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Märchen | Januar 2009
Das MĂ€rchen von Vierzig
von Sylvia Seelert

Es lebte einst ein Mann in Mittelstadt, der trug vierzig Jahre auf seinem RĂŒcken. Zwanzig davon hatte er mit Demut und PĂŒnktlichkeit jeden Tag zu dem mĂ€chtigen Arbeitsmeister gebracht, der damit in seinem Herstellungshaus wundersame Dinge baute, die den Menschen das Leben erleichtern sollten. Doch es kam der Tag, da holte der Arbeitsmeister ihn aus der Schlange derer, die jeden Morgen zum Herstellungshaus strömten, und nahm in beiseite.
„Vierzig“, so sprach der Arbeitsmeister, der ĂŒber die Jahre kugelrund und glatzköpfig geworden war, „Deine Arbeit war stets von gutem Wert, darum bedauere ich es nun, dass du gehen musst!“
„Aber wieso? Habe ich etwas getan, was Euch verĂ€rgert hat?“, antwortete Vierzig mit zittriger Stimme.
„Lieber Vierzig, du hast nichts dergleichen getan. Aber die Menschen sind gesĂ€ttigt von all den Dingen, die wir fĂŒr sie gebaut haben. Sie kaufen immer weniger und so fehlt es mir an Geld, das Herstellungshaus und alle Erbauer zu halten. Und darum, Vierzig, kannst du deine Jahre nicht mehr zu mir bringen. Ich habe keinen Platz mehr dafĂŒr!“
Der Arbeitsmeister klopfte ihm einmal bedauernd auf die Schulter und verschwand dann in den Hallen des Herstellungshauses.
Vierzig jedoch wusste zunĂ€chst nicht, was er tun sollte. Er kannte nur den Weg von Mittelstadt zum Herstellungshaus und zurĂŒck. Nie war er einen anderen gegangen. So ging er schließlich zu seinem Haus, das Reihe in Reihe mit HĂ€usern gleicher Art stand. Dort fand er eine Nachricht in seinem Briefkasten vor. Mit Entsetzen las er die Worte auf dem Zettel: Der Arbeitsmeister hat das Haus gekĂŒndigt. Vierzig wohnt hier nicht mehr.
Da weinte Vierzig und packte unter TrĂ€nen die Habseligkeiten, die ihm geblieben waren. Er verließ Mittelstadt und ging auf dem Armenweg nach Betteldorf. Hier stritten und tranken die Menschen den ganzen Tag. Viele schliefen auch einfach nur in Ecken und Nischen. Feste HĂ€user gab es hier nicht und der Wind pfiff scharf durch löchrige Bretterbuden und verschmutzte Gassen.
Vierzig war bestĂŒrzt ĂŒber das Elend und die Verzweiflung, auf die er hier an allen Ecken traf. Da dachte er bei sich, dass das nicht sein kann. Nach so vielen Jahren, die er duldsam getragen hatte, und von den vielen Jahren, die er noch tragen wollte, konnte dies nicht seine Bestimmung sein.
Er schulterte seinen schweren Rucksack und kehrte Betteldorf den RĂŒcken. Hinter dem Dorf lag der Wald der Ungewissheit, dessen dunkle Tannen sich drohend im Wind schĂŒttelten. Vierzig zögerte zunĂ€chst, denn die knarrenden Tannen erfĂŒllten ihn mit Furcht. Doch zum Betteldorf wollte er nicht zurĂŒck und so biss er furchtsam die ZĂ€hne zusammen und ging mit vorsichtigen Schritten unter dem schattigen Tannendach. Still und kĂŒhl war es unter den BĂ€umen, kein Wind regte sich in den Zweigen. Zwei Tage und NĂ€chte schritt er durch den schweigenden Wald, bis sich eine Lichtung vor seinen Augen auftat. Ein kleiner Bach plĂ€tscherte munter und die Wiese glĂ€nzte im Sonnenlicht. In der Mitte der Lichtung thronte die grĂ¶ĂŸte Rose, die Vierzig je gesehen hatte.
EhrfĂŒrchtig trat er nĂ€her und sah mit Bedauern, wiel ein Rosenblatt, kraftlos geworden, zu Boden sank. Auch die anderen BlĂ€tter hingen bereits glanzlos herab. Da eilte Vierzig zum Bach und schöpfte mit seinen HĂ€nden Wasser daraus, um es zu der Rose zu bringen. Kaum war das Wasser im Boden versickert, da hob die Rose ihr Gesicht und blickte Vierzig an.
„Vielen Dank, lieber Mensch! Ich fĂŒrchtete schon, dass niemand den Weg zu mir finden wĂŒrde bis mein letztes Blatt gefallen ist.“
Ganz sanft war die Stimme der Rose und ein freundliches LĂ€cheln lag auf ihrem Gesicht. Sprachlos starrte Vierzig die Rose an, die seufzend ihre weißen BlĂŒtenblĂ€tter streckte und prĂŒfend in das Sonnenlicht hielt.
