Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Märchen | Januar 2009
Die Feen
von Anissa Heinrichs

Es war einmal ein kleines MĂ€dchen namens Lilly. Sie wohnte in einem schönen Haus am Stadtrand. Ihr Vater war gestorben und ihre Mutter hatte wieder geheiratet. Lilly mochte ihren Stiefvater nicht besonders. Sie vermisste ihren Vater sehr. Eines Tages spielte sie im Garten hinter dem Haus, als sie Stimmen und GelĂ€chter hörte. Sie wurde neugierig und folgte den GerĂ€uschen durch das Loch im Gartenzaun. Hinter dem Garten lag ein kleiner Wald mit vielen alten BĂ€umen. Schmetterlinge flatterten durch die Luft und BlĂŒtenblĂ€tter schwebten sanft umher. Lilly blieb vor einem großen Baum stehen und schaute sich um. Zuerst war nichts zu sehen außer den Schmetterlingen, aber dann wurden die Stimmen lauter. Als Lilly genauer hinschaute, konnte die kleine Wesen sehen. Sie hatten kleine FlĂŒgel und schwirrten um sie herum.
“Hallo”, flĂŒsterte Lilly den Wesen zu. “Wer seid ihr?”
Die Wesen antworteten ihr, dass sie Feen seien. Lillys Herz hĂŒpfte vor Freude. Schon oft hatte sie in MĂ€rchenbĂŒchern von den magischen Wesen gelesen, doch sie hatte nie gedacht, dass sie tatsĂ€chlich mal welche sehen wĂŒrde. Ihre Mutter hatte immer wieder gesagt, dass Lilly mit ihren acht Jahren nicht mehr an so etwas glauben sollte. Lilly jedoch weigerte sich, nicht mehr daran zu glauben. FĂŒr sie war es sicher, dass es eine magische Welt gab, und nun hatte sie diese gefunden. Die Feen aber wollten nicht, dass jemand anderes sie sah und ließen Lilly schwören, ihr Geheimnis nicht zu verraten.

Lilly ging gerade mit ihrer Freundin von der Schule nach Hause. An einer Straßenecke trennte sich der Weg der beiden MĂ€dchen. Sie verabschiedeten sich herzlich und gingen getrennt weiter. Keiner von ihnen bemerkte den Lieferwagen, der ihnen schon seit einiger Zeit gefolgt war. Als Lilly den Weg durch den Park einschlug, stieg ein Mann aus dem Wagen und folgte ihr. Lilly tanzte vergnĂŒgt herum und sang dabei ein altes Ammenlied, das sie auswendig kannte. Es war warm und die Sonne schien vom Himmel. Es roch nach Blumen und Gras. An der BrĂŒcke bog sie ab und ging hinunter zum Wasser. Kleine BlĂ€tter schwammen im Bach und sahen aus wie kleine Boote. Lilly beobachtete sie neugierig und unterhielt sich leise mit ihren neuen Freunden. Der Unbekannte war ihr weiter gefolgt und sah nun seine Chance. Er schlich sich an und griff dann nach den Schultern des kleinen MĂ€dchens.
Er wollte sie wegzerren und hielt ihr den Mund zu. Lilly wehrte sich heftig. Plötzlich schlug ihn etwas ins Gesicht. Er taumelte zurĂŒck und ließ das MĂ€dchen los. Irgend etwas war bei ihnen, aber er konnte es nicht sehen. Verzweifelt schlug er um sich und schrie. Dann bemerkte er etwas in seinem Hals. Er wĂŒrgte und hustete und spuckte schließlich einen Frosch aus. Doch bei einem blieb es nicht. Immer wieder wĂŒrgte er und spuckte einen weiteren Frosch aus. Entsetzt schaute er das MĂ€dchen an, das neben ihm stand und lachte. Es lachte nur und sang weiter ihr Lied. Der Unbekannte wurde panisch, denn er konnte nicht aufhören zu spucken. Schließlich blieb ihm einer der Frösche im Halse stecken.
Ein letztes Mal keuchte und wĂŒrgte er, dann brach er zusammen und blieb regungslos liegen. Starre Augen blickte Lilly an. Die jedoch lachte und ging einfach weiter.

