Sexlibris
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Überraschung | Februar 2009
Lockvogel
von Birgitt Doeuillet

Inga. Tom liebte sie abgöttisch. Ja, er hatte sie geschlagen, im Streit. Aber das war ein Ausrutscher gewesen, eine einmalige Sache, nichts, was man nicht verzeihen könnte. Am nächsten Tag hatte sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen. Alle seine Beteuerungen hatten nichts genutzt. „Wer einmal zuschlägt, schlägt immer wieder!“ Von dieser Überzeugung war Inga nicht abzubringen. Tom flehte und schmeichelte, versprach und bettelte. Sie war nicht mehr zu erweichen.
Er igelte sich ein, war tagelang nicht ansprechbar. Seine Freunde umsorgten ihn, lockten ihn mit tollen Angeboten. Doch Tom wollte das Haus nicht verlassen, aus Angst, Inga zu verpassen, falls sie sich melden sollte. Die meiste Zeit grübelte er.
In guten Momenten malte er sich ihre Versöhnung aus. Wie er erst durch vorsichtige Zurückhaltung zeigen würde, wie sehr sie ihn verletzt hatte. Wie er dann nach und nach auf ihre Entschuldigungen und Bitten eingehen würde, um ihr schlussendlich ihre Überreaktion zu verzeihen. Er hielt eine Flasche Champagner bereit und ihre Lieblingspralinen. Kerzen hatte er in seiner neuen Wohnung verteilt, und die CD mit Schmusesongs lag abspielbereit im Player.
In den Momenten, in denen er glaubte, sie für immer verloren zu haben, plante er ihren Tod. Genauso minutiös wie die Versöhnung. Wenn er sie nicht haben konnte, sollte sie auch kein anderer haben. Sein Plan war genial. Einfach, aber genial. Er würde es wie einen Selbstmord aussehen lassen. Inga hatte als Jugendliche ihre Eltern gequält, indem sie an ihren Handgelenken herumritzte. Selbstmorddrohungen waren über Jahre ihr Druckmittel gewesen. Bis sie endlich erwachsen geworden war. Mit seiner Hilfe. Er hatte sie stark gemacht. Er hatte sie so geliebt, dass sie die dummen Spielchen aufgeben konnte. Aber die Sorge saß ihren Eltern und Freunden noch in den Knochen. Darum würde jeder drauf reinfallen. Jeder.
Er besorgte ein Messer. Ein tolles Teil, ein Einhandmesser, feinste Schweizer Qualität, liebevoll von ihm nachgeschliffen. Die Klinge blitzblank und zwölf Zentimeter lang. Das trug er immer bei sich, genauso wie das Röhrchen Schlaftabletten.
Er war bereit. Er wartete. Darauf, dass sie endlich zu ihm zurückkam. Oder dass sich seine Zweitlösung als nötig erwies.
Ausgerechnet an seinem Geburtstag meldete Inga sich. In einem Briefchen lud sie ihn zu einem Glas in ‚Linda’s Café’ ein. Ihr Anblick ließ sein Herz pochen, wie immer, und ihr Lächeln machte seine Knie weich. Seine Inga! Doch sie ging kühl mit ihm um, hatte sich längst von ihm abgenabelt. Schon bei der Begrüßung gebrauchte sie das Wort Freundschaft. Plötzlich wurde sein Kopf ganz klar. Ingas Entscheidung war gefallen. Gegen ihn. Eindeutig. Dies hier war seine Gelegenheit. Der Moment, auf den er gewartet hatte.
Es war leicht, ihr in einem unachtsamen Augenblick etwas von dem Schlafmittel in den Wein zu kippen. Sie faselte weiter, wie wichtig es sei, normal miteinander umzugehen, damit sie beide in ihrem gemeinsamen Freundeskreis bleiben konnten. Er hörte kaum hin, beobachtete nur. Bald wurden ihre Pupillen größer.
„Ich fühle mich auf einmal so komisch“, sagte sie. Es klang verwaschen.
„Du verträgst den Wein nicht“, meinte Tom. „Komm, gib mir deine Autoschlüssel, ich bringe dich nach Haus“.
Sie wollte protestieren, doch als sie schon beim Aufstehen Mühe mit dem Gleichgewicht hatte, siegte ihre Vernunft. Sie ließ zu, dass Tom sie zu ihrem Auto führte. Er bugsierte sie auf den Beifahrersitz. Inga hielt sich den Kopf: „Mist … so … schwindelig … ich sollte …“
„Mach dir keine Sorgen. Gleich geht es dir besser. Alles wird gut!“, tröstete er.
„Nich … ßu mir … ßu … ßu …“
„Psst, psst, ganz ruhig!“

