Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Märchen | Januar 2009
Die drei Wünsche oder Das Märchen von der bösen Schwiegermutter
von Eva Fischer

Vor langer Zeit lebte eine kleine Prinzessin in ihrem elterlichen Schloss. Der König hatte eine hohe Mauer bauen lassen, um seine Tochter zu schützen, denn seine Tochter war ihm kostbar, hatte er doch neun Jahre auf ihre Geburt warten müssen.
Eines Tages spielte die kleine Prinzessin mit einem Ball, den sie immer wieder gegen die hohen Mauern warf. Aber das Spiel wollte ihr trotz aller Fantasie keine rechte Freude machen, und so setzte sie sich auf den Brunnenrand und fing an zu weinen.
Da hörte sie plötzlich eine Stimme, aber so sehr sie auch suchte, sie konnte keine Menschenseele entdecken. Sie sah nur ein kleines Rotkehlchen, das sich zu ihren Füßen niedergelassen hatte.
„ Kleine Prinzessin, warum bist du so traurig? Warum weinst du?“
„Ach Rotkehlchen, das Ballspiel macht mir alleine keinen Spaß. Wie sehr wünschte ich mir ein Kind, das mit mir spielen könnte.“
„ Du hast Glück, Prinzessin, dass ich vorbeigeflogen bin, denn ich kann dir deine Wünsche erfüllen.“
„ Ist das wahr?“ sagte die Prinzessin und sprang begeistert auf.
„Dann wünsche ich mir auf der Stelle eine Spielkameradin!“
„ Ach Prinzessin, auf der Stelle erfüllen sich Wünsche nie. Doch ich verspreche dir, sie werden sich eines Tages erfüllen, und du hast sogar noch zwei Wünsche frei, denn drei ist die heilige Zahl.“
„ Ich habe noch zwei Wünsche frei!“ jauchzte die Prinzessin und überlegte angestrengt.
„ Ich wünsche mir, warte...ich wünsche mir einen lieben Prinzen eines Tages und viele Kinder.“
„Gemach,“ sagte das Rotkehlchen. „Wünsche sind schnell ausgesprochen, aber du hast nur einmal im Leben drei Wünsche frei. Sie wollen also wohl überlegt sein.“
„Was ist denn schlecht an meinen Wünschen?“ fragte die Prinzessin.
„Nichts,“ antwortete das Rotkehlchen, „aber wenn ich dir einen Rat geben darf, dann wünsche dir als dritten Wunsch: Glück im Unglück!“
„Ich wünsche mir Glück und kein Unglück!“ rief die Prinzessin entrüstet aus.
„Unglück wünscht sich kein Mensch, aber dennoch kann man es nicht verhindern. Wenn du aber wenigstens Glück im Unglück hast, dann bist du gut dran.“
„Ich verstehe nicht genau, was du meinst,“ sagte die Prinzessin. „Doch ich vertraue dir. Abgemacht. Mein dritter Wunsch ist also Glück im Unglück. Am wichtigsten ist mir im Augenblick die Spielkameradin. Ich hoffe, dass du mir diesen Wunsch schnell erfüllst.“
„Ich werde mir Mühe geben,“ sagte das Rotkehlchen, schwang seine Federn und flog geradewegs in den Himmel.

Die Zeit verging und die Prinzessin wartete ungeduldig auf ihre Spielkameradin, aber der strenge König versagte ihr weiterhin allen Kontakt mit der Außenwelt.
Eines Nachts hörte sie laute Stimmen. „Feuer! Feuer! Es rette sich, wer kann!“
Die kleine Prinzessin rieb sich den Schlaf aus den Augen, zog ihre kleinen Pantöffelchen an und rannte hinaus, so schnell sie ihre Beine trugen.“
Da standen der König, die Königin und der gesamte Hofstaat und mussten zusehen, wie die gewaltigen Mauern abbrannten und mit ihnen das ganze Schloss.
„Oh welch ein Unglück ist über uns hereingebrochen!“ jammerte der König laut, aber die Königin fasste ihn sanft bei der Hand und sagte: „Ihr habt Recht, mein Gemahl, aber wie ihr wisst, habe ich eine Schwester, nur wenige Tagreisen von hier entfernt. Sie ist mit einem großzügigen und reichen König vermählt und wird uns gern aufnehmen, so lange bis das Schloss wieder aufgebaut ist.“
Und so geschah es. Am nächsten Tag machte sich die Königin mit ihrer Tochter und einem Teil des Hofstaates auf den Weg zu ihrer Schwester.
Die Prinzessin kam aus den Staunen nicht heraus, denn noch nie hatte sie etwas anderes als das Schloss und den Park innerhalb der Mauern gesehen. Und was gab es da nicht alles zu bewundern: Seen und Berge, Wälder und Wiesen, Dörfer mit fremden Menschen, Junge und Alte.
Als sie angekommen waren, begrüßte ihre Tante sie herzlich.
„Ach was freue ich mich, dich endlich kennen zu lernen, Prinzessin, denn auch ich habe eine Tochter in deinem Alter. Sie wartet schon voller Ungeduld auf dich.“
Die beiden Mädchen waren sich auf Anhieb sympathisch. Sie tollten herum und spielten miteinander, dass es eine Lust war, ihnen zuzuschauen.
Der Bau des Schlosses verzögerte sich immer wieder, so dass die Prinzessin lange bei ihrer Base bleiben konnte, und als es endlich galt, Abschied zu nehmen, da hatte die Prinzessin reiten gelernt und ein eigenes Pferd, so dass sie oft ihre Base besuchen konnte.
Sie blieben gute Freundinnen ein Leben lang.

