Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Überraschung | Februar 2009
Ein wundervoller Irrtum
von Rita Hausen

Ich gehe von der Uni in die Innenstadt, betrete den Kaufhof und will mit der Rolltreppe in den ersten Stock fahren. Da steht auf einmal Mozart neben mir und lacht über die Stufen, die ständig weglaufen. Ich starre ihn an und denke: „Das ist doch nicht möglich! Hab ich Halluzinationen?“ Hinter uns hat sich ein Stau gebildet von Leuten, die die Rolltreppe benutzen wollen. Einer ruft ungeduldig: „Geht das jetzt gleich mal weiter?“ Ich sage zu Mozart: "Einfach aufspringen!“ Er hüpft elegant, als wollte er Menuett tanzen, auf eine der Stufen und so fahren wir zusammen nach oben, aber ich habe vor Aufregung natürlich vergessen, was ich kaufen wollte. Ich schiele immer wieder zu ihm rüber und kann es nicht fassen, dass er leibhaftig neben mir steht. Dennoch habe ich keinerlei Zweifel, dass er es wirklich ist. Ich gehe mit ihm in die Musikabteilung und zeige ihm Schallplatten, auf denen sein Konterfei abgebildet ist. "Da ist ein Klavierkonzert von dir drauf. Willst du es hören?" Er ist verwirrt und kratzt sich die weißgepuderte Perücke. Er sieht genauso aus wie auf den Gemälden, die man von ihm kennt. Die Leute gucken schon, denken wahrscheinlich: Wieder ein neuer Werbetrick.
"Weißt du, wo du bist?"
"Ja klar, mir wurde von der himmlischen Behörde erlaubt, Beethoven zu besuchen, weißt du, wo er wohnt?"
"Ja, schon, aber du müsstest ihn eigentlich dort oben treffen, der lebt nicht mehr, ähm – ich meine, er ist unsterblich wie du auch, aber in seinem Wohnhaus wirst du ihn nicht antreffen ..." Jetzt war ich verwirrt.
"Ich dachte mir schon, dass irgendwas schiefgelaufen sein muss. Eine merkwürdige Welt, in der ihr lebt. Ich glaube, ich habe mich mit der Zeiteinstellung vertan, in welches Jahrhundert bin ich denn geraten?"
"Wir schreiben das Jahr 1975."
"Auweia", sagt Mozart und sieht wieder sehr ratlos aus. Ich lade ihn zu einem Kaffee in die Cafeteria ein. Er lässt sich Kaffee und Kuchen schmecken, seufzt und fragt dann: "Wie hast du das gemeint mit der Unsterblichkeit? Und was hat es auf sich mit dieser flachen Scheibe, auf der meine Musik spielt?"
"Na ja, überall kann man diese Scheiben kaufen und abspielen, Musik von Beethoven gibt’s auch haufenweise. Ihr seid berühmt, unsterblich, viele Leute mögen deine Musik, auch nach 200 Jahren noch. Es gibt natürlich auch Konzerte und Aufführungen von Opern auf der Bühne. Aber mithilfe von Plattenspielern kann man eine Oper, ein Konzert im eigenen Wohnzimmer hören. Das ist so ein Kasten, darauf ist ein Mechanismus mit einer Nadel... also, das geht so..." Meine Gedanken verheddern sich, ich habe nicht viel Ahnung von Technik, schließlich studiere ich Germanistik und Theologie. Auch bin ich wegen der Anwesenheit des berühmten Mozart immer noch total aufgeregt, meine Hände beginnen zu flattern. "Ich mache dir einen Vorschlag: wir gehen jetzt zusammen ins Beethovenhaus, danach fahren wir zu mir nach Hause und ich zeige dir, wie dieser Kasten funktioniert. Und dann erzählst du mir, wie du hergekommen bist." Mozart sieht mich schelmisch an, er scheint seinen Humor wiedergefunden zu haben.

Wir gehen nach draußen, Mozart marschiert munter drauflos, ich kann ihn gerade noch davor bewahren, unter ein Auto zu kommen. Ich erkläre ihm, dass das unsere Kutschen sind. Er schüttelt den Kopf. "Die stinken aber", meint er. "Das ist das Benzin, das verbrannt wird, das produziert sogenannte Abgase." Mozart kichert. Wir machen einen Abstecher zum Beethovendenkmal. "Gibt es sowas von mir auch?"
"Ja, in Salzburg und Wien, glaub ich." Wir gehen zum Beethovenhaus, die Besuchszeit ist noch nicht zu Ende. Neben dem Eingang sitzt ein Herr, der den Eintritt kassiert. Ich frage ihn, ob Mozart vielleicht umsonst reindarf. Er erwidert: "Du leeve Jott, mer han doch noch käne Karneval, wie löf dä dann eröm?" Mozart zupft irritiert an seinen Spitzenmanschetten. Ich sage nichts mehr, bezahle den Eintritt und wir besichtigen die Räume. Nur mit Mühe kann ich Mozart davon überzeugen, dass Beethoven wirklich nicht zu Hause ist.

