Honigfalter
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Überraschung | Februar 2009
Unterhaltung, sonst nichts
von Tanja Muhs

„Ich weiß nicht, wie ich hier gelandet bin“, sagt er, schüttelt den Kopf, fixiert ihre Hände dabei, als habe der Taschenriemen, mit dem ihre Finger spielen, Interesse daran bekundet, ihm mit einer Antwort auszuhelfen.
K. lächelt, nickt als wisse sie, wovon er redet, fragt ihn nicht, wie lange er schon dort stehe, inmitten von Irgendwo, denn sie kann es sehen. Schweißperlen rinnen von seiner Stirn, haben sich in Salzseen über den Brauen gesammelt.
„Du wartest wohl auf deinen Bus?“ fragt K. – man duzt sich auf Reisen - und er betrachtet sie fast verwundert, sonst nichts. „Schau, das ist doch sicher deines“, sagt K., bückt sich hinunter um es aufzuheben, das Stückchen Fahrkarte, das der heiße Wind über den wabernden Asphalt fegt.
„Nein“, sagt er, zu schnell, zu laut für ihren Geschmack, denn wie kann er das mit solcher Inbrunst behaupten, wo er doch gerade noch bekundet hat, noch nicht einmal zu wissen, wie er hergekommen ist?
„Ja, natürlich, wie du meinst“, erwidert K., verletzt von Barschheit als Antwort auf Nettigkeit, und wendet sich zum Gehen. „Dann schönen Tag noch.“
Er räuspert sich, will wohl etwas erwidern, grüßt dann doch nur einen weiteren Wanderer, der vorübergeht, die Straße entlang durch die öde Wüste von Irgendwo. Etwas in seiner Stimme, vielleicht die unangemessene Überschwänglichkeit des Grußes, lässt sie in ihrer Bewegung innehalten, lauschen, auf den Unterton, der vermeintlich in ihr schwingt, doch der jetzt verschwunden ist, als die beiden übers Wetter reden, als gäbs sonst nichts zu sagen.

Sie dreht sich um, betrachtet die beiden und sieht erst jetzt, was ihr entgangen ist, als sie sich vor ihm hinunterbückte: Dass seine Füße keine sind. Sie sind Asphalt, sonst nichts, zwei graue Klötze hinauf bis weit über die Knöchel. Sie tritt heran, das Geplänkel um das Wetter begleitet jeden ihrer Schritte, doch ihre Augen scheinen nicht zu trügen, denn seine Klötze bleiben.

Als der, der laufen kann, endlich weitergegangen ist – das Wetter scheint genügend diskutiert, hat er die Blöcke nicht gesehen, hat er vielleicht gar keinen Blick darauf gerichtet, konnte deswegen erst recht kein Wort darauf verschwenden? -, erinnert sich K. ihrer Stimme, zeigt auf seine Asphaltbrocken. Sie fragt: „Wie bist du denn an die gekommen?“, doch er zieht nur die Schultern hoch und lächelt, sonst nichts, schaut noch nicht einmal dorthin, wohin ihr Finger zeigt. Vielleicht weiß er keine Antwort, vielleicht versteht er auch die Frage nicht.
„Jetzt überleg doch mal. Wie bist du denn hierher gekommen? Warum stehst du hier? Hast du keine Angst, festgehalten in der Mitte einer Straße auf der jede Minute ein Auto kommen mag?“
Ein Weiterer kommt die Landstraße nun hinauf, bleibt stehen, schaut auf ihre noch immer ausgestreckte Hand und lächelt kundig, nickt ihm zu und wünscht viel Glück beim Brechen eines Weltrekords.
Ungläubig, fast beschämt ob ihrer Unkenntnis, fragt K.: „Ein Weltrekord worin? Im in der glühenden Sonne Stehen? Und der ist es wert, sein Leben dafür zu riskieren?“,doch er schaut nur traurig, schüttelt dann den Kopf, als sei er unentschlossen, sonst nichts.