An einem anderen Tag spielte Lilly mit einer Schulkameradin auf dem Schulhof. Diese wollte ihr den Ball nicht geben, was Lilly wĂŒtend machte. Zornig schrie sie das andere MĂ€dchen an, es solle ihr sofort den Ball geben. Ihre Schulkameradin verneinte, denn sie wollte selbst damit spielen.
Lillys Wut wurde immer grĂ¶ĂŸer und plötzlich verdunkelte sich der Himmel ĂŒber dem Schulhof. Ein fĂŒrchterlicher Wind kam auf und das andere MĂ€dchen konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel hin. Eine Lehrerin kam dazu und versuchte zu beruhigen. Lilly hatte ihren Ball und der Himmel klarte wieder auf. Doch der Blick in ihren Augen erschreckte die Lehrerin. Etwas Kaltes und UnnatĂŒrliches lag darin. Ein Kind sollte nicht so aussehen, dachte die Frau.
Diese Art VorfÀlle hÀuften sich langsam. Die Eltern von Lilly waren sehr besorgt deswegen und
versuchten mit ihr darĂŒber zu sprechen, doch sie glaubten ihr nicht, dass die Feen dafĂŒr verantwortlich waren. WĂŒtend rannte sie aus dem Haus und lief zum kleinen Wald, wo ihre Freunde wohnten. Dort setzte sie sich auf den Baum und sprach mit ihnen. Sie wĂŒnschte sich, dass ihr Stiefvater tot war.
Im selben Moment griff sich dieser im Haus an Brust und klagte ĂŒber starke Schmerzen. Er hatte das GefĂŒhl, dass etwas nach seinem Herz greifen wĂŒrde und es drĂŒckte. Ihm blieb die Luft weg und er konnte kaum noch atmen. Schließlich brach er zusammen und Lillys Mutter rief den Notarzt.
Ein paar Stunden spĂ€ter saßen Lilly und sie am Krankenbett des Stiefvaters. Lilly weigerte sich, dem Kranken zu nĂ€hern. Sie blieb lieber abseits sitzen. Als ihre Mutter kurz rausging, um sich einen Kaffee zu holen, ging Lilly doch zum Bett und schaute ihren Stiefvater lange an.
“Du hĂ€ttest meine Mutter lieber nicht heiraten sollen. Du kannst den Platz meines Vaters nicht einnehmen!” flĂŒsterte sie ihm ins Ohr. Der Mann zeigte keine Reaktion, doch die Kurve des EKGs schwankte.

Kein Kind wollte mehr mit Lilly spielen, denn sie hatten Angst vor ihr. Lillys Mutter bekam Anrufe von besorgten MĂŒttern. Das MĂ€dchen zog sich immer mehr zurĂŒck und blieb in ihrer eigenen Welt.
Eines Tages klingelte es an der TĂŒr und eine alte Frau stand davor. Sie bat um Einlass, denn sie musste dringend mit Lillys Mutter sprechen.
“Die Wesen, die ihre Tochter sieht, nennen sich Feen. Doch das sind nicht die niedlichen, kleinen Gestalten, die man aus BĂŒchern kennt. Sie sind in Wahrheit hĂ€sslich und Ă€ußerst gefĂ€hrlich. Ich weiß nicht woher genau sie kommen, aber sie sind real. Sie verfĂŒhren Kinder und nutzen deren Kraft aus. Aber irgendwann reicht es ihnen scheinbar und dann verschwinden die Kinder spurlos”, erklĂ€rte die alte Frau bei einer Tasse Tee.
“Das kann ich einfach nicht glauben”, antwortete Lillys Mutter.
“Ich habe Fotos mitgebracht. Bitte, schauen Sie sich die an!”
Immer noch unglĂ€ubig betrachtete Lillys Mutter die vergilbten Fotos, auf denen seltsame Wesen zu sehen waren. Zuerst sahen sie wunderschön aus mit kleinen glitzernden FlĂŒgeln und schlanken Körpern. Doch auf anderen Fotos waren es fledermausĂ€hnliche Geschöpfte mit scharfen Krallen.
“Das sind doch FĂ€lschungen!”
“Nein, das sind sie nicht. Das ist die Wahrheit. Ich flehe sie an, sie mĂŒssen Lilly von den Wesen fernhalten. Sie darf nicht zu ihrem Versteck gehen. Diese Kreaturen werden sich Lilly holen.”
Lillys Mutter war wĂŒtend und warf die alte Frau aus dem Haus.

