Der Tod aus der Teekiste
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Märchen | Januar 2009
Die drei Königstöchter
von Barbara Hennermann

Vormals, als die Zeit noch langsam einher ging und die Menschen noch Raum in ihr fanden, lebte einmal ein König. Alt war er geworden und weise, doch nun spürte er die Schwere in seinen Gliedern und Müdigkeit im Herzen. Bald würde die Zeit kommen, dass er sollte eingehen in die Ewigkeit.
Da ließ er seine drei Töchter zu sich kommen und sprach zu ihnen: „ Nicht mehr lange und der Augenblick wird kommen, an dem ich euch verlassen muss. Darum zieht hinaus in die Welt und sucht euch einen Gemahl, der statt meiner für euch sorgen wird. Doch nur einer von ihnen kann König werden und nur eine von euch somit Königin. Wer sich würdig erweisen wird, kann nur die Zukunft zeigen.“ Erschöpft lehnte er sich zurück. Die Töchter aber verließen weinend sein Gemach und machten sich auf den Weg in die Welt.
Die Älteste ließ die königliche Kutsche anspannen und fuhr schnurstracks ins nächste Königreich. Sie war sich sicher, dass ihr Vater nur einen Prinzen, der mit Macht und Reichtum ausgestattet war, als rechtmäßigen Nachfolger anerkennen würde. So suchte sie also den Prinzen auf und berichtete ihm von ihrem Anliegen. Der Prinz besah sie sich genau und war mit ihrem Anblick zufrieden. Zwar erwartete auch ihn eines fernen Tages das Reich seines Vaters, doch warum nicht schon jetzt nehmen, was man ihm anbot? So waren sie sich bald handelseinig und der Prinz folgte ihr in der Kutsche zurück in ihres Vaters Reich.
Die zweite Tochter schwang sich auf ihren Rappen und ritt mit fliegenden Haaren weit ins Land hinaus. Welche Eigenschaften musste der Mann haben, mit dem sie das Land regieren würde? Schön sollte er sein, mutig und erfolgreich. Dazu klug und anerkannt in seinem Staate. So einen zu finden war nicht einfach! Nach drei Tagen kam sie in eine Stadt, in der offensichtlich gerade ein großes Fest gefeiert wurde. Die Königstochter stieg vom Pferd und fragte eine Bauersfrau am Straßenrand nach dem Grund dafür. Die Frau starrte sie entgeistert an. „Ja, wisset ihr denn nicht? Ritter Gaudius hat uns vom Lindwurm befreit! Endlich können wir uns wieder frei bewegen und ohne Angst leben.“ Damit wandte sie sich um und stimmte laut in den Chor der übrigen ein. „Ein Hoch auf Ritter Gaudius!“ Die Königstochter erkannte, dass sie nun den Richtigen gefunden hatte. Sie drängte sich durch die Menge bis zu dem Siegreichen vor und schilderte ihm den Grund ihres Kommens. Da sie nicht nur schön und zielstrebig, sondern offenbar auch reich und wohlhabend war, fand er Gefallen an ihrem Plan. Rasch schwang er sich auf sein Ross und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg.
Für die Jüngste war kein Fortbewegungsmittel mehr übrig geblieben, denn ihr Vater hasste Verschwendung und hatte nur das Nötigste am Hofe. So machte sie sich zu Fuß auf den Weg und gelangte nach längerer Zeit in einen großen Wald. Erschöpft und traurig setzte sie sich unter einen großen Baum. Wie sollte sie denn hier den letzten Wunsch ihres Vaters erfüllen und einen Gemahl finden können? Die Tränen rannen ihr über´s Gesicht. Nicht um ihretwillen war ihr bange, sondern sie fürchtete die Enttäuschung des über alles geliebten Vaters in seiner letzter Stunde. Als sie so saß und die Gedanken in ihrem Kopf keinen Ausweg fanden, ertönte hinter ihr plötzlich eine dunkle Stimme: „ Königstochter, was betrübt dich so?“ Erschrocken fuhr sie herum und erblickte einen großen braunen Bären. Voll Angst sprang sie auf, doch beruhigend sprach der Bär weiter: „Hab keine Angst, Königstochter, dir wird kein Leid geschehen.“ Seltsamerweise verließ ihre Furcht sie augenblicklich, sie fasste Vertrauen zu dem freundlichen Tier und erzählte ihm alles. Der Bär hörte aufmerksam zu. Dann wiegte er den schweren Kopf hin und her. „Nun, was du w i r k l i c h suchst, scheint mir Wärme, Vertrauen und Geborgenheit zu sein. Weißt du was? Nimm m i c h mit! Vielleicht bekommst du so das Königreich deines Vaters nicht, aber dafür meine immerwährende Nähe.“ Die Königstochter spürte in ihrem Herzen, dass der Bär die richtigen Worte gewählt und erkannt hatte, was ihr nach dem Ableben des alten Vaters am meisten fehlen würde. Da kuschelte sie sich vertrauensvoll eng an das mollige Bärenfell und gemeinsam schritten sie zum Schloss zurück.
Dort warteten bereits die beiden älteren Schwestern mit ihren Bräutigamen und jede glaubte sich schon als Gewinnerin. Als die Jüngste mit dem Bären kam, erschraken sie heftig und wollten fortlaufen. Die Maid aber sprach: „Bleibt nur ruhig da, mein Liebster tut euch so wenig ein Leides wie mir.“
Der alte König nun musterte die Männer, welche seine Töchter mitgebracht hatten. Lange sah er sie stumm an und die Erfahrung und Weisheit seines langen Lebens zogen an ihm vorüber.
Endlich beschied er der Ältesten: „Deine Entscheidung war vernünftig, aber herzlos. Dies wird dich nicht befähigen, mein Reich in Zukunft zum Wohle aller zu regieren.“ Der zweiten sagte er: „ Auch dich hat die Stimme der Vernunft und nicht des Herzens gelenkt. So wirst du ebenso wenig wie deine ältere Schwester mein Volk mit Weitblick u n d Fürsorglichkeit anführen können.“ Dann sah er die Jüngste an: „Du, meine Jüngste, hast dich nicht vom Tand der Welt blenden lassen und dich für das einzig Wichtige im Leben entschieden, nämlich für die Liebe. Aus ihr wird alles andere erwachsen. Deshalb sollt ihr mein Reich übernehmen.“
Segnend hob er die Rechte. Dann schloss er mit einem Seufzer die Augen und verschied mit einem Lächeln auf den Lippen. Im selben Augenblick aber ertönte ein lauter Knall und der Bär warf sein Bärenfell ab. Ein schöner Jüngling trat auf die jüngste Prinzessin zu, nahm sie in den Arm und küsste sie zärtlich. „Du hast mich erlöst, da du nicht auf das Äußere sahest, sondern dir Wärme und Nähe wichtiger waren als Macht und Reichtum.“
Glücklich schmiegte sich die Königstochter an ihn und bemerkte mit Freude, dass er noch genauso kuschelig und warm war wie vorher mit dem Bärenfell. So war es kein Wunder, dass sie viele Kinder bekamen und lange Jahre gemeinsam das Volk zu dessen Wohl regierten.
Die älteren Schwestern aber folgten ihren Männern in deren Reiche, wo sie heute noch leben, wenn sie nicht an Vernunft und Herzlosigkeit gestorben sind.

Letzte Aktualisierung: 07.01.2009 - 19.42 Uhr
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