Ein kleines Grüppchen wandert nun die Straße hinauf, kichernd und schwatzend, einige singen ein altes Kinderlied. Auf ihrer beider Höhe angekommen, bleiben sie stehen, entscheiden sich zur Pause, reichen eine Flasche Wasser durch ihre Reihen.
„Wer bist denn du?“, fragt eine Platinblonde und schaut ihn an, als sei er gerade aus dem Nichts dort aufgetaucht.
Er sagt: „Gestatten, F.“ und eine Schweißperle rinnt von seiner Oberlippe dabei, doch das ist nicht Grund genug, ihn in ihre Reihen aufzunehmen und ihm etwas Wasser anzubieten. Die Platinblonde flüstert ihrer Freundin etwas zu und beide kichern keck.
Die Rote fragt dann: „Na, genießt du die Aussicht?“, und takelt mit ihren drallen Brüsten vor ihm auf und ab. Doch er schaut nur, sonst nichts, also schnauben sie verächtlich, schultern ihre Rücksäckchen, haken sich wieder ein und ziehen, Platinblond und Rot voran, singend weiter.

Als die Sonne sich fängt in den kleinen Anhängerchen ihrer Rucksäckchen, erinnert sich K. daran, dass auch sie eine Tasche bei sich trägt.
„Ich weiß nicht, warum du hier stehst und wer dir das hier angetan hat oder warum und, entschuldige, auch Wasser habe ich keines, aber vielleicht etwas anderes bei mir, das dir helfen könnte.“ Sie wühlt in ihrer Tasche herum, findet nichts Sinnvolles außer eines kleines Dings mit Stiel. Als sie es herauszieht, erkennt sie, dass es das Hämmerchen ist, das in ihrer Tasche - die Taschen einer Frau - Jahr und Tag sein Dasein im Dunkeln fristete, ohne dass sie bis dato gewusst hätte, warum.
“Ich weiß, es ist nicht viel und wird nicht viel ausrichten, aber vielleicht kann ich damit ein klein wenig bewirken“, sagt K., zeigt wieder auf die Klötze. F. schaut an sich hinunter jetzt, erschrickt, als er zu erkennen scheint, worauf der Stiel des Hammers zielt.
„Magst du, dass ich es trotzdem versuche?“
Er nickt, murmelt: „Ich weiß nicht, wie ich hier gelandet bin“, immer wieder, sonst nichts, während sie sich an die Arbeit macht und hämmert und klopft.

Sie reden nicht, zumindest nicht sie beide, nur mit den Wanderern, die vorbeifliegen wie Silhouetten, wechselt F. hin und wieder das eine oder andere Wort. Grüße und Glückwünsche, Weltrekorde und Aussichten und ebenfalls seinen vermeintlichen Protest unterstützende Beifallsrufe huschen an ihr vorbei wie Schatten, während sie zu seinen Füßen hockt und hämmert im Schweiße ihres Angesichts. Manchmal wird es laut und eng, sie fühlt sich fast zertrampelt von den vielen Füßenpaaren, die sich um sie scharen, doch keiner ihrer Besitzer bietet Wasser oder Hilfe an. Als der Dutzendste Fuß sie – wohl unabsichtlich – trifft, werden Schmerz und Hitze unerträglich. Sie betrachtet ihre Arbeit, die Klötze haben erst wenig an Substanz verloren, dann schaut sie hinauf in sein Gesicht, das vor Schweiß jetzt trieft. F. redet, sonst nichts, zu ihr sagt er nichts, auch nicht jetzt, da sie zu hämmern aufgehört hat. Sie fühlt sich wie ein Schulmädchen, als sie den Finger hebt, um seine Aufmerksamkeit zu erhalten. Er blickt sie an, sonst nichts, die Umherstehenden schauen bös ob der so unnötigen Unterbrechung ihrer Unterhaltung.
„Entschuldige, wenn ich störe“, und sie kommt sich jetzt vor wie die Dumme, die aus der ersten Reihe, die wieder aufhält, weil sie wieder nichts versteht, „soll ich dann jetzt aufhören?“
Er lächelt, sonst nichts.
Ihre Knie und Waden schmerzen so sehr vom Niederkauern in gebückter Haltung, dass sie sich entscheidet – ihm scheint eh nichts daran zu liegen, dass sie tut, was sie tut – sich die Beine zu vertreten. Als sie ein paar Meter gewonnen hat, hört sie, dass er den Faden wieder aufnimmt, weiterredet, als wäre nichts geschehen, sonst nichts. Sie bleibt stehen, reibt sich die Waden, die genauso schmerzen wie ihre Wut – warum weiß er ihre Bemühungen nicht zu schätzen? -, wie ihr Mitgefühl – warum tut er nichts, außer mit solchen zu reden, die nur reden, sonst nichts? Die Sonne brennt, doch seine Worte sitzen wie in einem teuer inszenierten, billigen Werbefilm. Hin- und hergerissen zwischen Weggehenwollen und Stehenbleiben ereilt sie schließlich doch das schlechte Gewissen. „Er wird verdursten und ich werde Mitschuld daran tragen, denn ich habs gesehen und gewusst und allzu billigend und selbstgefällig in Kauf genommen“, denkt K. und geht zurück, das Hämmerchen schwingend. So hämmert sie weiter.

