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Märchen | Januar 2009
Hassan, Sala und das Tal der roten Steine
von Moshe Sala Chazara

Hassan lebte in einem Dorf am Rande der Wüste. Seit vielen Jahren hatte
es nicht geregnet. Das Vieh schrie nach Wasser, die Saat verdorrte und
die Dorfbewohner schöpften aus ihren Brunnen fast nichts mehr.
Hassan erinnerte sich daran, daß es, als er noch sehr klein gewesen war,
einen Regen gegeben hatte und an die Freude aller in seinem Dorf.
Er erinnerte sich auch daran, daß er eines Tages im Turm der
Dorfältesten ein Gespräch gehört hatte über seinen Onkel Sala, der vor
drei Jahren gestorben war. Sala hatte die Fähigkeit besessen, mit seinem
Stock auf Steine zu schlagen, so daß sprudelndes Quellwasser hervortrat.
Die Dorfältesten hatten gesagt, daß er der Wasserbringer des Dorfes
gewesen sei und um ihn geweint. Sie hatten auch gesagt, daß sie keinen
Nachfolger mehr sähen.
Und nun verfiel sein Dorf mehr und mehr durch die Trockenheit. Die
Freude war verschwunden, niemand heiratete mehr und alle hatten Durst.
Hassan war traurig.
Heute jedoch hatte er von Onkel Sala geträumt, und er war aufgestanden
mitten in der Nacht und nahm sich den Stock des ältesten Weisen des
Dorfes, der an der Wand unter dessen Schlafzimmer lehnte, und eilte in
die Wüste.
Dort schlug er den ganzen Tag auf alle Steine, die ihm in den Weg kamen,
aber nicht das kleinste Tröpfchen Wasser zeigte sich.
Am Abend setzte Hassan sich entmutigt nieder, hatte unendlichen Durst.
Er stellte fest, daß er seinen eigenen Wasserbeutel vergessen hatte,
weil er so an Sala geglaubt hatte. Verzweifelt schaute er in das
unendliche Sternenzelt über ihm, schlief aber dennoch in dem warmen Sand
ein.
Am nächsten Morgen, bevor der erste Sonnenstrahl durch die kühle Luft
drang, erwachte Hassan und hörte leise eine Stimme: „Geh nach Osten, geh
ins Tal der roten Steine, geh nach Osten ...“
Hassan rieb sich die Augen, stand auf, schüttelte den Sand ab, nahm den
Stab und ging nach Osten.
Bald brannte die Sonne wieder auf ihn herab und der Durst quälte ihn,
aber Hassan ging ohne zu zögern weiter nach Osten.
Gegen Mittag stand er auf einer Anhöhe und sah das Tal der roten Steine,
die dort auf schwarzen Grund lagen.
Er dachte an sein Dorf, an Sala und sein Ziel schien ihm nahe. So
schritt er eilig von der Anhöhe herab und fing an, auf die roten Steine
zu schlagen.
Er schlug und schlug. Man hörte das Krachen seiner Schläge im ganzen
Tal, aber nicht das kleinste Tröpfchen Wasser zeigte sich. Am
Spätnachmittag erschien am Horizont ein verirrter Geier, der ihn kurz
beobachtete, etwas krächzte, aber dann schnell wieder in der Weite der
Welt verschwand.
Hassan wurde müde und der Durst setzte wieder ein.
Er fand einen Felsen, der ihm Schatten bot und sank dort nieder. Den
Stab des Ältesten schleuderte er wütend zur Seite und wollte sich seinem
Schicksal ergeben, als drei Tröpfchen Wasser auf seinen Kopf fielen und
an der Seite über seine Wangen rannten.
Hassan glaubte erst, daß ihn seine Sinne verwirrten, bis er mit einer
Hand über seine Wange strich und fühlte, daß es wirklich Wasser war.
Da hörte er die Stimme seines Onkels Sala: „Hassan, ich grüße dich. Du
hast mich gefunden, wie ich es mir gewünscht hatte.“
Hassan sprang auf: „Onkel Sala, Onkel Sala, du bist es? Wirklich?“
„Ja, ich bin es wirklich“, antwortete die Stimme.
„Onkel Sala, wir verdursten, wir brauchen dringend Regen, und du bist
nicht mehr da. Ich habe dich gesucht.“
„Das weiß ich. Du kannst mein Nachfolger werden, wenn du mein Wesen
verstehst.“
„Aber Sala, ich habe dich gesucht und gefunden. Du mußt uns helfen.“
„Nein“, sagte die Stimme von Sala, „Du mußt deinem Dorf helfen. Ich habe
genug geholfen und es reicht nicht, daß du mich gefunden hast, du mußt
mich verstehen.“
'Verstehen, Verstehen.' hallte es im Tal der roten Steine von allen
Felswänden.
Danach war nicht der kleinste Laut mehr zu hören.
Hassan stand mit gesenktem Kopf im Schatten des Felsens.
'Jetzt hab ich ihn endlich gefunden, will mein Dorf retten und nun will
er nicht helfen' dachte Hassan: 'Nun soll ich ihn verstehen!'
Hassan sah auf den Stab des Ältesten, auf die roten Steine und in seinen
Ohren klang: 'Verstehen, Verstehen.'
Er fing an auf- und abzugehen und dachte und dachte, und der Durst
quälte ihn sehr. Dann nahm er den Stab wieder auf und schaute auf die
roten Steine im Tal. Er ging hinab und schlug mit dem Stab erneut auf
einen Stein, wie er es zuvor getan hatte, daß es im ganzen Tal krachte.
Es kam nicht das kleinste Tröpfchen Wasser aus dem Stein.
Hassan setzte sich nieder vor den Stein und schaute ihn an. Er sah die
Farbe des Steins, die Form, seine Rundungen und Kanten, die Tiefe seiner
Geschichte und die Markierung, die sein eigener Schlag auf der
Oberfläche des Steins hinterlassen hatte.
Und eine große Trauer überfiel Hassan, weil er seine Liebe zu dem Stein
erkannte, und was er ihm selbst angetan hatte.
Obwohl Hassan sehr durstig war, flossen seine Tränen reichlich, und er
fing an zu verstehen. Hassan stand auf, nahm den Stab und eilte zurück
in sein Dorf.
Dort kletterte er in den Turm der Ältesten, die sich Sorgen um ihn
gemacht hatten, und erzählte:
„Onkel Sala hat die Steine nicht wirklich geschlagen. Es sah euch nur so
aus. In Wirklichkeit hat er sie geliebt, und sie ihn. Deshalb haben sie
ihm ihr Wasser für euch gegeben.“
Die Ältesten waren erstaunt, aber erkannten ihn.
Der würdigste Älteste stand auf und sagte: „Hassan, wir sehen dich und
in dir den Nachfolger deines Onkels Sala. Gehe hinaus und zeige es.“
Hassan kletterte vom Turm herab und die Ältesten folgten ihm, wenn auch
beschwerlich. Er lachte, ging durch die Fluren des Dorfes, schwang den
Stab und berührte die Steine ringsum leicht, und Wasser floß auf die Felder.

Hassan hatte verstanden.

Letzte Aktualisierung: 24.01.2009 - 09.29 Uhr
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