine Lieder einfallslos. Er flog auch öfter weg, und wenn er wiederkam, war er meist etwas zerstreut und nicht so ganz bei der Sache, wenn es ums Tirilieren oder Nachdenken ging.
So konnte es nicht weitergehen. Eines Abends fa√üte sich die sehr sehr alte Landschildkr√∂te ein Herz ‚Äď das einzige, das sie hatte und von dem sie ahnte, da√ü es gleich gebrochen w√ľrde ‚Äď und fragte den Pirol, warum sich alles unmerklich ver√§ndert habe. Der Pirol z√∂gerte zuerst, denn er wollte seiner Freundin nicht wehtun, aber dann gestand er, er habe im n√§chsten Tal eine sehr alte Schildkr√∂te getroffen, f√ľr die er von nun an gerne singen wolle. Auch sie war nicht jung, aber eben nicht sehr sehr alt, sondern nur sehr alt, und mit ihr wolle er ein gemeinsames Leben versuchen.
Da weinte die sehr sehr alte Landschildkr√∂te ein bi√üchen, aber sie wu√üte auch, da√ü man den Lauf des Lebens nicht aufhalten kann, und sie bewahrte ihre W√ľrde und w√ľnschte dem Pirol alles Gute und lie√ü ihn ziehen.
Als er fort war, weinte sie noch einmal ein bi√üchen, und dann √∂ffnete sie der Einsamkeit erneut die T√ľr zu ihrem Leben und bat sie herein.
Die Tage zogen vorbei, Sonne wechselte mit sp√§rlichem Regen, die Kr√§uter wuchsen und wurden gefressen, der Winterschlaf kam und der neue Fr√ľhling zog herauf.
Eines Morgens im Mai machte sich die sehr sehr alte Landschildkr√∂te wieder einmal auf den Weg zur Quelle, um ihren Morgentrunk zu nehmen. Dort angekommen, sah sie am Rand des Wassers eine schlanke gr√ľngl√§nzende Smaragdeidechse sitzen, die sie mit ihren nachtschwarzen Augen hei√ü ansah und zu ihr sprach:
- Guten Morgen, wunderschöne Kröte! Ich liebe deine erlesene Gestalt….

Letzte Aktualisierung: 22.01.2009 - 22.06 Uhr
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