Und sie hämmert, er redet, sie hämmert, lässt sich treten, tritt auf der Stelle. Er redet, unterhält sich, sonst nichts. Zwischendurch lächelt er.

Sie hämmert, geht weg, kehrt zurück und hämmert, denn sein Lächeln sagt, dass sie sich vom Blendwerk nicht blenden, nicht einfach den Kanal wechseln soll, weil sicherlich gleich doch das Eigentliche beginnt.
Darüber wird es spät und später, ihre Arme werden lahm, Schwielen bedecken ihre Finger, der Werbefilm aber nimmt genauso wenig ein Ende wie der Wandererstrom, aus dem sich Menschentrauben, Unterhaltungen bilden.
Dunkler ist es inzwischen geworden, sie ist wieder einmal auf dem Weg ein Stück die Straße hinauf, weg, weiter, weg. Sie schaut sich zu ihm um, er steht allein dort jetzt, zieht die Schultern hoch und lächelt. Alle Wanderer sind nach Haus gegangen, auch sie möchte nur noch heim nach all der unnützen Plackerei, die nur müde gemacht hat, sonst nichts. Also lässt sie ihn stehen, froh allerdings, dass er wenigstens nicht mehr so schnell verdursten kann, jetzt, da die Sonne untergeht.

Plötzlich schießen zwei Scheinwerfer um die Biegung, der Bus, er kommt. Mit letzter Kraft läuft K. ihm entgegen, fingert an ihrem unverhältnismäßig kleinen Werkzeug, das so wenig auszurichten vermag, ruft: „Warte, ich komme. Die Klötze, bestimmt nur noch ein paar Hammerschläge“ und sie hat keine Angst, sie will nur helfen, etwas tun. F. zieht die Schultern hoch und lächelt, sonst nichts.


„Ich habe noch viel zu tun. Morgen ist auch noch ein Tag. Lass uns morgen reden.“, sagt F., steht auf und lächelt, zieht seine Schultern hoch, lässt sie sinken, nimmt eine gerade Haltung ein, zieht seine Jacke an und geht ein paar Schritte. In der Tür bleibt er stehen, schaut sich um, sonst nichts, dann huscht er hinaus aus dem Zimmer, eingemauert in sich, ein Schatten seiner selbst.
„Ja, reden, sonst nichts“, denkt K. „nichts sagen“, ruft ihm hinterher: „Bis morgen dann um acht“, und lässt ihn gehen. Sie schüttelt den Kopf, fragt sich, wie sie hier gelandet ist und fixiert ihre Hände dabei, als habe der Lichtschalter, vor dem ihre Finger schweben, Interesse daran bekundet, ihr mit einer Antwort auszuhelfen. Dann löscht sie das Licht, schließt die Türe hinter sich, denn ihr Bus heim geht um kurz nach fünf.

Letzte Aktualisierung: 26.02.2009 - 08.58 Uhr
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