Bitte lächeln!
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Überraschung | Februar 2009
Spätabends in Frankfurt-Sachsenhausen
von Susanne Ruitenberg

„Nächster Halt: Frankfurt Süd. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Fahrtende. Bitte aussteigen.“
Katja erwachte aus ihrem Dämmerschlaf, streckte sich und gähnte. Aus dem Augenwinkel nahm sie einen Typen in einer schmuddeligen Jacke wahr, der sie anstarrte. Hastig stand sie auf und drehte ihm den Rücken zu. Wie Dolchstiche spürte sie seine Blicke im Nacken. Unangenehme Erinnerungen wurden wach, damals, in dieser dunklen Unterführung ... Sie unterdrückte ein Zittern, sah auf die Uhr. Schon wieder so spät! Hatte sie nicht beschlossen, unter der Woche früher heim zu fahren? Der Vorsatz war den gleichen Weg gegangen wie der, weniger zu rauchen. Dabei war erst der fünfzehnte Januar. Das restliche Jahr konnte noch heiter werden. Sie hängte sich Rucksack und Handtasche um, zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Kaum hatte die U-Bahn angehalten, löschte der Fahrer das Licht, damit keiner auf die Idee kam, einzusteigen. Nur wenige Fahrgäste verließen um diese Zeit die U3. Katjas Füße gingen automatisch zum Ausgang ‚Mörfelder Landstraße’; die meisten anderen Fahrgäste strebten in die entgegen gesetzte Richtung. Sie wechselte die Handtasche auf die rechte Schulter und kramte im Gehen nach ihrem Schlüssel. Hier gab es wenigstens Licht; vor der Haustür wäre das eine lästige Sucherei.
„He!“, hörte sie jemanden rufen. Galt das ihr? Wer sollte um diese Zeit etwas von ihr wollen? Sie blickte sich kurz um, erkannte niemanden und beschleunigte automatisch. Neben ihr ging ein junges Paar; hoffentlich hatten sie den gleichen Weg. Doch das Pärchen nahm den ersten Aufgang. Jetzt war nur noch eine schleichende alte Frau in der Nähe, und eine Gruppe grölender Jugendlicher. Von der Alten hätte sie keinen Beistand zu erwarten, falls jemand frech wurde, die sah eher so aus, als benötigte sie selbst Hilfe: Um die Jugendlichen sollte sie einen Bogen machen, Chorknaben waren das nicht mit ihren Bomberjacken und Bierflaschen in der Hand. Eilig durchquerte Katja die B-Ebene und bog am letzten Ausgang nach links. Die Rolltreppe nach oben machte ihrem Namen keine Ehre und hatte sich mal wieder in eine Standtreppe verwandelt.
„Na toll.“ Schon nach vier Stufen beschleunigte ihr Atem. Weniger Rauchen wäre definitiv eine gute Idee. Oben angekommen, blickte sie flüchtig nach links und rechts. Keine Chance, selbst um diese Zeit kam man nur an der Ampel über die Mörfelder. Während sie auf „Grün“ wartete, hörte sie sich nähernde Schritte.
„He, Sie!“. Eine dunkel gekleidete Gestalt kam eben aus dem U-Bahn Schacht!
„Ich will gar nicht wissen was du von mir willst“, murmelte sie, und bemühte sich um einen energischen, Raum greifenden Schritt. Immer selbstbewusst aussehen, hatte der Therapeut gesagt. Nie wie ein Opfer wirken. Die Typen hätten einen Instinkt dafür. Katja bog links in den großen Hasenpfad ein. Dort blieb sie einen Moment stehen und lauschte. Schritte näherten sich; hastig, wie ihr schien. Ohne sich umzusehen, rannte sie los. Der Jemand rannte auch! Fieberhaft überlegte sie. Sollte sie nach Hause sprinten, und riskieren, dass er dann wusste, wo sie wohnte, ihr womöglich auflauerte, bis sie morgen früh zur Arbeit aufbrach? Andererseits – wo könnte sie sonst hingehen? Hier war reine Wohngegend, kaum eine Gaststätte, höchstens von so zweifelhafter Reputation, dass sie vom Regen in die Traufe käme.
„Hallo!“
„Lass mich in Ruhe!“, schrie sie und sah sich kurz um. So gut zu Fuß war er nicht, seine Schritte wirkten unsicher. Ein Besoffener? Ein Junkie? Dafür sah er nicht abgerissen genug aus. Scheiße, was wollte der bloß? Sie raste um die Ecke, in die Tucholskystraße. Mist, die stieg steil an, lange würde sie das Tempo nicht halten können. Während sie rannte, blickte sie von Zeit zu Zeit auf die Häuserzeile zu ihrer Rechten, ob vielleicht gerade jemand aus dem Fenster sah. Blödsinn, um diese Uhrzeit mitten im Winter. Die Köterfraktion war auch fertig mit Gassi gehen. Ein Ziehen in der Körpermitte zerriss sie fast; Seitenstechen! Sie musste einen Moment anhalten, es half alles nichts.