Sie konnte kaum noch einen Fuß vor den anderen setzten, und so trug er sie fast ins Haus. „Zuviel getrunken!“, informierte er eine Passantin, die kopfschüttelnd weiterging.
Er legte sie aufs Bett, wo sie sich umgehend zusammenrollte und einschlief. Tom zog die Spülhandschuhe aus ihrer Küche an, holte das Röhrchen mit den Schlaftabletten aus seiner Manteltasche, wischte seine Fingerabdrücke ab, drückte es ihr kurz in die schlaffe Hand, öffnete es und ließ es auf den Boden fallen. Die Tabletten sprangen munter in alle Richtungen. So. Weiter. Er ging ins Badezimmer und ließ warmes Wasser in die Wanne laufen, suchte eine Rasierklinge und warf sie hinein. Dann kam er zurück und entkleidete Inga. Der Anblick ihres nackten Körpers ließ ihn heute völlig ungerührt. Sein Gehirn spulte reibungslos das hunderte Male im Geiste durchgespielte Programm ab. Er trug sie ins Bad und setzte sie in die Wanne. Inga schnarchte leise. Tom strich ihr übers Haar, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie leicht auf die Wange. „Alles wird gut …“, flüsterte er abermals. Dann holte er das Messer, ließ es aufschnappen. Er ergriff ihr Handgelenk, das, an dem die silbrigen Narben waren. Ein scharfer, schneller Schnitt …
Inga schrie auf wie eine gequälte Katze und schlug unkontrolliert um sich. Blut und Wasser spritzen in alle Richtungen, landeten warm auf seiner Brust. Tom fuhr zurück und starrte entsetzt auf die groteske Szene. So wollte er das nicht! Sie sollte sauber und leise verbluten! Inga kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Bewusstlosigkeit. Endlich sackte sie zusammen, die verletzte Hand rutschte in die Wanne und zauberte dort letzte dunkle Wolken in das trübrote Wasser. Mühsam löste Tom seinen Blick und atmete tief durch. Ein Gefühl von Erleichterung durchströmte ihn, und eine lang nicht mehr gekannte Zufriedenheit. Die Qual der letzten Wochen war vorüber.
Das Badezimmer sah verheerend aus. Er würde einfach das Badewasser weiter laufen lassen. Schon bald würde die Überschwemmung seine Spuren gründlich verwischen.
Zeit für den Rückzug. Er spülte die Handschuhe gründlich ab und hängte sie auf den Wasserhahn in der Küche, wie es Ingas Gewohnheit war. Dann zog er seinen Mantel über, knöpfte ihn bis oben zu und verließ die Wohnung. Morgen würde er ihn zur Reinigung tragen, überlegte er, als er ihn zuhause an den Garderobenhaken hing, denn er war nicht sicher, ob das Tragen über dem besudelten Hemd nicht Spuren daran hinterlassen hatte. Nun eine heiße Dusche und frische Kleidung, und er würde wieder ganz der Alte sein. Er wollte gerade ins Bad, als er ein Geräusch zu hören vermeinte. Es kam aus seinem Wohnzimmer. Alarmiert lauschte er. Nichts. Natürlich. Er war überreizt, das war völlig normal. Um seine Dusche genießen zu können, würde er sich davon überzeugen, dass wirklich alles in Ordnung war. Er musste über sich selbst lächeln. „My name is Bond, James Bond“, sang er leise, als er in klassischer Ganovenart sein Messer zückte und die Wohnzimmertür mit einem Ruck aufriss. Das Licht flammte auf.
„Überraschung“, grölte es aus vielen Kehlen. Sämtliche Kollegen und Freunde standen mit Geschenken und Sektgläsern ausgerüstet da und stimmten an: „Happy Birthday to you, happy …“. Schnell erstarb der Gesang. Erschrocken starrten alle auf den blutigen Tom mit dem Messer. Vollkommen belämmert starrte dieser zurück.
„Wo ist Inga?“, durchbrach sein Kumpel Bernd mit schneidender Stimme die Stille. „Sie war unser Lockvogel!“

Letzte Aktualisierung: 22.02.2009 - 21.47 Uhr
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