Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Überraschung | Februar 2009
Überraschungen beim Hochzeitsfest
von Gerhard Fritsch

Nach einer kurzen Pause, in der er tief Luft holte und in die Runde schaute, fuhr König Karsomeid in gehobener Lautstärke fort: „Versammelte Gemeinde, so seid nun Zeuge meiner Worte, die von nun an gelten sollen, und verkündet sie eueren Untertanen, dass auch sie den Rechtstand kennen... Hiermit wird besiegelt, dass meine Tochter Kunelda, Prinzessin von Sanharum, und Arpath, Prinz von Radogar, das Band der Vermählung um sich legen. Niemals soll dieses Band zerreißen.“
Dem Brautpaar zugewandt ergänzte er: „Solange ihr auf dieser Welt verweilt, gehört das Leben des einen auch dem anderen. Erfreuliches werdet ihr genauso teilen wie Schmerzhaftes. In diesen Dingen seid ihr nicht mehr zwei, jeder für sich, sondern nur noch eins. Nehmt deshalb den Kelch und schwört euch diese Treue für den Rest eueres Lebens.“
Malax legte nun ein Band symbolisch über die Hände des Paars, sprach einige Beschwörungsformeln und reichte den Kelch mit dem Wein der Wahrheit Kunelda. Diese gab ihn Arpath zum Tranke, der ihn halb leerte und anschließend mit fester Stimme verkündete: „Ich gelobe, dich Kunelda, Prinzessin von Sanharum, zur Frau an meiner Seite zu nehmen und mit dir bis zum Ende meiner Tage das Band der Liebe und Treue zu halten.“
Wieder murmelte Malax den für die Zuhörer unverständlichen, aber mit eindrucksvoller Gestik vorgetragenen rituellen Vers, und Arpath reichte Kunelda, ihr tief in die Augen schauend, den Kelch. Kunelda fasste ihn, trank ihn mit etwas Mühe leer und sagte, zwar nicht so stimmgewaltig wie Arpath, aber nichtsdestotrotz genauso bestimmt ihren Spruch auf: „Ich gelobe, dich, Arpath, Prinz von Radogar, zum Manne an meiner Seite zu nehmen und mit dir bis zum Ende meiner Tage das Band der Liebe und Treue zu halten.“
Karsomeid ergriff seinen Becher, gefüllt mit süßem, roten Wein, und donnerte, den Applaus schon vorwegnehmend: „ihr habt es gehört, ihr könnt es bezeugen, das Paar ist vermählt!“
Ein Jubelgeschrei mit Hoch- und Heil-dem-Prinzenpaar-Rufen erfüllte den Saal, dass keiner mehr das Wort seines Nächsten verstand.

König Wichterich machte sich auch gar nicht erst die Mühe, etwas zu sagen, sondern veranlasste nur mit Winkzeichen und Ärmelzupfen Karsomeid und Hagir, der ihm half, sowie Zerzin, den Heilkundigen der Zwerge, mit ihm hinter den schweren Vorhang zu kommen, der die große Festhalle von der dahinter liegenden Gerätekammer trennte. Dort angekommen öffnete Zerzin eine schmale hölzerne Truhe. Daraus entnahm er erst ein kleines, dann noch ein größeres, sorgfältig zusammengeschnürtes Bündel.
„Prinz Arpath hat mir davon erzählt, wie sehr ihr unter dem Verlust von Auge und Elle leidet. Nun wollen wir sehen, wozu die Schmieden und Quarzschmelzen von Minbichhall in der Lage sind.“
Während Wichterich gesprochen hatte, waren auch Arpath und Kunelda hinzugekommen und halfen nun Zerzin, der die Bündel geöffnet hatte, Karsomeid die kunstvoll gearbeitete metallene Armprothese anzulegen, die die begabtesten Handwerker Minbichhalls in den letzten Dekaden nach den Maßen angefertigt hatten, die ihnen Arpath bei seinem Besuch am Schnattbartberg gegeben hatte. Zerzin zeigte ihm den Mechanismus, mit dem die künstliche Hand ausgestattet war: berührte er danach einen Gegenstand mit der Handinnenfläche, so passten sich die Finger dessen Form an und hielten ihn fest umschlossen. Zum Loslassen genügte ein Griff mit der rechten Hand an einen versteckt angebrachten kleinen Hebel unterhalb des Handgelenks.
„Bedenkt“, fügte Zerzin hinzu, „dass eure neue Hand mehr Kraft hat als die alte. Einem Kind solltet ihr damit nicht die Hand schütteln.“
Aus dem kleinen Bündel holte er nun einen glasartigen Gegenstand, geformt und gebildet wie ein Auge mit Iris und Pupille, das dem gesunden Auge Karsomeids sehr ähnlich sah.
„Sehen könnt ihr damit nicht“, sagte Zerzin, während er ihm half, es einzusetzen, „aber ihr seht damit aus, als könntet ihr es.“
Als Karsomeid sein Gesicht im Spiegel betrachtete und den Mechanismus seiner neuen Hand mit großem Interesse ausprobierte, kehrte Farbe in sein Antlitz zurück. Stolz hob sich sein Brustkorb, als er tief einatmete, wie er es schon lange nicht mehr vermocht hatte. Er dankte den beiden Zwergen von Herzen und gestand ihnen: „Mit euerer Hilfe ist es mir vergönnt, mich noch einmal als König zu fühlen.“