„Was bist du?“, sprach er schließlich, „Nie zuvor hörte ich von einer Rose, die sprechen kann!“
„Ach, mich gibt es in vielen Gestalten, je nachdem, wer auf mich trifft“, und sie stupste ihn mit einem Blattarm fröhlich an.
„Wie kann ich dir deine gute Tat vergelten? Sag mir, was du dir am sehnlichsten wĂŒnschst!“
Vierzig grĂŒbelte lange nach, ehe er antwortete.
„Vierzig Jahre habe ich hinter mir gelassen. Nun suche ich einen Ort, zu dem ich meine weiteren Jahre tragen und an dem ich etwas fĂŒr die Zukunft bauen kann.“
Die Rose klatschte einmal in ihre grĂŒnen BlĂ€tterhĂ€nde.
„So soll es sein!“, rief sie und eine MĂŒhle stand auf einmal am Bach.
„Solange du mich mit Wasser versorgst, soll diese MĂŒhle fĂŒr dich sein. Dort kannst du Mehl fĂŒr die Menschen in Betteldorf mahlen, um ihr Leid zu lindern. Ich werde dir zeigen, wie man aus dem Mehl Zuversichtsbrote backt und der Zug der Kraniche wird sie zu den Menschen bringen.“
Dankbar umarmte er die Rose und stach sich dabei an ihren Dornen.
„Ach, guter Vierzig, sei vorsichtig, alle Schönheit hat auch immer ihren Preis. Nun lasse ein wenig von deinem Blut auf diese Wiese tropfen.“
Vierzig tat, was die Rose ihm auftrug. Sobald die Blutstropfen auf den Boden fielen, wuchsen an diesen Stellen Weinstöcke, die bald die ganze Lichtung bedeckten.
„Mach aus den Trauben Mildewein und liefere ihn zu den Menschen in Mittelstadt.“
Vierzig machte alles so, wie die Rose es ihm gesagt hatte, und er trug mit Freude die nĂ€chsten Jahre auf seinem RĂŒcken.
Nach weiteren vierzig Jahren welkte die Rose und selbst das Wasser vom Bach konnte ihr nicht mehr helfen.
„Es ist nun Zeit zu gehen. Kehre zurĂŒck zu den Menschen und trage deine Jahre nicht mehr auf dem RĂŒcken, sondern umfange jeden Tag dankbar mit deinen HĂ€nden“, waren die Worte der Rose, ehe ihr letztes BlĂŒtenblatt zu Boden fiel.
Die MĂŒhle und die Weinstöcke verschwanden. So kehrte Vierzig schließlich zu den Menschen zurĂŒck.
Erstaunt stellte er fest, dass Betteldorf verschwunden war. An dessen Stelle stand nun Vielstadt, die von vielen Straßen durchzogen war, die wiederum zu vielen Kreuzungen fĂŒhrten. Vierzig schwindelte es von den unzĂ€hligen Möglichkeiten, einen Weg zu gehen, und er brummelte: „Das ist was fĂŒr die JĂŒngeren, ich habe nur noch einen Weg zu gehen!“ Schließlich nahm er die Einbahn und fuhr hoch zur Mittelstadt. Hier waren die HĂ€user aus ihren Reihen geflĂŒchtet und standen nun in munteren Runden zusammen.
Zu mĂŒde, um den Weg zum Herstellungshaus zu gehen, hielt er einen Mann an und fragte ihn danach.
„Das Herstellungshaus? Ja, das gibt es noch, aber keinen Arbeitsmeister mehr. Jeder arbeitet dort im Wechsel, damit jeder fĂŒr jeden sorgen kann und den gleichen Anteil an Freizeit hat. Es ist kein Meister mehr nötig, der bestimmt, wer dorthin gehen darf und wer nicht.“
Erstaunt lehnte sich Vierzig gegen einen weißen Gartenzaun und war ganz ĂŒberwĂ€ltigt von den vielen VerĂ€nderungen, die in den Jahren seiner Abwesenheit geschehen waren. Es war jedoch eine TĂŒr, an die er sich gelehnt hatte und die nun unter seinem Gewicht nach innen aufschwang. Vierzig stolperte in den Garten hinein und fiel zu Boden. Nachdem er sich mĂŒhsam wieder aufgerappelt hatte, stand er vor der EingangstĂŒr, an der mit goldenen Lettern die Zahl vierzig prangte. Darunter war ein Schild angebracht, auf dem Folgendes stand:

Dies ist das Haus von Vierzig. Er brachte sowohl Zuversicht als auch Milde zu uns und wir danken ihm dafĂŒr. Zu diesem Ort möge er in Ruhe sein letztes Jahr tragen.

Da spĂŒrte Vierzig, wie ihm alle Jahre vom RĂŒcken genommen wurden, und er schlief friedlich in seinem Haus ein.

Letzte Aktualisierung: 25.01.2009 - 20.36 Uhr
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