Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Märchen | Januar 2009
Die Mär von Alma und dem Versucher
von Bernd Kleber


Es war einmal ein hübsches Städtchen, begrenzt durch den Fluss im Norden des Landes. Hier lebten und arbeiteten die Menschen friedlich und waren sich gute Nachbarn. Ganz am Rande der Stadt, direkt am Fluss, gab es ein altes Badehaus, in dem der Bader Heinrich und seine Frau Alma ihren Geschäften nachgingen. Ständig kam jemand zum Aderlass, Schröpfen oder Zähne ziehen. Der Bader war für das Grobe zuständig, Alma arbeitete als Hebamme. Man nannte Alma die Engelmacherin, da sie auch so mancher Frau, manchem Mädchen half, ihren guten Ruf zu wahren. Sie brach ungewollte Schwangerschaften gegen hohe Bezahlung ab. Sie war gegen diese Frauen hochmütig, wollte sie doch selbst Mutter werden.
Die Ehe der Baders blieb in all den Jahren kinderlos. Alma wurde darüber hartherzig und böse, haderte mit ihrem Schicksal. Neidisch begaffte sie jeden gewölbten Bauch, jeden Säugling.
Eines Tages suchte die Badersfrau am Flussufer Kräuter. Da trat ein altes Mütterlein auf Sie zu. Alma erschrak, hatte sie doch nicht kommen sehen.
„Guten Tag, ich bin Frau Hollerbusch“, sagte die Fremde. „Ich kenne deinen Wunsch nach einem eigenen Kind und würde dir gern helfen.“
„Scher dich fort, du alte Vettel, ehe ich dich schlagen muss.“ Alma lief ihres Weges.
Nach einigen Schritten stand die Hollerbusch wieder vor ihr. „Dein Herz ist geschrumpft, es ist hart und kalt geworden. Die Geburt eines Kindes kann es aus eisiger Umklammerung befreien. Vertrau mir.“
Alma reagierte sofort: „Hexe, verdammte, mach dich hinfort, sonst lernst du mich kennen!“
„Ich sehe ein großes Unheil auf dich zukommen. Dein Weg ist dem Bösen geweiht!“, sprach die Alte.
Alma wandte sich um und rief: „Soll das Böse nur kommen, ich kann einen Zuspruch vertragen. Es gibt nichts Gutes auf der Welt, da will ich gern dem Bösen zu Diensten sein!“ Im selben Augenblick war die Hollerbusch verschwunden. Alma ging kopfschüttelnd weiter.
Während sie Kräuter suchte, murmelte sie Flüche vor sich hin. Plötzlich stieß sie mit einer Person in grünem Rock zusammen. Zuerst sah sie blanke Knöpfe, die sie silbern anblitzten. Das Tuch des Rockes wirkte fein, wie bei einem Adligen. Neugierig blickte sie auf. „Junger Herr, verzeiht mir meine Unachtsamkeit. Ich springe sofort zur Seite“, sagte sie mit einem Bückling.
Ihr stand ein junger Jägersmann gegenüber. Auf dessen Hut wippte eine feuerrote Hahnenfeder. Sein spitzer Kinnbart war von gleicher Farbe und glühte wie ein Stück heiße Holzkohle. Hypnotisiert stierte Alma den Bart an und es schien ihr, darin würde es knistern und lohen.
Der Mann lächelte. „Gute Alma, lass mich dir zu Gefallen sein!“
Alma war misstrauisch, weil der Fremde ihren Namen kannte.
„Was wollt Ihr mir hilfreich sein?“, fragte sie lauernd zurück.
„Nun, reden wir über deinen Wunsch“ antwortete er, „den will ich dir erfüllen. Warum sollst du nicht glücklich werden?“
Alma seufzte. Sein Lächeln nahm sie für ihn ein.
„Ich wünsche mir ein Kind und ich wüsste nicht, junger Herr, wie Ihr mir dabei helfen könntet?“ Sie gackerte und beleckte ihre Lippen. Er trat einen Schritt auf sie zu, seine Stimme war jetzt leise.
