Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Überraschung | Februar 2009
Trau keinem über dreißig!
von Eva Fischer

Der ICE von Berlin nach Essen hatte wieder einmal Verspätung, aber das störte Ben nicht.
Er öffnete seinen Rucksack und entnahm ihm ein Taschenbuch über Südostasien. Das würde ihn auf warme Gedanken bringen, denn es war empfindlich kalt an diesem 1. Februar und Ben mochte die Kälte nicht.
Viermal im Jahr fuhr er diese Strecke: zum Geburtstag seines Vaters, seiner Mutter, seiner Schwester und zum traditionellen Familienfest zu Weihnachten.
Heute war der 60. Geburtstag seiner Mutter und deshalb hatte er ausnahmsweise noch einen Laptop in seinem Rucksack. Zusammen mit seiner Schwester wollten sie das Leben ihrer Mutter in großen Bildern an die Wand werfen und kommentieren.
Der Zug fuhr ein, und Ben suchte sich einen Sitzplatz. Im Gegensatz zu den meisten Leuten saß er am liebsten entgegen der Fahrtrichtung. Den Reiseführer klappte er wieder zu und schaute aus dem Fenster.

Die ersten Fotos stammten aus einer Zeit, als Ben seine Mutter noch nicht kannte, und sie jeder Anne nannte.
Da stand sie mit 8 Jahren im kleinen Garten der Bergmannsiedlung und spritzte ihren 2 Jahre jüngeren Bruder nass, der empört in die Linse seines Vaters schaute. Anne hingegen zeigte ein charmantes, freches Lachen in ihren dunklen Augen. Die Mutter sah aus der Ferne zu. Dem Blick war nicht zu entnehmen, ob sie die Streiche ihrer Tochter billigte, tadelte oder vielleicht sogar bewunderte.
Tanzschulzeit. Der stolze Vater hatte seine Tochter mit hochtoupierten gefärbten Haaren in Pumps und Minirock fotografiert. Selbstbewusst blickte sie in die Kamera. Der Tanzstundenpartner neben ihr machte einen weit weniger selbstsicheren Eindruck.
Später lernte Anne Karl kennen, Bens Vater. Das war auf der Uni, wo Karl schon imponierte, weil er zu allem eine feste Meinung besaß. Er studierte Geschichte und Karl Marx und fand genau wie sein Namensvetter, dass die Welt dringend einer Veränderung bedurfte. Stundenlang diskutierte er mit Anne bei einer Flasche Rotwein über die Rechte des Proletariats und über den Kampf gegen die etablierte Bourgeoisie. Karls Vater war Bergarbeiter und so wusste Karl, wovon er sprach.
Anne hatte endlich einen Mann gefunden, der ihr gewachsen war, und gemeinsam organisierten sie Demos, engagierten sich im AStA, doch davon gab es keine Fotos. Das wusste Ben nur aus Erzählungen von ehemaligen Freunden seiner Eltern.
Anne beendete ihr Studium erfolgreich und ging nach Berlin, in die geteilte Stadt, wo sie als Lehrerin eine Anstellung fand. Sie hatte kaum ihre Sachen ausgepackt, da folgte ihr schon Karl.
Anne in grellem grasgrünen Kleid, Karl mit langen Haaren und Koteletten, Kinder der Flower- Power-Generation. Dieses Foto würde heute Abend der Brüller. Keiner konnte sie wiedererkennen, wenn er nicht selbst dabei gewesen war.
Und dann kam das Hochzeitsfoto. Anne in weißem Kostüm mit Minirock, Karl in schwarzem Zweireiheranzug. Bild und Negativ, untrennbar miteinander verbunden. Gemeinsam waren sie stark, gemeinsam wussten sie, was sie wollten, überließen nichts mehr dem Zufall, nicht die berufliche Karriere, nicht die Familienplanung.

Der Zug hielt. Ben wusste, dass sie nun in Hannover waren und hoffte, dass sich keiner zu ihm setzen möge. Eigentlich war er sehr kontaktfreudig, hatte schon viele interessante Gespräche während der Zugfahrt geführt, aber im Augenblick wollte er lieber allein seinen Gedanken nachhängen.
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Der Platz Ben gegenüber blieb frei.

Von Anfang an waren bei seinen Eltern zwei Kinder geplant: ein Junge, ein Mädchen. Sarah, seine Schwester, kam zuerst, er, Ben, zwei Jahre später. Pädagogik war nicht nur etwas, was man von Berufs wegen betrieb, sie wurde auch äußerst konsequent in den eigenen vier Wänden angewandt.
Ben erinnerte sich an einen Vorfall. Es war Samstag Morgen gewesen, wo man das Frühstück gemeinsam einnahm. Mal musste er, mal seine Schwester frische Brötchen beim Bäcker holen. An diesem Morgen hatte er so gar keine Lust, das warme Bett zu verlassen, und er weigerte sich. Seine Mutter versuchte noch mit Argumenten auf ihn einzuwirken, aber da kam sein Vater, und das Gespräch verstummte.
Er dachte, er hätte den Kampf gewonnen und zog sich zu seinen Spielsachen ins Bett zurück.
Einige Zeit später hörte er Teller klappern und machte sich auf zu seinem Frühstück.
Jeder hatte ein frisches Brötchen vor sich liegen. Für Ben gab es nur ein Glas heiße Milch.
Ben wusste, was man von ihm erwartete, und im Großen und Ganzen erfüllte er diese Erwartungen auch.
Er schrieb gute Noten, kam später auf das Gymnasium. Ein Jahr Amerika boten seine Eltern ihm und seiner Schwester. Es war ein schönes Jahr bei „good old Jack“ in Texas, warm, kein Tag war wie der andere, es gab keine Konsequenz und Strenge, sondern herzliche Kauzigkeit bei dem Mann, der kinderlos geblieben war. Lange hatte Ben den Kontakt mit ihm aufrecht erhalten.

