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Märchen | Januar 2009
Zwei Königskinder
von Patricia Kohnle

Es waren einmal zwei Königskinder. Ein Prinz und eine Prinzessin.

Der kleine Prinz liebte es, im Park zu spielen, versteckt, hinter den dichten Rosenhecken. Nicht lange aber, da trat der König an ihn heran und sprach: „Mein Sohn, du wirst eines Tages meine Nachfolge antreten. So beweise dich als Mann.“ Da schritt der kleine Prinz in den Garten und rodete sie, die dornenreichen Hecken. Mutig und tapfer.
Zum Manne herangereift, sattelte er seinen Rappen, winkte seiner geliebten Mutter zum Abschied zu und stellte sich den Abenteuern, die er suchte. Zu Ehren gekommen kehrte er stolz heim. Die Mägdelein jubelten ihm zu und er wurde gekrönt.
Mancherorts ging er auf die Jagd. Tapfer, mit einem Arm. Rühmlich in einer Schlacht geopfert. So auch an einem kalten Wintertag. Er schoss, zielte, traf und ward zufrieden. Er stellte das Gewehr in den Schrank, setzte sich auf den Thron, nahm das Zepter in die Hand und verschied … Wie die Amsel, die er zuvor erledigt hatte.

Und wie war es der Prinzessin ergangen? Auch die kleine Prinzessin liebte es, im Park zu spielen. Besonders dort, hinter den dichten, duftenden Rosenhecken unter dem Kirschbaum, der schüchtern und üppig vor sich hin blühte. Ihr Vater hatte ihr unter den süßesten Kirschen eine Schaukel aufhängen lassen, mit Kordeln aus kleinen Blüten, und einem Sitz, bezogen aus weichem dunkelroten Samt.

„Soll ich dir Johann mitschicken?“, fragte der König lächelnd und ein Sternenkranz bildete sich um seine grauen, klugen Augen. Johann, der nicht nur ein langjähriger Diener der Königsfamilie, sondern auch ihr Vertrauter war. „Er kann dir mit der Leiter die Kirschen vom Baum herunter holen.“ Aber jedes Mal schüttelte Prinzesschen ihren Kopf, dass die dick gelockten Zöpfe nur so um ihren Kopf stoben. Viel lieber hüpfte und galoppierte sie wie ein ungebändigtes Fohlen alleine durch den Park, um dann unter dem Kirschbaum stehen zu bleiben. Plötzlich. Ganz still. Bis ihre Atemlosigkeit überging in das laute Tschilpen und Trillern der kleinen Amseln, die vor wenigen Tagen geschlüpft waren. Ihre spärlich gefiederten Köpfchen baumelten noch schwach über den Nestrand. Aber ihre Stimmen riefen lauthals nach Futter und ihre Schnäbel waren weit aufgesperrt für einen dicken, fetten Happen, der sich bereits im Anflug befand.

Eigentlich wollte die Prinzessin schaukeln. So hoch, dass ihre Fußspitzen mit den kleinen, goldenen Pantoffeln die Wolken berührten. Doch da hörte sie jemanden piepsen. Immer lauter. Immer aufgeregter: „Nicht doch. Schön langsam. Immer einer nach dem anderen. Max, jetzt hättest du beinahe Amelie aus dem Nest geschubst, du Flegel. Kannst du den Schnabel nie voll genug bekommen? Musst du deine Flügel immer als Ellenbogen einsetzen, du kleiner Vielfraß? Was soll die Prinzessin von uns denken?“

„Ist mir das peinlich, Prinzessin.“ Ein kleiner Panamahut beugte sich vom höchsten Ast des Baumes zur Prinzessin hinunter. „Aber die kleinen Bälger bekomme ich fast nicht mehr satt.“ Sorgenvoll blickten die dunklen Knopfaugen der Amselmutter unter der Hutkrempe hervor, während sie sich erschöpft mit den Flügeln Luft zufächelte. Dabei kam der kleine, rote Rucksack auf ihrem Rücken ins Schwanken, in dem es brummte und summte: lauter Köstlichkeiten für die hungrigen, kleinen Mäuler. Sogar eine dicke Kirsche war darunter, die schließlich ins Kullern kam und – plumps – ganz unköniglich auf dem Kopf der kleinen Prinzessin landete. Der Schnabel der Amsel verfärbte sich schamrot, doch die kleine Prinzessin lachte nur glockenhell auf und fragte: „Soll ich dir helfen, liebe Amselmama?“ Und so begann ein eifriges Sammeln der saftigsten Kirschen. Ein Flattern und Zirpen und Klappern und Treiben, bis es gegen Abend endlich still wurde.

