Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Märchen | Januar 2009
Orchidee
von Thomas Losch

Emma wischte Staub.
Es war ein glasklarer Tag im Januar des Jahres 2525.
Sie hatte eines der Häuser bekommen, die am Markt noch gehandelt wurden. Wenn sie aus dem Fenster blickte, sah sie die verbrannte schwarze Erde.
Eine Mischung aus Erde und Müll.
Die illegalen Mülldeponien aus der EU-Zeit hatten die Angewohnheit, sich in unregelmäßigen Abständen plötzlich und unerwartet aufzublähen.
"Zu eruptieren", wie Martha, ihre Freundin, sie auszubessern pflegte.
Mit einer Mischung aus Sehnsucht und Widerwillen am Fenster stehend, ihr Sherryglas in der Hand haltend, pflegte sie auf die Reste der so genannten Zivilisationszeit zu blicken.
Da die Männer nach der letzten großen Katastrophe auf einer niedrigeren Evolutionsstufe plötzlich stehen geblieben waren, lebten die Frauen notgedrungen unter sich in ihrem eigenen Stadtteil, den sie Orchidee nannten.
Und das nun schon seit Jahrhunderten.
In letzter Zeit allerdings machte sich unter den jungen privilegierten Frauen Orchidees eine Art trotzige Neugier nach den Reservatsmännern breit.
Wie schön musste es doch sein, von einem vorsorglich richtig programmierten Mann über sich plötzlich aufblähende illegale Mülldeponien aus der so genannten Zivilisationszeit vor der Stadt beruhigt zu werden, dachte sich daher auch Emma.
So wie sie es ja auch in einem der Romane gelesen hatte … :

"Mach dir nichts draus, Kathleen!" , hatte ihr da der Wissenschaftler gesagt ...
"Diese Gase sind nur noch die Nachhut der großen Eruption!" Zärtlich streichelte er ihre Schultern, die vom Schluchzen hin und her geschüttelt wurden...

… hatte es im Roman „Und ihre Liebe währte ewig“ geheißen.
Die Gase waren tatsächlich vor nicht allzu langer Zeit (waren es erst zwölf Jahre gewesen?) gewaltig eruptiert, wobei es Isis sei Dank, nur wenig Tote unter den draußen vazierenden Mädchen gegeben haben soll, die sich zufällig dort herumgetrieben hatten.
Fassungslos waren die Hausfrauen in ihren Häusern an den Fenstern gestanden und hatten antike TV-Geräte, Kinderwagen und dergleichen durch die Luft fliegen sehen.
Welchen Schrecken diese plötzlich durch die Luft wirbelnden, zum Teil unbekannten Sachen doch verbreiten konnten!
Kein Wunder, dass die Kathleen aus dem Roman einen zärtlichen männlichen Wissenschaftler, den die Regierung auch vorsorglich programmiert hatte, zu sich bestellt hatte. Immerhin konnten diese Männer angeblich bis zur einer Stunde beruhigend über explodierende Mülldeponien aus der so genannten patriarchalischen Zivilisationszeit sprechen, hatte Emma gelesen.
Ob sie also nicht auch einen zu sich bestellen sollte?
Wohl wusste sie, dass die Männer aus dem Reservat das Programm „Zärtlich“ lediglich die Nacht vor dem Besuch gespeichert bekamen und dass es sich nach 24 Stunden von selbst löschte, aber das störte die meisten Hausfrauen wenig.

"Nichts als ein Geschirrspüler!", hatte ihr da der Zärtliche im Roman gesagt...

Schaudernd wischte Emma an einem Regal.
Irgendwann hatten die Archäologinnen Orchidees einen patriarchalischen TV- Werbespot entdeckt, der allen gefallen hatte.
Das Weiß, das Hausfrauen lieben.
Seitdem nannte man die derzeitige Welt Hausfrauenkultur. Denn waren nicht die Hausfrauen die wahren unbekannten Heldinnen des Patriarchats gewesen?
Hatten sich die Frauen Orchidees gefragt und hatten daher den Hausfrauen aus der so genannten Zivilisationszeit Denkmäler errichtet.
Wie das der unbekannten Hausfrau, die strahlend ein weißes Leintuch in das Licht der Sonne hält!
Sollte sie also tatsächlich, wie es Martha ihr geraten hatte, einen zärtlichen Wissenschaftler zu sich rufen lassen?
"Das musst du tun!" hatte ihr Martha, die politisch immer sehr engagiert war, gesagt.
"Wann wirst du jemals wieder so eine Chance haben, deine Neugier zu stillen?“ Dabei hatte sie ihr tief in die Augen geblickt.
Und das stimmte.
Seit Jahrhunderten hatten die meisten Frauen keinen Mann mehr gesehen. Und jetzt war alles so anders.
So spannend und revolutionär.
Seit Astra, die Hohe Priesterin Orchidees , so alt geworden war und sich einfach nicht zum Sterben entschließen konnte … wollten die jungen Frauen die merkwürdigen Wesen hinter der Grenze kennen lernen.

Aber einfach so?
Sicher, so ein beruhigender männlicher Mülldeponienfachmann käme in der Welt herum.
Aber was sollte sie plötzlich mit einem wildfremden Mann im Haus?!, dachte sie erschrocken.
Auch wenn er programmiert war?
Was war, wenn sich das Programm von selbst vorzeitig löschte?
Sie waren ja evolutionär gesehen hinten nach.
Voller Panik schlug sie sich mit der flachen Hand auf den Mund, als geschähe es gerade jetzt.

Nein, solche Hausfrauen waren schon wagemutig!
Trotzdem, sie würde es auch tun müssen, um gegen das System zu rebellieren, wie Martha es ihr gesagt hatte und einen mit schwarzen Haaren und grünen Augen zu sich bestellen!
Ein sexy Monster.

Einen Geschirrspüler verwendeten die Frauen der so genannten Zivilisationszeit , um das viele Geschirr zu spülen, Madame, würde er ihr vielleicht sagen.

Oh Gott!
Das hatte Emma zumindest so von einem Gentleman im Roman gelesen.
Ja, so einer wäre vielleicht was für den Anfang!
Gespannt und in Erwartung des Kommenden starrte sie aus dem Fenster. Irgendwo da draußen konnte sie eine Gruppe vazierender junger Mädchen auf der schwarzen Mülldeponie in merkwürdig weißer Bekleidung spazieren gehen sehen.
Welcher Kontrast zu dem schwarzen Elend, das das Patriarchat da draußen hinterlassen hatte!

Letzte Aktualisierung: 18.01.2009 - 20.42 Uhr
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