„Alma, sieh mir in die Augen. Da siehst du dein Kind. Du musst tun, was ich dir vorschlage.“ Almas Knie zitterten. Ein nicht gekanntes Gefühl bemächtigte sich ihrer und gern hätte sie für diesen Mann alles getan. „Ja“, flüsterte sie. „Was muss ich geben?“
Mit dem Zeigefinger hielt der Grünrock ihr Kinn, darüber bebten Almas Lippen. Seine einschmeichelnde Stimme flüsterte: „Du übergibst mir, bis zum Dreizehnten dieses Monats, drei Kinder, welche du holst. Dafür bekommst du dein Eigenes. Aber bedenke, ich nehme sie sofort und frisch vom Nabel, bevor das erste Kreuz geschlagen. Und ... sie müssen leben!“
Alma durchliefen wohlige Schauer, die von dem Zeigefinger des Mannes ausgingen. Sie hatte das Bedürfnis, sich vor dem Fremden im Nass der Wiese zu wälzen.
„Ja, Herr, das sollte kein Problem sein. Nur, wie gebe ich Euch die Kinder so kurz nach der Niederkunft?“ Ihr Atem rasselte. Er ließ weiße Zähne blitzen. „Ich werde dabei sein!“
„Was muss ich jetzt tun? Wollt Ihr einen Blutvertrag?“
Er streichelte ihr über die Wange. „Nein, ich halte große Stücke auf dein Wort. Sei unserem Vertrag treu, sonst fordere ich dich. Ein Kuss genügt mir als Siegel unseres Bündnisses“, sprachs und setzte einen Kuss auf Almas schlaffe Wange, der ihr einen so mächtigen Schauer durch die Glieder jagte, dass sie in die Knie sank und stöhnte.
Als sie sich wieder aufrappelte, war es dunkel geworden und still. Sie wollte nicht glauben, was geschehen war. Der Geheimnisvolle war verschwunden. Alma klopfte die Gräser vom Kleid und ging heimwärts. Ein Brennen auf der Wange bewies, dass das Geschehene kein Traum war. Sie rieb die Stelle, an der die Lippen des Jägers sie berührt hatten. Es pikte in der Wange wie Nadelstiche.
Im Badhaus angekommen, tobte ihr Mann, wo sie gewesen sei, er hätte alles allein machen müssen. Als er die Gescholtene ansah, weitete sich sein Blick: „Wie siehst du aus, Alte? Du glühst ja! Nicht, dass du krank wirst.“
Die Badersfrau musste sich übergeben. „Mann, ich werde niederkommen“, war ihre lapidare Antwort. Er sah sie an und rang sich vor Freude zu einer freundlichen Umarmung durch.
In der Nacht träumte Alma von Säuglingen, die sie in einer Stube stapelte und die der Grünrock nach und nach in seinen riesigen Schlund steckte und herunter würgte. Schweißnass wurde sie wach.
Am folgenden Nachmittag kam die Frau des Müllers mit Wehen. Alma schob sie, zu allem entschlossen, in die dunkelste Kammer. Es waren nur fünf Tage Zeit bis zum Dreizehnten.
Sie zeigte stumm der Kreißenden die Pritsche. Die werdende Mutter schrie unentwegt. Vor ihr, auf einem Stuhl, postierte sich Alma und hantierte an ihr herum. „Schreit hier nicht so, soll das Dorf zusammenlaufen? Wollt Ihr niederkommen oder nicht?“ Die Frau wimmerte und sprach leise: „Ja Badersche, holt es!“
Hinter der Liege stand der hagere Mann. Gierig lächelnd besah er, wie Almas Hände in der Frau zerrten und wühlten. Plötzlich hob sie ein kleines Menschenkind in die Luft. Es war gebrechlich und schmal. Die Haut des Kindes, faltig und schlaff, schimmerte blau-rosa. Aber das Neugeborene wollte auch nach mehrfachen Schlägen auf den kleinen Körper nicht atmen. Die Badersfrau übergab den Säugling blitzschnell dem Jägersmann, der daran schnüffelte. Angewidert ließ er es fallen und war wie vom Erdboden verschluckt.
Die Liegende hob müde den Kopf.
„Nichts da, es war tot! Eine Stunde könnt Ihr hier liegen, dann müsst Ihr nach Hause. Und denkt dran, drei Taler bekomme ich, bevor der Pope seinen Zehnten fordert!“ Die Frau nickte schluchzend.