Wir fahren dann mit der Straßenbahn zu meiner Studentenbude. Auf der Fahrt gestehe ich Mozart, dass mir seine Musik sehr viel bedeutet, ja ich beginne geradezu davon zu schwärmen. Ich erzähle ihm auch von meinem Studium, von meinen Studienkollegen und Freunden. Aber er verrät mir immer noch nicht, warum er hier auftauchen muss, um Beethoven zu treffen. "Komische Welt", murmelt er immer wieder in das Sirren der Straßenbahn hinein. "Hast du Notenpapier, ich muss was komponieren." Ich schüttele den Kopf. Wir steigen aus. In meinem Zimmer lege ich das Klavierkonzert Nr. 21 in d-Dur auf. Mozart beobachtet gespannt, wie ich den Arm mit der Nadel auf die Platte lege. Es knistert leise, bevor das Konzert beginnt. Kindliche Freude und Verwunderung spiegeln sich auf Mozarts Gesicht, als die Musik aus den Lautsprechern erklingt. Er lehnt sich in meinem Korbsessel zurück, schlägt die Beine übereinander und wippt mit seinem Schnallenschuh. Ich mache eine Flasche Wein auf. Als ich rumhantiere, macht Mozart "pscht", nimmt aber dankbar ein Glas Wein an und leert es in einem Zug. Der zweite Satz beginnt, das Andante, das ich so wunderbar finde. Trotzdem muss ich auf einmal fürchterlich lachen, weil die Situation, in der ich mich befinde, völlig absurd ist. Vielleicht will ich mich damit auch nur vor allzu großer Ergriffenheit schützen. Sitze ich doch mit Mozart zusammen, trinke Wein mit ihm und höre eines seiner Klavierkonzerte. Mozart lacht mit, protestiert dann aber: "Jetzt habe ich diese Stelle verpasst. Ich wollte doch mitbekommen, wie sie interpretiert wird." "Kein Problem", antworte ich noch immer glucksend, nehme den Plattenarm und setze ihn etwas zurück, damit Mozart seiner eigenen Musik lauschen kann. Schließlich ist das Konzert zu Ende und Mozart sagt: "Schön. Sauber gespielt, keine Patzer, die Tempi sind gut eingehalten. Wer ist der Pianist?"
"O, den kennst du bestimmt nicht", antworte ich, gebe ihm aber die Plattenhülle zum Nachlesen. Während er liest, fällt mein Blick auf ein Blatt, das ich an der Dachschräge befestigt habe, es ist ein Auszug aus einem überlieferten Brief Mozarts, er scheint mir der Situation irgendwie angemessen: "Ich bin, ich war, ich wär, ich bin gewesen...o dass ich gewesen wäre, wollte Gott, ich wäre gewesen." Das bringt mich wieder auf die Frage, was ihn nach Bonn und in unsere Zeit verschlagen hat. Er kann Beethoven doch in Wien oder im Himmel treffen, warum ausgerechnet hier und heute. Mozart zieht eine Taschenuhr aus seiner Westentasche und sagt: "Ich glaube, ich muss los."
Und was ist mit Beethoven?"
"Den treffe ich heute Abend beim himmlischen Konzert."
"Ja, und was sollte das Ganze?"
"Ein Spaß. Ein musikalischer Spaß. Ein himmlischer Spaß. Aber ich muss noch für heute Abend etwas komponieren. Der Chef hat gesagt, er mag nicht immer Bach hören. Er will mal wieder was Neues. Aber im Himmel fällt mir nichts ein. Deshalb muss ich ab und zu hier runter. Eigentlich wollte ich mir Anregung beim jungen Beethoven holen. Stattdessen habe ich dich getroffen. Ich habe meine Uhr falsch eingestellt und bin in der falschen Zeit gelandet."
"Ein wundervoller Irrtum, köstlich geradezu, auf diese Art und Weise habe ich dich persönlich kennengelernt, es ist mir eine große Ehre." Mozart lächelt freundlich, fummelt an seiner Uhr herum und ist plötzlich verschwunden. Ach, denke ich, wie schade, ich hätte noch gerne von ihm das Menuett-Tanzen gelernt. Außerdem hätte ich ihn gerne noch einiges gefragt zu seinem Leben im Diesseits und Jenseits. Aber so plötzlich wie er gekommen war, so plötzlich ist er verschwunden.

Ich höre die Eingangstür und gehe in den Flur. Barbara, meine Freundin und Wohngefährtin kommt aus dem Seminar nach Hause.
"Wo warst du? Was hast du gemacht? Wir hatten doch Seminar über 'Gottes Wesen und Eigenschaften'."
"Ich habe geschwänzt. Gottes Wesen und Eigenschaften kenne ich nicht, aber ich weiß, was er heute Abend zu hören bekommt."
"Sag mal, war irgendwas? Du bist so komisch."
"Ja, es war was, ich hatte sehr hohen Besuch. Mozart war da."
"Du hast was getrunken!"
"Richtig, mit Mozart, aber nicht viel."
"Tsts", macht sie und geht in ihr Zimmer. Sie glaubt mir nicht. Kein Mensch wird mir das glauben und ich habe keinen Beweis. Mozart hat mir auch kein Andenken dagelassen. Aber vielleicht kommt er mich mal wieder besuchen. Für diesen Fall werde ich auf jeden Fall Notenpapier zuhause haben.

Letzte Aktualisierung: 20.02.2009 - 16.29 Uhr
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