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Überraschung | Februar 2009
Frau Blume und die Dunkelheit
von Sylvia Seelert

Der Himmel brannte. Eine glühende Flözschicht zog sich durch den Horizont, darunter Ruhrgebietsmarken als Scherenschnitte: Fördertürme und Halden. Kraftwerke husteten Wolkenschwaden in die Luft, die sich zu Watteloren auftürmten. Letzte Sonnenstrahlen fingen sich in den stählernen Meridianbögen des Horizontsobservatoriums auf Hoheward. Frau Blume liebte den Ausblick hoch oben aus dem Knappschaftsklinikum. Es war ihr, als ob sie über der Landschaft schweben würde, die seit siebzig Jahren ihr zu Hause war.
Das Licht in den Meridianbögen blinzelte ihr zu. Es pulsierte, bemüht, eine Botschaft zu morsen. Doch Frau Blume schüttelte nur ihren grau gelockten Kopf, wandte sich seufzend ab.
Sie trug ein blau-geblümtes Kleid, schon seit drei Tagen. Es war zerknittert, an manchen Stellen fleckig. Keine Zeit für einen Wechsel.
Die Luft quälte sich durch seine Lungen, mühsam bebte seine Brust bei jedem Atemzug. Die Arme und Hände waren mit blauen Flecken übersät, die Gelenke geschwollen. Die Augen nur einen schlitzweit geöffnet, so dass ein wenig Elfenbeinweiß unter den Lidern flackerte. Er stöhnte.
„Ach August, so haben wir uns das nicht vorgestellt …“
Frau Blume stand an seinem Bett und erinnerte sich.
An ihren letzten Urlaub in Cuxhaven. Salzige Nordseeluft und belebtes Treiben auf der Promenade. Fahnen knatterten im Wind. Schon da wollte sein Herz nicht mehr so recht und sie schob ihn fürsorglich mit dem Rollstuhl. Doch das mit dem Herzen wusste sie noch nicht. Rheuma und Parkinson hatten ihn zu einem gebrochenen Mann gemacht. Zu viele Schmerzen, die jede Lebensfreude zerfressen hatte.
„Ich will dir nicht zur Last fallen.“
„Ach, wir kriegen das schon hin. Mach dir bloß keine Sorgen!“
Ihr August, das war ein schöner Mann. Dunkles Haar, blaue Augen, schlanke Gestalt. Bergarbeiter und doch nicht geschaffen für solch grobe Arbeit. Zu fein sein Geist. Wie konnte sie sich nicht in den Schalk seiner Augen verlieben? Geborgen lag sie in seinen Armen bei ihrem ersten Tanz. Das war im Mai und sie wusste, das ist ihr Mann.
Frau Blume wanderte durch weiße Korridore. Hinter den Türen ächzten Menschen, plapperten unruhig im Schlaf; doch es war nur einer, der zählte. Dämmerung fiel nun durch das Fenster und die Abendglut verlosch allmählich.
Wie hatte es nur soweit kommen können?
Ein Herzschrittmacher sollte ihm gelegt werden. Kleiner, 20-minütiger Eingriff unter örtlicher Betäubung, so versicherte ihr der Narkosearzt. Am nächsten Tag kam sie in die Klinik mit einer Tasche voll Obst, seinem Rasierer und einem frischen Schlafanzug. Sie schnitt ihm so gerne eine Birne. Viele Vitamine waren gut für ihn. Lange wartete sie im Besucherraum auf der Intensivstation und starrte auf den leeren Stuhl gegenüber. Blauer Stoffbezug mit kleinen, gelben Rauten. Siebenmal hatte seit ihrer Ankunft dort jemand gesessen. Vier Frauen, drei Männer. Mal traurig, mal erleichtert. Dann der Oberarzt, der behutsam mit ihr sprach. Über Reanimation und Koma. Frau Blume begriff nicht. Wo war ihr August? Dieses elende Häuflein mit all den Schläuchen in sich, nein, das war nicht ihr starker August. Irgendwann hatte ihre Tochter sie abgeholt und nach Hause gebracht.
Er jammerte, wenn sie ihn drehten. Hintern und Füße waren wund gelegen.
