Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Märchen | Januar 2009
Der Zauber der Frau Jeklarabarevjowyrobipa
von Gerhard Fritsch

Es war einmal ein wohlhabender Bauer, der hatte sieben Söhne, die alle je nach ihren Neigungen sehr begabt waren. Einer lernte das Zimmererhandwerk, einer wurde Müller, einer Priester, zwei studierten die Lehre der Advokaten und belegten hohe Ämter in der königlichen Staatsverwaltung. Der zweitjüngste Sohn sollte dereinst den väterlichen Hof übernehmen, wozu er ebenfalls bestens geeignet war. Dieses Privileg hätte eigentlich dem jüngsten Sohn gebührt, doch dieser verschrieb sich mit Leib und Seele der Musik. Selbst die seiner Erziehung innewohnende Strenge konnte ihn nicht davon abhalten, alle nur irgendwie verfügbaren Instrumente zu ergreifen und deren Gebrauch in kürzester Zeit und in höchster Perfektion zu erlernen. Während jedoch alle anderen Söhne des Bauern in ihren Berufen überaus erfolgreich waren, blieb dem jüngsten trotz unübertrefflicher Virtuosität die Anerkennung seiner Kunst in der Öffentlichkeit versagt. Wo er auch auftrat - denn wie jeder andere Künstler wollte auch er mit seiner Begabung die Menschen erfreuen - wurde er ausgebuht oder als Scharlatan beschimpft. Niemand schien seine wahren Fähigkeiten zu erkennen, nur seine Mutter stand zu ihm und bestärkte ihn in seinem immerwährenden Verlangen, sich im Spiel der verschiedenen Instrumente zu üben.
Doch da sie dachte, ihr Sohn hätte etwas Besseres verdient, entschloss sie sich eines Tages, sich nicht mehr mit der Reaktion der anderen Leute abzufinden. Sie ging mit ihrem Jüngsten in den Wald, in dem die alte, aber sehr weise Frau Jeklarabarevjowyrobipa wohnte, die sie um Rat fragen wollte. Frau Jeklarabarevjowyrobipa hörte sich das Anliegen der beiden an und stellte noch diese und jene Frage, die ihr wichtig erschienen, das ganze Ausmaß des vorliegenden Übels zu beurteilen. Nachdem sie daraufhin eine Weile nachgedacht hatte, teilte sie dem jüngsten Sohn und seiner Mutter das Resultat ihrer Überlegungen mit. Zum Jüngsten gewandt, begann sie: „Deine Kunst ist unübertrefflich, das steht fest. Aber den Leuten, die dir zuhören, kommt es nicht darauf an, das Beste zu hören, sondern eher, sich selbst in der dargebotenen Kunst wieder zu finden, so wie sie auch in ihrem eigenen Bett lieber schlafen als in einem fremden. Merke dir deshalb Folgendes: kleide dich so wie die Menschen, vor denen du auftrittst, kämme deine Haare so, rede so und lächle so wie sie. Damit dir dies leichter fällt, trinke den Inhalt des Bechers, den ich dir jetzt mische und schlafe ein wenig. Dann gehe wieder hin und versuche die Menschen mit deiner Musik zu erfreuen.“
Der jüngste Sohn trank den Becher mit einem Zug leer und begab sich gemeinsam mit seiner Mutter, nachdem sie sich bei Frau Jeklarabarevjowyrobipa für ihre Hilfe bedankt hatten, nach Hause, wo er sogleich in einen tiefen Schlaf fiel.
Als er nun am nächsten Morgen erwachte, griff er, wie er es gewohnt war, als erstes zu einem Zupfinstrument, um die Gelenkigkeit seiner Finger zu trainieren. Doch wie schon lange nicht mehr, war er nun plötzlich sehr unzufrieden mit sich selbst, ja glaubte sogar, die Perfektion seines Spiels eingebüßt zu haben. Seine Mutter hingegen empfand sein Spiel noch schöner als zuvor und ging mit ihm, nachdem sie ihn in einfache Kleider gesteckt und seine Haare etwas zurechtgeschnitten hatte, sogleich zur nahegelegenen Stadt, wo er auf dem belebten Marktplatz seine Kunst zum Besten geben sollte. Verlegen und für ihn ungewohnt ängstlich stellte er sich auf das Podest und entschuldigte sich im Vorhinein bei den Leuten für sein Spiel, das er als an diesem Tag als unvollkommen bezeichnete. Und tatsächlich empfand er es als höchst fehlerhaft, seine Finger wollten ihm beim Greifen der Saiten nicht recht gehorchen, und manchmal wusste er gar die Notenfolge nicht mehr oder er hatte den Text vergessen. Er schämte sich so sehr seiner selbst, dass er das Spiel abbrach und sich selbst vor aller Leute einen Betrüger schalt, der es nicht wert sei, auch nur einen Augenblick länger gehört zu werden. Er könne gut verstehen, wenn man ihn an den Pranger stellen wolle oder ihn bespucke und mit faulem Obst bewerfe. Doch nichts von alledem geschah. Im Gegenteil: Die Leute jubelten und ließen ihn hochleben, dankten für sein schönes Spiel und warfen ihm Münzen und Naturalien zu. Völlig überrascht stand der jüngste Sohn nun da und wollte gar nicht glauben, was ihm da widerfuhr. Aber der Trank, den die Frau Jeklarabarevjowyrobipa ihm verabreicht hatte, änderte auch seinen Umgang im Sprechen und Gestikulieren den anderen Menschen gegenüber. Als hätte er es schon immer so getan, sprudelten ihm die Worte der Freude und Begeisterung nur so aus dem Munde. Er lobte seine Zuhörer ob ihrer Geduld und ihrer Freundlichkeit, die er nicht zu erwarten gehofft hatte, und beteuerte, dass auch ihm ihre Kunst oder ihr Handwerk überaus gut gefallen würde. Diese wiederum bedankten sich für das Lob und gaben es umso überschwänglicher mit aufrichtiger Herzlichkeit wieder zurück.
Von jenem Tag an wurde der jüngste Sohn des Bauern überall, wo er hinkam, begeistert empfangen und gefeiert, auch wenn sein Spiel auf den Instrumenten und sein Gesang lange nicht mehr so schön anzuhören waren wie vordem. Aber die dargebotene Musik schien auch nicht mehr so wichtig zu sein wie früher, vielmehr war es das gegenseitige Bekunden des Wohlgefallens und das Danken über das Lob des jeweiligen Gegenübers.

So kam der jüngste Sohn des Bauern doch noch zu großem Ruhm und galt in seiner Zeit als bester Sänger und virtuosester Musikant im ganzen Land, der regelmäßig auch zu den Gesellschaftstreffen am Königshof geladen wurde.

Die weise Frau Jeklarabarevjowyrobipa aber lebt noch heute versteckt im tiefen Wald und mixt den Zaubertrank für verkannte Gaukler und Spielleute, die den Weg zu ihr finden.

Letzte Aktualisierung: 22.01.2009 - 14.48 Uhr
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