Bielefeld Hauptbahnhof. Zeit, sich einen Kaffee zu gönnen, der ihn wach machte, denn es war gestern spät geworden.

Ganz so konsequent war Karl dann doch nicht, denn der einstige Kapitalhasser hatte sich ein Haus in einer Waldsiedlung in Essen gebaut und war in eine bürgerliche Partei eingetreten, um seine Karriere voranzutreiben. Er selbst sah das nicht als Verrat an, sondern als Pragmatismus. Als Leiter einer Gesamtschule stand ihm der Weg offen, die Welt zum Besseren zu führen, zumindest seine kleine Welt.
Auch Anne hatte weit mehr als Kindererziehung im Sinn. Sie widmete ihre Arbeitskraft sozialen Institutionen, die sich um die Randgruppen der Gesellschaft kümmerten. Das sicherte ihr neben hohem Ansehen auch stets einen Platz in der Lokalpresse. Der Tag mit seinen schlappen 24 Stunden war einfach zu kurz für Annes Power.

Dortmund Hauptbahnhof. Das Ruhrgebiet kam näher.

Eine junge Frau in Jeans, mit Pferdeschwanz und neugierigen Augen stieg ein. Ben wich ihrem prüfenden Blick nicht aus.
Bald wusste er, dass sie Studentin für Anglistik war und das Wochenende bei ihrem Freund verbrachte. Ben erzählte von Berlin, vom Kneipen- und Szeneleben, wo er noch gestern nach der Arbeit gechillt hatte.
Er sagte ihr nicht, dass er einen gut bezahlten Job im Bahnmanagement hatte und eine Loftwohnung am Prenzlauer Berg.
Ben war letztes Jahr dreißig geworden und hatte zu diesem Zweck eine In-Kneipe gemietet.
Seine Eltern hatten ihn in Berlin besucht. Die Mutter ließ sich die Enttäuschung nicht anmerken, denn Ben hatte ihr strengstens untersagt, irgendeine in seinen Augen peinliche Rede vorzubereiten. Die Nacht mit Freunden durchquatschen, Musik hören, mit einem guten Bier in Reichweite, das war Bens Wunsch und er war schließlich das Geburtstagskind gewesen. Heute bekam seine Mutter die Fotoshow und den ganzen Quatsch, den sie offensichtlich brauchte. Heute war sie das Geburtstagskind.

Essen Hauptbahnhof. Bens Schwester Sarah holte ihn ab. Sie wirkte leicht gestresst, seit sie ein Baby hatte, das im Augenblick ihr Mann hütete. Die beiden Geschwister besprachen noch einmal den Ablauf der Präsentation. Cool down, baby, dachte Ben. Es handelt sich hier um keine Doktorarbeit, aber er hatte schon beobachtet, dass seine Schwester das Perfektionsstreben der Eltern geerbt hatte. Sie hatte zum Glück alle ihre Erwartungen erfüllt:
Beruf, Familie, Haus, der Fels, auf den man bauen konnte.

Anne begrüßte ihren Sohn. Sie hatte alles bestens organisiert, eine ehemalige Scheune außerhalb gemietet, die allen Ansprüchen genügend umgebaut war. Das Catering kam von einem Edelitaliener. Zum Empfang der Ehrengäste gab es natürlich ein Glas Champagner, und die beste Rede hatte Anne selbst vorbereitet, auch wenn Karls Rede, die den Zusammenhalt der Familie beschwor, nicht schlecht war. Die kommentierte Bildershow der Kinder kam natürlich auch an, und wie es sich Ben schon gedacht hatte, fand das Foto von Anne und Karl im Hippielook besonders viele Lacher.

Bis drei Uhr nachts hielt man durch, und am nächsten Morgen wollte man erst einmal ausschlafen. Gegen zwölf traf sich die Familie zum gemeinsamen Frühstück, denn Ben hatte im Haus seiner Eltern übernachtet, wo sein ehemaliges Zimmer immer noch als Gästezimmer fungierte.
Genüsslich roch Ben an den frischen Brötchen, die es mittlerweile schon sonntags gab. Karl hatte es sich nicht nehmen lassen, sie zu besorgen, und das gleichzeitig mit einem erfrischenden Spaziergang zu verbinden.

„Ich muss mit euch reden“, begann Ben. „Meinst du, dass jetzt der richtige Augenblick ist?“ fragte seine Mutter, wohl Unheil ahnend. „Wollt ihr es lieber von anderen erfahren?“ Ben spielte darauf an, dass die Eltern die Schwangerschaft ihrer Tochter durch Dritte erfahren hatten, was sie damals sehr schockiert hatte.
„Okay Ben, wir hören,“ sagte der Vater.
„Ich habe meinen Job und meine Wohnung in Berlin gekündigt. Am 1. März fliege ich für ein Jahr nach Südostasien. Dort will ich tauchen. Ihr kennt ja mittlerweile meine Leidenschaft für das Tiefseetauchen.“
Die Gesichter seiner Eltern waren noch entsetzter, als sie sich Ben vorgestellt hatte.
Finanzkrise, sicherer Job, um Himmels Willen, noch einmal nachdenken, zwei Monate Urlaub täten es doch auch...
Argumente und Fragen prasselten auf Ben herab wie ein befreiender Regen im Sommer.
Warum, Ben???

Ja, warum?
Freiheit, Abenteuer, Leben jetzt und nicht morgen.
Eigentlich müssten das doch seine Eltern verstehen, die Alt-68er!

Letzte Aktualisierung: 02.02.2009 - 21.37 Uhr
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