Einige Tage spĂ€ter wurde Lillys Stiefvater wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Er hatte einen Herzinfarkt ĂŒberstanden. Aber es dauerte nicht lange, dann gab es wieder Streit zwischen ihm und Lilly. Sie standen im Garten und Lilly schrie wĂŒtend, dass sie sich wĂŒnschte, sein Herz hĂ€tte ganz aufgehört zu schlagen. Wieder hatte ihr Stiefvater gleich darauf ein beklemmendes GefĂŒhl in der Brust, als wĂŒrde eine Hand es zerdrĂŒcken. Doch dieses Mal konnte er sehen, was es war. Eine hĂ€ssliche Kreatur mit lederartigen FlĂŒgeln war vor ihm. Lillys Mutter stand entsetzt daneben und war zuerst unfĂ€hig etwas zu tun, dann jedoch rief sie erschrocken nach ihrer Tochter.
“Bitte Lilly, hör auf damit! Ich flehe dich an, lass ihn zufrieden!”
Die Kreatur blickte Lilly an und ließ von dem Stiefvater ab. Dann rannte Lilly weg in Richtung Wald. Ihre Mutter versicherte sich zunĂ€chst, ob es ihrem Mann gut ging. Als der ihr signalisierte, dass alles in Ordnung war, lief sie ihrer Tochter hinterher. Sie sah Lilly, die an einem Baum stand mit kleinen, geflĂŒgelten Wesen sprach.
“Lilly, komm bitte mit mir zurĂŒck!” meinte ihre Mutter vorsichtig.
“Mutter, das sind meine Freunde. Sie helfen mir und spielen mit mir. Sind sie nicht wunderschön?” flĂŒsterte Lilly und blickte die Wesen an.
“Ich bin deine Mutter, ich liebe dich doch. Bitte komm mit mir!”
“Nein, ich werde nicht mehr nach Hause gehen. Ihr braucht mich doch gar nicht. Ich weiß von dem Baby. Sie haben es mir erzĂ€hlt. Wenn du ein neues Kind bekommst, dann wirst du mich nicht mehr lieb haben. Ich vermisse Dad. Sie haben mir versprochen, dass ich ihn wiedersehen kann, wenn ich mit ihnen gehen.”
“Lilly, dein Dad ist tot. Ja, ich bekomme ein Baby. Es wird ein Junge. Lilly, du wirst Schwester. Dein kleiner Bruder wird dich brauchen.”
“Es ist soweit. Ich werde gehen. Ich habe dich lieb.”

Ein helles Licht schien von Lilly auszugehen und sie einzuhĂŒllen. Langsam wurde sie durchsichtig und milchig. Lillys Körper verwandelte sich in ein GlĂŒhen und verschwand schließlich ganz.
Lilly war fort. Ihre Mutter stand weinend am Baum und untersuchte den Platz, an dem gerade noch ihre Tochter gestanden hatte. Von Lilly war nichts mehr zu sehen. Etwas glitzerte am Boden im Gras und ihre Mutter griff danach. Es war eine silberne Brosche, die Lilly vorher noch an ihrer Strickjacke hatte. Das war das Einzige, was von dem kleinen MĂ€dchen zurĂŒckblieb.

Letzte Aktualisierung: 06.01.2009 - 11.36 Uhr
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