Als die Prinzessin in das heiratsfähige Alter kam, ließ der König Boten aussenden, damit alle heiratswilligen Königssöhne sich im Schloss vorstellen konnten.
Zuerst kam ein tapferer Krieger, aber die Prinzessin sagte: „Lieber Vater, ich kann diesen Mann nicht heiraten. Er hat so entsetzlich große Hände. Ich fürchte mich davor.“
Da stellte sich der zweite Königssohn vor. Er hatte so manchen Feind mit seiner List bezwungen, aber die Prinzessin sagte: „ Auch diesen Mann kann ich nicht heiraten. Seine Augen schauen mich so kalt an. Ich fürchte mich davor.“
Der König wurde wütend. „Du undankbare Tochter!“ schalt er sie. „Habe ich etwa eine Prinzessin auf der Erbse herangezogen?“
Zuletzt kam noch ein Königssohn und die Prinzessin schaute ihm in die warmen Augen und sah auf seine feinen Hände. „Das ist er, lieber Vater. Diesen Königssohn werde ich heiraten.“
Da wurde Hochzeit gefeiert und die Prinzessin zog auf das Schloss ihres Gemahls und ward von nun an selbst eine Königin.

Binnen drei Jahren gebar sie ihm einen Sohn und das Glück schien vollkommen zu sein.
Aber jeder weiß, dass Glück und Unglück abwechseln wie Tag und Nacht, und als die Jungkönigin im siebten Jahr verheiratet war, da brach ein Krieg an der Grenze des Reiches aus und der König musste sich von seiner Gemahlin verabschieden, um in den Krieg zu ziehen.

Von nun an war die Mutter des Königs, ihre Schwiegermutter, ihre ständige Begleiterin.
„Du musst aufhören, immer wie ein Glöckchen zu lachen,“ mahnte sie. „Dein Mann ist im Krieg! Das schickt sich nicht!“
Und so lachte die junge Königin nicht mehr.
„ Die hellen bunten Farben deiner Kleidung gehören sich nicht für eine Königin,“ schimpfte sie.
Und so kleidete sich die junge Königin in Schwarz.
„ Deine Arbeit trägt keinerlei Früchte. Du schwingst lediglich große Reden,“ kritisierte sie.

Da nahm die junge Königin ihr Pferd und ritt tief in den Wald, wo sie bitterlich zu weinen anfing.
„Selbstmitleid, sei vermaledeit!“ hörte sie krächzen. Sie schaute sich um und sah einen Raben auf einem Ast sitzen. „Selbstmitleid, sei vermaledeit,“ wiederholte er und schaute sie frech an.
„Du hast gut reden. Du weißt nicht, wie ich unter meiner Stiefmutter leide.“
„Kritik mag unsere Königin also nicht,“ krächzte der Rabe verächtlich. „Hat es Frau Königin lieber, wenn man ihr falschen Honig um das Mündchen schmiert?“
„Das ist es nicht“, sagte die junge Königin. „Ich habe das Gefühl, meine Schwiegermutter mag mich nicht.“
„Gefühl! Was ist das schon? Gefühle verändern sich wie der Mond am Himmel.
Nehmt die Kritik an, wenn sie hilfreich ist oder lasst es bleiben. Wenn ihr mich fragt, so habt ihr jede Menge Kritik nötig. Ihr sitzt sicher in dem Sattel eures Pferdes, aber eure Schwiegermutter bringt euch mit einigen Worten zu Fall. Denkt daran, auch euer Gemahl muss in der Schlacht kämpfen, wenn er gesund zu euch nach Hause kehren soll.“
„Vielleicht habt ihr Recht, ich danke euch jedenfalls,“ sagte die junge Königin nachdenklich, stieg auf ihr Pferd und ritt zum Schloss zurück.

„Wo kommst du her?“ wollte die Schwiegermutter sie fragen, aber der veränderte Blick der jungen Königin ließ sie schweigen.
„Bringt mir rote Kleider!“ befahl diese ihrer Dienerin.

Nach sieben Jahren kehrte der König aus dem Krieg zurück. Zwar war es ihm gelungen, die feindlichen Heere zu schlagen, aber er selbst hatte Blessuren erlitten.
Die Königin sah die Narben auf den einst feinen Händen.
Auch der König fand seine Frau verändert vor. Ihre Unbekümmertheit war verschwunden und ihre Hände zeigten Schwielen, denn sie hatte zugepackt, wo immer es die Not erfordert hatte.

Und die Schwiegermutter?
Sie stand neben den beiden, schaute wie immer kühl auf ihre Schwiegertochter herab, aber die Königin meinte, einen gewissen Stolz in ihren Augen aufflackern zu sehen.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute.


Letzte Aktualisierung: 01.01.2009 - 13.57 Uhr
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