„Ohne dich hätte ich das nie geschafft, kleine Prinzessin. Du hast deshalb einen Wunsch frei.“ „Ich darf mir etwas wünschen?“ Die Prinzessin klatschte voll Freude in ihre kleinen Hände, von denen süßer Kirschensaft tropfte, den sie vorsichtig ableckte. „Ich wünsche, ich wünsche, ich wünsche mir, dass … dass es immer und immer so ein wunderschöner Tag bleibt wie heute!“

Und so kam es. Als sie Jahre später hinter den duftenden Rosenhecken das erste Mal ihren Märchenprinzen küsste, schmeckte der hingehauchte Kuss so süß, wie die leckeren Kirschen im Garten und ihr Herz flog höher, als jemals ihre goldenen Pantoffeln beim Schaukeln geflogen waren. Bis zum Himmel hinauf. Die Amselmama, inzwischen älter, aber nicht flügellahmer, war immer noch beschäftigt, die lebhafte Brut zu füttern und doch blieb Zeit für ein „Kwiwitt“ und aufmunterndes Zuzwinkern unter dem kleinen Panamahut, den jetzt ein buntes, flatterndes Band zierte.

Es gab sie noch, die Wünsche, die wahr wurden und die Stunden, schöner als in jedem Märchen.

Doch was wäre ein Sommer ohne Herbst, ohne Winter. Süße Früchte, dem endgültigen Vertrocknen geweiht. Und so wurde es kühler. Herbstliche Stürme rüttelten an dem Kirschbaum und die Amselmutter drängte zum Aufbruch, während sie wärmende Decken für die lange Reise verteilte. Die bunt gefärbten Blätter stoben davon … wie die kleine Amselfamilie und … ihr Märchenprinz. Der Prinz, der in seiner blank polierten Rüstung fortritt, mutig neuen Abenteuern entgegen, die ihn mehr forderten als ein kleiner, süßer, hingehauchter Kuss unter einem blühenden Kirschbaum.

Inzwischen waren alle Blätter vom Baum gefegt. Dürre Äste ragten in den schwarzen Himmel. Die Prinzessin, nun sogar zur Königin geworden, schaukelte auf dem Samtkissen, jetzt rot und abgewetzt, und hielt sich an der Kordel fest. Alle Blütenverzierungen waren davon abgefallen. Sie blickte in die Baumkrone. Kein Trillern. Kein Pfeifen. Das Nest, ausgeräubert von kleinen Eichhörnchen. Die ersten Schneeflocken fielen vom Himmel und deckten, unweit des Kirschbaumes, die Gräber zu. Das Lachen und die Unbeschwertheit der Kindertage waren vergangen. Endgültig.

Mit zittrigen Fingern schlang sich die Königin ihr Tuch fester um die Schultern und ging mit kleinen, müden Schritten auf das Schloss zu. Im Burgzimmer war es kalt und doch öffnete sie die Butzenfenster einen kleinen Spalt. Immer noch liebte sie den Blick auf die kleinen, friedlichen Dörfer und den Kirschbaum, der jetzt, unter der Schneedecke, wie überzuckert da lag. „Ach, damals, als ich noch ein kleines Mädchen war … “

In diesem Moment schreckte sie auf. Es war ihr, als berührte sie ein Flügelschlag, so zart wie eine Feder. Und dieser Hut über den schwarzen Knopfaugen kam ihr doch bekannt vor. „Bist du es, Amselmama? Ich glaube, ich träume. Das kann doch nicht wahr sein!“

„Was heißt, das kann nicht wahr sein“, piepste es. „Wer, außer mir kann wissen, dass damals eine runde, süße Kirsche auf dein blondes Haar geplumpst ist … aus meinem kleinen, roten Rucksack heraus.“

Die Königin öffnete überrascht ihren Mund und konnte nichts erwidern.