Die Gäste im Saal staunten überrascht über die wundersame Verwandlung des Königs, als dieser wieder auf seinem Stuhl Platz nahm. Und auch Karsomeids Gemüt wirkte wie ausgewechselt.
Freudig schlug er mit seiner eisernen Hand auf den schweren Eichentisch, dass im ganzen Saal sofort Ruhe einkehrte und alle Ohren ihm lauschten.
„Nach all den schrecklichen Ereignissen der zurückliegenden Mondumläufe und den schauderhaften Erlebnissen, die einige von uns im Reich des Schattens erdulden mussten, ist heute ein Tag der Freude für uns alle. Aber dieser Tag hat mich auch geläutert. Aufgestanden als Kriegskrüppel mit der Bürde, das Liebste, das mir geblieben ist - mein Kind - aus der Hand zu geben, hat ein Barde mit dem falschen Lied mir die Augen, ... mmmh ... das Auge, geöffnet, und meine Freunde aus dem Zwergenreich einen neuen Menschen aus mir gemacht. Einen Menschen, der erkannt hat, dass andere seine Aufgaben besser erfüllen können und hiermit verkündet, dass seine Tage als König von Sanharum sich dem Ende zuneigen: Von heute an zum sechsten Vollmond werde ich die Krone meiner Tochter Kunelda übergeben. Mit dem Mann an ihrer Seite wird sie das Land besser regieren als je ein König zuvor... Hebt euere Gläser, hoch lebe die neue Regentin!“