„Ich gebe Ihnen eine Spritze gegen die Schmerzen, Herr Blume.“ Schwester Kathrin war nett. Sie sprach immer mit ihrem August. Liebevoll schaute sie auf ihn herab, verfolgte jede seiner Falten, die sich um seine Augen kräuselten. Wie oft hatten sie zusammen gelacht.
„Ich bin schwanger“, hatte sie ihm ängstlich im Café Ölmann gestanden. Da hat er einfach nur von einem Ohr zum anderen gegrinst.
„Na, dann ist ja alles klar und wir heiraten.“
Im kleinen Kreis auf dem Standesamt hatten sie Ja gesagt. Vor 40 Jahren.
„Eine Lungenentzündung bereitet Komplikationen, Frau Blume. Wir tun alles, was wir können. Aber wir können nichts garantieren. Er ist nun mal ein schwerkranker Mann.“
Ein anderer Oberarzt sprach sachlich mit ihr und krümmte sich ein wenig unter ihren Tränen.
„Der Schleim wird ihm regelmäßig abgesaugt und diese spezielle Atemmaske bringt ihm Linderung. Wir müssen einfach abwarten.“
Er ließ sie im Neonlicht zurück. Mit wie vielen Ärzten hatte sie bereits gesprochen? Assistenzärzte, Oberärzte, Chefarzt. Sie fühlte sich hilflos in diesem klinischen System, das ihr nur wenig Raum ließ. Was geschieht hier mit ihrem August? Scheinbare Routinen, die alles überrollten mit ihrer Mechanik.
„Weib, du treibst mich in den Wahnsinn!“ Oft hatten sie über Geld gestritten. Großzügig und knauserig zugleich konnte er sein. Jedes Jahr wurde um den Urlaub gerungen. Und wenn sie einmal unterwegs waren, sparte er nicht mit dem Geld. Ging mit ihr in schicke Restaurants und Cafés, kaufte ihr Schmuck und Kleider. Das blaue Kleid hatte er ihr vor drei Jahren in Boppard am Rhein geschenkt.
„Es passt so gut zu deinen schönen Augen!“
Da hatte er noch selber gehen können und mit ihr eine Weinprobe gemacht. Nur ein paar Schlucke. Eigentlich durfte er wegen all der Medikamente kein Alkohol trinken. Es war ein lauer Spätsommerabend gewesen und er hatte sie unter dem weinrebenumkränzten Zeltdach geküsst.
„Ich kann nicht ohne dich.“
Die Nacht fiel nun mit ihren Schatten durch das Fenster und legte sich in sein Bett. Er öffnete die Augen.
„Käthchen, mein Käthchen …“
Vor drei Tagen dann das Unmögliche, er war aus dem Koma erwacht. Seine Augen fest auf sie gerichtet, umkräuselte seine Mundwinkel jenes schalkhafte Lächeln, dass sie so sehr liebte.
„Käthchen …“
Sofort kam Schwester Kathrin hinzu und hielt seine Hand fest, die sich suchend über die Bettdecke tastete. Für einen Moment zitterte sein ganzer Körper. Die Schwester griff zum Telefon und murmelte hinein. Kurz darauf stand Doktor Langholz ebenfalls an seinem Bett.
„Herr Blume, können Sie mich verstehen? Haben Sie Schmerzen?“
Ein Stern pulsierte am Nachthimmel, trug einen Strahl durch kaltes Fensterglas.
Er blickte zu ihr hin.
„Ach, mein Käthchen …“
„Mein Schatz…“, lächelte sie ihm zu.
„Herr Blume!“ Die Schwester streichelte sanft seine Hand.
„Ihre Frau ist nicht hier. Wissen Sie, vor drei Tagen ist sie doch mit dem Auto…“ Die Stimme der Schwester brach.
„Ich weiß“, sprach Herr Blume. „Nicht ohne dich …“ Und er nickte ihr zu.
Das Licht war nun blendend hell und Frau Blume berührte ihren August.
„Zeit zu gehen…“
Nun war es dunkel und die Schatten ruhten still im Bett von Herrn Blume.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2009 - 20.15 Uhr
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