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Mńrchen | Januar 2009
Alles M├Ąrchen oder was
von Yvonne Rewny

Es war einmal ein K├Ânig, der regierte ein Reich, welches nur durch den Glauben der Menschenwelt an seine Untertanen existierte. Deshalb tat er alles, damit dieser Glaube nicht verloren ging. Zur Motivation seines Volkes rief er eine Preisverleihung aus, die seit Anbeginn der Phantasie alle dreihundert Jahre stattfand. Geehrt wurden diejenigen, denen es gelungen war, einen festen Platz in den Herzen der Menschen einzunehmen. Heute war es wieder soweit. Man hatte sich im riesigen Saal des Schlosses versammelt, nachdem ein jeder ├╝ber den roten Teppich geschritten war. Wirklich jeder?

Agathe g├Ąhnte herzhaft und blickte sich erschrocken um. Hoffentlich hatte niemand bemerkt, dass sie den Worten des Herrschers ├╝ber ihr kleines Reich so halbherzig lauschte. Die Ruhe, die nur durch den monotonen Singsang der ├╝blichen Reden unterbrochen wurde, beruhigte sie wieder. Sie presste die Schnabelspitzen fest aufeinander und versuchte, den Worten des Phantasieministers zu folgen, der gerade dabei war, die Taten der hier versammelten Wesen zu preisen. Aber es gelang ihr nicht. Das alles hatte sie so oder so ├Ąhnlich fast aufs Wort genau schon zu oft geh├Ârt. Ihr Blick schweifte ab und somit auch ihre Gedanken.

Mit welchen Hoffnungen und Tr├Ąumen hatte sie die gro├če Halle zum ersten Mal betreten! Damals, als sie noch jung war und ihr schwarzes Gefieder gl├Ąnzte wie kein zweites. Als sie noch dachte, sie w├╝rde ein eigenes M├Ąrchen bekommen. Aber alles kam anders. Und der Grund daf├╝r sa├č da vorn in der zweiten Reihe und flirtete mit einem der Schwaben. Vergeblich hatte Agathe auf das M├Ądchen eingeredet, dass Wein und Kuchen f├╝r einen Krankenbesuch bei der Gro├čmutter doch wohl reichen und dass man auf M├╝tter h├Âren sollte, auf W├Âlfe dagegen nicht. Es hatte nichts gen├╝tzt und sie verbrachte den halben Tag damit, nach dem J├Ąger zu suchen, damit die beiden nicht im Bauch des Wolfes erstickten. Es kam wie es kommen musste: Die Canis Lupi verklagten Agathe und sie war untragbar geworden. Es half auch nicht, dass die Story sich hervorragend verkaufte, denn sie kam darin nicht mehr vor. Sie sch├╝ttelte den Kopf. Hochn├Ąsiges Ding! Rotk├Ąppchen hatte sich nicht einmal bedankt.

Die Fee der G├╝te betrat die B├╝hne und versprach sich kurz zu fassen. Agathe seufzte, denn sie wusste aus Erfahrung, dass dies ein leeres Versprechen war. Ihre gelben Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als sie die zwei Kinder im Publikum entdeckte. H├Ąnsel und Gretel. Keinen Tag gealtert, ├Ąu├čerlich immer noch unschuldig und dennoch hatten sie ihren Ruhm Agathes Eingreifen zu verdanken. Sie sah noch heute die angstgeweiteten Augen des M├Ądchens vor sich, ihre Hilflosigkeit im Angesicht des Ungeheuerlichen. Konnte immer noch die Erleichterung des Jungen sp├╝ren, nachdem sie die Hexe zu Fall gebracht und seinen K├Ąfig ge├Âffnet hatte. Dankbarkeit bekam sie daf├╝r nicht. Nie h├Ątte sie die beiden zu dem Gold und den Juwelen der Alten f├╝hren d├╝rfen!