Seine Schritte wurden schneller. Oh nein, hatte der immer noch nicht aufgegeben! Und obwohl er so merkwürdig ging, schien er nicht außer Puste zu sein. Katja schluchzte auf; musste sich zwingen, wieder los zu rennen. Hoffentlich stand die Kirche an der nächsten Ecke offen; die Koreaner, die das Gotteshaus mitnutzten, hatten öfter Abendveranstaltungen. Katja hastete über die Straße. Doch das Gebäude lag dunkel und verlassen da. Und noch immer kam er hinter ihr her; gab der denn nie auf? Sollte sie um Hilfe rufen? Darauf würde keiner reagieren, nicht hier, in der Großstadt.
Kaum war Katja um die nächste Kurve gebogen, krachte der Riemen ihrer Handtasche, die Tasche fiel zu Boden. „Oh nein!“ Sie hob sie auf und klemmte sich das klobige Ding unter den Arm, das behinderte beim Rennen, sie musste aussehen wie eine watschelnde Ente. Ihr Seitenstechen wurde stärker, ihr Atem pfiff wie bei einem alten Asthmatiker und ein Hustenanfall schüttelte sie durch. Ihre Augen tränten; das Licht der Straßenlaternen wurde zu schimmernden Auren. Sie übersah einen Polder und knallte mit dem Knie dagegen. Aufjaulend rieb sie sich das Gelenk und humpelte weiter. Gleich hatte sie das Ende der Straße erreicht, in der Querstraße lag ihr Wohnhaus. Atemlos erreichte sie es und drückte die Klinke der Gartenpforte herunter.
Abgeschlossen.
Natürlich.
Die alte Scherwinsky im Erdgeschoss sperrte ja schon um vier Uhr nachmittags ab. Gut, dass sie den Schlüssel schon aus der Tasche gefriemelt hatte, dachte Katja, und ließ die Hand in ihre rechte Jackentasche gleiten.
Dort fand sie – nichts.
Oder vielmehr ein gebrauchtes Taschentuch, vielleicht auch eine Serviette von der letzten Mittagspause bei Subway, ist ja auch egal, jedenfalls nichts aus Metall, mit dem man eine Tür hätte aufschließen können. Das darf doch nicht wahr sein!, schoss ihr durch den Kopf. Hatte sie bei ihrer wilden Hatz den Schlüssel verloren? Da vernahm sie die Schritte, die sich wieder näherten. Mit beiden Händen umfasste sie die Gitterstäbe der Tür und rüttelte daran. „Lasst mich rein!“ Ob sie Sturm klingeln sollte? Aber bei wem, um diese Uhrzeit. Wenn es wenigstens einen Mieter gäbe, den sie besser kennen würde, aber so – lauter alte Leutchen, die in ihren Wohnungen blieben und sich für nichts und niemanden interessierten. Die Schritte waren jetzt fast hinter ihr. Es war alles zu spät, sie würde ihm nicht entkommen. Katja ließ den Kopf hängen, die Tasche glitt aus der Umklammerung und plumpste auf den Boden. Resigniert steckte sie die Hände in die Jackentaschen. Ihre linke fühlte den vertrauten Schlüsselanhänger. Mist, er war nur auf der falschen Seite gewesen, hastig zog sie ihn heraus. Dafür schien das Schlüsselloch vorübergehend nach Timbuktu abgehauen zu sein, der Schlüssel klapperte nutzlos in ihren zitternden Fingern gegen die Beschläge.
Die Schritte waren nun direkt hinter ihr; eine Hand fasste nach Katjas Arm. Sie fand nicht mehr genug Energie, um zu schreien.
„Endlich habe ich Sie eingeholt, warum rennen Sie denn so?“ Ein älterer Mann, der Stimme nach, kaum außer Atem. Langsam drehte Katja den Kopf und blickte in ein faltiges Gesicht, lustige braune Augen und ein offenes Lächeln.
„Ich war früher im Olympiakader, sonst hätte ich Sie nicht einholen können. Mein Gang sieht zwar verboten aus seit der Hüft-OP, aber meine Kondition ist noch da. Bin ich froh, dass ich Sie erwischt habe. Sie haben vorhin, als Sie an der Haltestelle in Ihrer Tasche gewühlt haben, Ihr Portemonnaie verloren. Ich habe es aufgehoben, bevor es in falsche Hände fällt. Hier ist es.“ Und er hielt Katja ihre braune Lederbörse vor die Nase. Der Boden begann zu schwanken, alles drehte sich. Katja schloss die Augen und rutschte, den Rücken gegen das Tor gelehnt, langsam zu Boden.

Letzte Aktualisierung: 23.02.2009 - 09.28 Uhr
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