„Und ich wette mit dir“, fiepte es weiter, „außer uns beiden kennt niemand den Namen des größten Vielfraßes in unserer Sippe und den meines zartesten Amseltöchterchens … das übrigens inzwischen von kalorienarmen Kirschen auf fette Regenwürmer umgestiegen ist …“

„Amelie und … Max?“

„Sage ich doch.“

Die Königin lachte leise auf. „Amelie und Max. Ja, ich erinnere mich, sogar ganz genau. Was waren das für schöne Zeiten. Ich wünschte, dass es immer so geblieben wäre. Damals habe ich ganz fest daran geglaubt. Wie an die Erfüllung eines Märchens.“

Versonnen ging die Königin zu ihrem Schaukelstuhl und wippte sachte hin und her, während sie sich mit ihren Fußspitzen abstieß.

„Papperlapapp, Märchen. Das war kein Märchen.“ Die Amselmutter klapperte verächtlich mit dem Schnabel und stampfte mit ihren kleinen Füßchen auf, dass das Fensterbrett nur so wackelte. „Du weißt ja gar nicht, wie viel Mühe es mich all die Jahre gekostet hat, deinen Wunsch zu erfüllen.“ Und ihre Knopfaugen blickten viel versöhnlicher, als sie fortfuhr: „Aber ich habe es gerne gemacht. Immer und immer wieder. Obwohl du mich dabei gar nicht bemerkt hast. Aber du warst auch so beschäftigt mit deinem davon stürmenden Märchenprinzen.“ Aus dem versöhnlichen Blick wurde ein neckisches Blinzeln. „Das kenne ich. Ich sage dir, da gab es so einige fesche Amselherren.“

„Hätte es nicht so schön bleiben können? So, wie ich es mir damals gewünscht hatte. So schön, für immer?“, fragte erneut die Königin.

Ein eisiger Wind fuhr in das Gefieder der Amselmama und plustert es auf, dass sie aussah wie ein kleiner Schneeball. „Für immer? Dass auch der tausendste Kuss noch schmeckt wie der Erste? Dass die Kirsche den gleichen Geschmack hat, Jahr um Jahr? Dass du das Tirilieren im Nest kennst, noch bevor es gepfiffen wird und die Vogelkinder, niemals den eigenen Flug wagen? Für immer und immer.“

„Hmh, Amsel, komm, setze dich hier auf meinen Schoß. Ich mache dir keinen Vorwurf, dass damals mein Wunsch nicht in Erfüllung ging. Du musst nichts erklären. Nicht jetzt. Nicht mehr.“ Die Königin strich zart über ihr Gefieder. „Es gibt sie eben nicht, die wunderschönen Tage, die ewig dauern. Sie vergehen, wie die Blüten am Baum.“

Da rückte die Amselmutter ihren Hut zurecht und reckte dabei keck ihren Kopf. „Und doch, verehrte Königin, sammelst du immer noch Kirschen unter dem Baum, riechst immer noch an den duftenden Rosenhecken, immer noch schaukelst du, bis deine goldenen Pantoffeln die Wolken berühren … und kannst die Vögel sprechen hören.“

„Ja, wunderschön“, seufzte die Königin und meinte draußen im Park ein kleines Mädchen zu hören, das wild wie ein ungebändigtes Fohlen zu den dichten, duftenden Rosenhecken galoppierte, hinter dem sich ein Kirschbaum verbarg; mit den süßesten und saftigsten Kirschen diesseits und jenseits des Horizontes.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute, die Königskinder. Die einen, die Amseln sprechen hören und die anderen, die sie tot schießen. Ob beide einen Vogel haben?

© Pat Kohnle

Letzte Aktualisierung: 26.01.2009 - 14.48 Uhr
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