Ein Tusch riss sie aus ihren Gedanken. Die Wahl der Jury wurde nun bekannt gegeben, aber da h├Ârte Agathe endg├╝ltig nicht mehr zu. Die meisten der Geehrten kannte sie nicht, zu neu waren ihre Geschichten. Nur ab und zu schaute sie neugierig nach vorn, wenn jemand aufgerufen wurde, der seine Ber├╝hmtheit ihr zu verdanken hatte. Gerade wurde der Preis f├╝r Sch├Ânheit ├╝berreicht. Mit Grausen dachte Agathe daran, was wohl passiert w├Ąre, wenn sie den F├Ârster nicht dazu h├Ątte bringen k├Ânnen, Schneewittchen laufen zu lassen. Das war gar nicht so einfach gewesen! Erst als sie behauptete, sie w├Ąre Gott, war er bereit, den Gehorsam seiner K├Ânigin gegen├╝ber zu brechen. Sie schmunzelte. Das h├Ątte ganz sch├Ân schief gehen k├Ânnen.

Der Preis f├╝r Mut ging an den Prinzen, der die Dornenhecke durchdrungen hatte. Stolz schritt er auf die B├╝hne und Agathe hatte nicht schlecht Lust, ihn daran zu erinnern, wer ihm das Loch im Rosenbusch gezeigt hatte. Nur ihre Sympathie f├╝r Dornr├Âschen hielt sie davon ab. Die Troph├Ąe f├╝r Empfindsamkeit bekam eine junge Frau ├╝berreicht, die heute nur noch als Prinzessin auf der Erbse bekannt war. Dabei h├Ątte die nicht mal eine Kokosnuss gesp├╝rt. Agathe war es gewesen, die ihr das Gem├╝se gezeigt und von den Absichten des K├Ânigspaares erz├Ąhlt hatte. F├╝r Schlauheit wurde das Igelpaar ausgezeichnet. Agathe und der Hase wechselten einen kurzen Blick, er nickte ihr anerkennend zu und ihr war klar, dass er Bescheid wusste. Nat├╝rlich w├Ąren die beiden nie im Leben alleine auf die geniale Idee zu dem Wettrennen gekommen,

Agathe schluchzte leise auf. Hatten sie denn alle vergessen? War Undank wirklich der Welten Lohn? Sie war pl├Âtzlich nicht mehr bereit, sich diese Farce l├Ąnger zuzumuten. Langsam erhob sie sich, um den Saal zu verlassen. Gerade wollte sie ihre Fl├╝gel ausbreiten, da erstarrte sie und zog den Kopf ein. Der K├Ânig sprach von einer Kr├Ąhe, die im Verborgenen wirkte und der sie alle viel zu verdanken h├Ątten. Deshalb sollte sie heute geehrt werden, f├╝r ihren Mut, ihren Ideenreichtum und ihre Hingabe f├╝r andere. Agathe. Sie h├Ârte Kleiderrascheln und St├╝hler├╝cken, dann war es still um sie herum. Sie wagte nicht zu atmen. Jemand klatschte in die H├Ąnde und langsam stimmten andere mit ein, bis der ganze Saal von Applaus erf├╝llt war. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sogar der Kater ihr huldigte. Durch eine Unachtsamkeit war sie ihm einst in die Krallen gefallen und konnte sich nur durch ihre Ratschl├Ąge am Leben halten. Im allgemeinen Trubel ├╝ber den Tod des b├Âsen Zauberers war sie entkommen und lebte seit dem in st├Ąndiger Angst vor dem Tier.

Langsam schritt Agathe durch das Spalier der Anwesenden. Der K├Ânig pers├Ânlich ├╝berreichte ihr den Preis. Sie weinte Tr├Ąnen der Freude und R├╝hrung, bis ihr Gefieder ganz nass davon war. Als sie ein paar Worte des Dankes sagen wollte, schn├╝rte ihr das Gl├╝ck die Kehle zu, so dass nicht mehr als ein Kr├Ąchzen herauskam, deshalb verneigte sie sich nur. So tief, dass ihr Schnabel den Boden ber├╝hrte.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann erz├Ąhlt Agathe, die Kr├Ąhe, noch heute von ihrem Einfluss auf das M├Ąrchenreich, von dem rauschenden Fest, welches ihrer Ehrung folgte und von Wesen, die manchmal mehrere Jahrhunderte brauchen, um Danke zu sagen.

Letzte Aktualisierung: 20.01.2009 - 00.07 Uhr
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