Die Gäste erhoben sich, tranken Brautpaar und König zu und jubelten. Brambel und Grumbel liefen zu Kunelda um umarmten sie vor Freude, und als der Beifall abebbte und sich alle wieder setzten, ergriff der Zwergenkönig mit donnernder Stimme das Wort:
„Mit großer Achtung, König Karsomeid, haben wir deine Stimme vernommen. Nie wäre der Zeitpunkt des Wechsels besser gewählt gewesen, als gerade jetzt, deshalb hört auch meine Worte: Auch das Zwergenvolk vom Schnattbartberg hat einen Nachfolger für seinen alten, gebrechlichen König gefunden, der des Regierens müde geworden ist. Die Weitsicht der Weltenbewahrer hat uns einen jungen, starken und überaus gescheiten Mann bestimmt, der, solange der Thron von Minbichhall besteht, als erster König das Zepter von seinem noch lebenden Vorgänger übernehmen wird. Der Mann, von dem ich spreche, ist der größte Held, den Minbichhall in tausend Jahren gesehen hat, dem ersten seit Silbergrin, dem die Götter wieder erlaubten, den Zornhammer zu schwingen, und der gemeinsam mit der weisen Kraft eines Ahmesguren damit die Brut der Hölle in die Unterwelt zurückgeworfen hat. Die Rede ist von Sili Gramlich, dem Retter Sanharums und Minbichhalls, dem ich an Sohnes statt, welchen die Götter mir versagt haben - jetzt weiß ich auch, warum - die Königswürde übergeben werde, sobald er auch die letzte Voraussetzung dazu noch erfüllt,.. sobald nämlich er ein Weib an seine Seite nimmt.“
Wieder erhob sich die Menge, jubelte und stemmte Becher und Krüge, nur Sili blieb bleich und verlegen sitzen.
Um zu zeigen, dass sie etwas sagen wollte, breitete Marka, die Gemahlin des Zwergenkönigs, ihre Arme aus und wartete, bis der Beifallssturm sich gelegt hatte. Dann legte sie Sili die Hand auf den Kopf und sagte, so dass alle es hören konnten: „Nun Sili ist es Zeit, dem König deine Braut vorzustellen.“
Sili war verdattert ob dieser Aufforderung, noch mehr verstört als vorher. Die Verlegenheit trieb im Röte ins Gesicht, und er wusste nicht, was er antworten sollte. Aber das war auch gar nicht nötig, denn Marka klatschte laut in die Hände, worauf am anderen Ende der Halle das Tor geöffnet wurde und zwei Gestalten hereingeleitet wurden. Zunächst konnte niemand im grellen Gegenlicht erkennen, wer da hereinkam, doch schon wenige Augenblicke später vernahm man ein bewunderndes „Oh“ und „Aahh“, und dann war es wieder einmal Grumbel, der als erster ausrief: „Seht doch, das ist ja Betesa!“
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da fuhr es auch Sili voller Überraschung über die Lippen: „Betesa!... Mutter!“, denn die zweite Frau, die mit Betesa hereinkam, war Nirka Gramlich.
Um der Situation die Spannung zu nehmen, nahm nun Marka Sili bei der Hand und ging mit ihm Betesa entgegen, die mit dem glitzernden Schmuck in ihren offen getragenen dunklen Haaren, die ihren zierlichen schlanken Körper bis zur Hüfte hinab umwallten, einfach zauberhaft aussah. Selbst Kunelda war anzumerken, dass sie etwas neidvoll auf das Zwergenmädchen blickte.
Noch bevor Sili Betesa begrüßen konnte, ergriff erneut Marka das Wort, diesmal mit noch größerer Entschlossenheit: „Sili, Sohn Untersteins, aus dem Hause Gramlich, vom Stamme der Vilichs, ist es wahr, dass Betesa, Tochter Omeikas, aus dem Hause Holdmin, vom Stamme der Vilins, das hübscheste und deinem Verlangen in allen Bereichen am besten entsprechende Mädchen ist, das dir je unter die Augen gekommen ist?“
„J..j...“. Sili fing in seiner Schüchternheit wieder an zu zögern, doch Marka drückte fest seine Hand und übertrug ihm damit die Sicherheit, das „ja“ zu Ende zu sprechen.
Betesa blickte verschämt zu Boden, doch jeder, der nahe genug war, konnte erkennen, dass ihr Herz vor Glück lachte.
Marka ließ Sili keine Zeit, durchzuatmen oder etwas zu sagen, das den Lauf ihrer Vorstellungen hätte behindern können, sondern setzte gleich nach: „Würdest du unter Einsatz deines Lebens alles tun, um Betesa aus den Klauen eines Lüstlings oder Widersachers zu befreien?“
„Jj..ja“.
„Würde es dich selbst schmerzen, wenn ihr irgend ein Leid zustieße?“
„J..j..jaa!“
„Würdest du sie je alleine lassen, wenn ihr Gefahr droht?“
Diesmal drückte sie ihm nicht die Hand, sondern stieß ihn unauffällig mit dem Fuß gegen das Schienbein.
„Neeiiin!“
„Liebst du sie?“
„Jaa, ...ja...ja.., von ganzem Herzen!“
Betesa hatte Glückstränen in den Augen und Sili strahlte vor Erleichterung, dass er es endlich herausgebracht hatte.

Letzte Aktualisierung: 06.02.2009 - 20.48 Uhr
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