Das Brennen auf Almas Wange war unerträglich geworden. Der Fleck des Kusses war erhaben und eine grüne, übel riechende Flüssigkeit lief in kleinem Rinnsal heraus. Alma rieb sich immer wieder die Schwellung und wurde unruhig. Würde sie rechtzeitig dem Bösen erfüllen können?
Am Tag darauf wollten Heinrich und Alma auf dem Herbstmarkt Tonikum verkaufen. Das Weib würde Gelegenheit finden, Frauen mit rundem Bauch anzusprechen. Schnell wollte sie ihren Teil der Abmachung einhalten, um die bösen Träume los zu werden. Sie hoffte, dass das Schmerzen ihrer Wange dann aufhören würde und sie freute sich auf ihr eigenes Kind.
Da erspähte sie die Frau vom Ufer, die sich als Hollerbusch vorgestellt hatte. Drei Schritte entfernt saß sie unter einem Schirm und bot Kräutersträußchen feil. Alma fühlte sich beobachtet. Immer wieder sah diese wunderliche Alte zu ihr herüber, anklagend und mit traurigen Augen. Als ein Junge zu der Kräuterfrau kam, nutzte sie die Chance. Sie zeterte etwas von Kinderraub und Hexe, gab dem Buben einen Stoß. Die Hollerbusch wehrte sich heftig und schleuderte sie mit ungeheurer Kraft gegen den Marktbrunnen. Das war nicht mit rechten Dingen zugegangen. Zum Glück war dort Stroh aufgeschüttet. Alma war froh, als die Kräuterfrau den Markt verließ.

Die Badersfrau saß am Dreizehnte vor dem Haus. Was würde geschehen? Eine Hochschwangere und ein Mann kamen Hilfe suchend. Alma flötete eine Begrüßung und schob die Frau ins Haus. Dem Begleiter befahl sie, nach Hause zu gehen.
Während sie in der Kammer den Hocker zurechtrückte, erkannte sie im Halbdunkel den Jäger. Sein feuriger Bart leuchtete in diesem Zwielicht bedrohlich. Die werdende Mutter schrie wie von Sinnen wegen ihrer Wehen und bemerkte ihn nicht.
„Herr, Ihr müsst die Frist verlängern, ich arbeite nur für Euch!“, wisperte Alma flehentlich.
„Wir werden sehen, gib erst dieses Kind“, sprach der Schatten barsch, „Wir haben einen Vertrag! Ich lasse nicht gern mit mir handeln!“
Alma begann unter Schweiß, das Kind zu holen. Ihre Hände zitterten. Es war noch nicht ganz heraus, da blitzte ein helles Licht durch die Kammer. Die Hollerbusch flog durch den Raum und rief:
„Es segne dich vom Himmel aus Maria, himmlische Mutter und Königin und erfülle deine Seele mit einer immer größeren Liebe zu Jesus. Amen!“
Dabei spritzte sie eine Flüssigkeit, Kreuz schlagend, auf den Säugling. Ein Zischen und Poltern, Alma stürzte mit dem Kind vom Sitz. Der Rotbart und die Hollerbusch waren verschwunden.
Das Neugeborene schrie aus voller Lunge. Alma zitterte und konnte sich nicht erheben. Die Schwellung auf der Wange blühte wie unter einem Brandeisen rotfleischig auf. Almas Bauch wurde praller und größer. Die Frau auf der Pritsche rief: „Gebt mir mein Kind, was ist mit Euch?“ Mit allen Kräften erhob sich die junge Mutter, ergriff ihr Baby, wickelte es in Tücher und verließ das Baderhaus.
Heinrich, der den Lärm vernommen hatte, eilte in die Kammer. Seine Frau lag gekrümmt am Boden, war angeschwollen wie eine satte Zecke. Ihre Arme und Beine zappelten unkontrolliert. Almas Körper entwich ein bleicher Nebel, der sich in dem Zimmer verteilte, sich dann zu einer Gestalt verdichtete und als Weiße Frau durch die Wand glitt. Auf dem Boden blieb eine flache Körperhülle zurück. Unter dem Rock kroch eine grüne Schlange hervor und verschwand zischelnd durch eine Spalte im Holzboden ...

Letzte Aktualisierung: 14.01.2009 - 14.06 Uhr
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